Kochen ist die grosse Leidenschaft des Bischofszeller Stadtoriginals Ayhan Karmis

Das Bischofszeller Stadtoriginal Ayhan Karmis ist seit 15 Jahren Marktfahrer. Schon der Vater des gebürtigen Kurden übte diesen Beruf aus.

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Händler Ayhan Karmis an seinem Stand am Wochenmarkt in Bischofszell.

Händler Ayhan Karmis an seinem Stand am Wochenmarkt in Bischofszell.

Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

Samstagmorgen – kurz vor sechs Uhr: Die Altstadt wirkt noch verschlafen. Eine schwarze Katze huscht über die Marktgasse, ansonsten ist es hier noch unbelebt. Ganz anders vor dem Bogenturm. Hier hat bereits ein neuer Arbeitstag begonnen. Ayhan Karmis nimmt die mit mediterranen Spezialitäten gefüllten Gefässe aus seinem Auto und trägt sie zu seinem Marktstand. Er ist stets als Erster aller Markthändler auf dem Platz. Ayhan Karmis macht seinen Stand früh parat für den Wochenmarkt in Bischofszell.

«Ich bin um vier Uhr aufgestanden und habe die beiden türkischen Spezialitäten Zigarillos und Falafelkugeln gekocht, damit ich sie frisch verkaufen kann», erzählt der Markthändler. Ayhan Karmis bietet nebst türkischen Köstlichkeiten auch griechische Oliven an – insgesamt über 20 verschiedene mediterrane Naturprodukte. Der Bischofszeller erzählt, dass er am Samstag immer so früh hier sei, denn kurz vor sieben Uhr erwarte er seine erste Stammkundin.

Man spürt es: Ayhan Karmis ist ein Mann, der liebt, was er tut. Er steckt viel Herzblut und Engagement in seine Aufgabe. Seit 15 Jahren steht er bei Wind und Wetter jeden Samstagmorgen – und dies jeweils eine Woche vor Ostern bis Ende November – am Wochenmarkt in Bischofszell. Ayhan Karmis ist sein eigener Chef, doch der Marktkalender gibt ihm den Rhythmus vor. Anzutreffen ist er auch regelmässig auf dem Wochenmarkt im zürcherischen Meilen.

Ausgebildet als medizinischer Laborant

Ayhan Karmis ist im Jahre 1996 aus der Türkei in die Schweiz emigriert – seine Frau Sümbül drei Jahre später. Die Schweiz, insbesondere das Städtchen Bischofszell, sei ihre neue Heimat geworden. In der Rosenstadt haben die beiden geheiratet und ihre drei Kinder Arin, Asmin und Emir erblickten im Thurgau das Licht der Welt. «Meine Familie und ich sind seit drei Jahren richtige Bischofszeller», sagt Ayhan Karmis mit einem dankbaren Lächeln, während er auf seine Identitätskarte mit dem Schweizer Kreuz zeigt.

Als anerkannter Flüchtling hat Ayhan Karmis für kurze Zeit im Durchgangsheim in Kreuzlingen gewohnt, bevor er nach Bischofszell gezogen ist. Er habe bei seiner Ankunft geweint, sagt Ayhan Karmis. Einerseits sei es der Schock gewesen von der Grossstadt in das beschauliche Kreuzlingen, ohne ein Wort Deutsch sprechen zu können. Anderseits seien es aber auch Freudentränen gewesen – aus Glück und Dankbarkeit, in einem so ruhigen Land leben zu können, das er zuvor nicht gekannt hatte. Ayhan Karmis, der durch Amnesty International in die Schweiz gekommen ist, hat dann Deutschunterricht im einstigen Asylheim beim Restaurant Sternen in Bischofszell besucht. Seine Frau Sümbül ging dazu nach St.Gallen.

Pop-up-Restaurant im September

Ayhan und Sümbül Karmis sind jeweils an der Rosen- und Kulturwoche in Bischofszell mit einem mediterranen Beizli vertreten. Da dieses Jahr dieser Anlass wegen Corona nicht stattfinden konnte, betreiben die beiden jeden Freitag- und Samstagabend im September ein Pop-up-Restaurant mit mediterraner Küche in der Villa Érika an der Türkeistrasse 7 in Bischofszell.
Das temporäre Restaurant ist jeweils von 17 bis 22 Uhr geöffnet, eine Anmeldung unter 076 334 17 32 ist erwünscht . (yal)

Der gebürtige Kurde ist in Adana – der grössten Stadt in der fruchtbaren Tiefebene von Cukurova – aufgewachsen. «Adana liegt im Süden der Türkei, unmittelbar am Mittelmeer», erklärt Ayhan Karmis seine Herkunft. Sein Vater sei ebenfalls Markthändler gewesen und habe ein Textilwarengeschäft geführt. Nach kurzer, schwerer Krankheit sei er allerdings früh verstorben – Ayhan Karmis war damals erst elf Jahre alt. Seine Mutter habe danach ein kleines Geschäft mit selbstgemachten Käse- und Milchprodukten betrieben. Ayhan Karmis lernte schon früh zu Hause mit anpacken. Damit die Familie überleben konnte, haben er und seine neun Geschwister überall dort mitgeholfen, wo es Arbeit gab. «Ich habe in der Apotheke gearbeitet, im Coiffeursalon und beim Schreiner», erinnert sich Ayhan Karmis. Nach dem Gymnasium hat er dann eine dreijährige Ausbildung zum medizinischen Laboranten absolviert. Die Mutter habe dafür geschaut, dass alle Kinder einen soliden Beruf erlernen konnten. Der 58-Jährige sagt:

«Die Solidarität in unserer Familie war gross.»

Orangenbäumchen erinnern an die Kindheit

Der Weg vom Elternhaus zur Primarschule sei damals von unzähligen Orangenbäumen gesäumt gewesen. Zahlreiche dieser Bäume mussten allerdings den Neubauten weichen. Ein bisschen Kindheitserinnerung und mediterrane Stimmung hat sich Ayhan Karmis auch in sein Zuhause in Bischofszell geholt. Auf seiner Terrasse stehen nämlich Orangenbäumchen. Doch Ayhan Karmis und seine Familie sind inzwischen durch und durch Schweizer. Karmis sagt:

«Wir lieben auch die Schweizer Küche – beispielsweise Raclette und Käsefondue isst die ganze Familie gerne.»

Und überhaupt: Kochen ist seine grosse Leidenschaft. Gastfreundschaft wird bei Familie Karmis grossgeschrieben. Ayhan Karmis erzählt, dass er regelmässig Freunde, Nachbarn und Bekannte kulinarisch verwöhnt. Von seiner Mutter habe er gelernt, veganes Moussaka zu kochen. Seit 13 Jahren bieten Ayhan und Sümbül Karmis einen Party-Service an. «Adonus Catering» hat sich zum zweiten Standbein etabliert.

Gibt es manchmal Heimweh nach der Türkei? «Nein, Heimweh kenne ich überhaupt nicht», sagt Ayhan Karmis, ohne lange zu überlegen. Er sei froh, im wunderschönen Bischofszell eine neue Heimat gefunden zu haben. «Unsere drei Kinder sind zweisprachig aufgewachsen – sprechen aber perfekt den Thurgauer Dialekt», sagt er und lacht. Der älteste Sohn Arin studiert Wirtschaftsrecht an der Universität in St.Gallen, Tochter Asmin besucht die Kantonsschule in Romanshorn, und der jüngste Spross der Familie – Emir – ist in der Primarschule in Bischofszell.

Und was hat sich in Coronazeiten auf dem Bischofszeller Wochenmarkt verändert? Grundsätzlich habe sich eine positive Veränderung gezeigt. Regionale Lebensmittel seien nun besonders begehrt, und zudem gäbe es mehr Marktbesucher als früher.