«Klar sorgt das für Unsicherheit»: Wie eine Swiss-Pilotin aus Ermatingen den Lockdown erlebt

Die Arbeit von Jennifer Knecht, Swiss Pilotin aus Ermatingen, hat sich in der Coronakrise drastisch verändert. Sie fliegt kaum noch, und wenn, dann vor allem Material statt Passagiere.

Viola Stäheli
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Die Ermatinger Swiss-Pilotin Jennifer Knecht in ihrer Heimat am Untersee.

Die Ermatinger Swiss-Pilotin Jennifer Knecht in ihrer Heimat am Untersee.

(Bild: Andrea Stalder)

Jennifer Knecht lässt ihren Blick über den Bodensee schweifen – es ist ein trüber Tag, trotzdem ist die Aussicht vom Schloss Arenenberg aus sehenswert. Sie erinnert sich: «Dann hiess es überraschend, dass unser Flug für unbestimmte Zeit der letzte in die japanische Stadt Osaka sein wird. Wir mussten unsere Besatzungen zurückholen, die dort untergebracht waren. Nach der Landung in der Schweiz hatte es niemand eilig das Flugzeug zu verlassen. Keiner von uns wusste, wann wir wieder ein Flugzeug betreten werden.»

Auf dem Schloss Arenenberg ist die Swiss Pilotin nun öfters: Sowohl ihre Joggingrunden als auch Biketouren führen die 30-Jährige oft an diesem Ort vorbei. Knecht ist in Ermatingen aufgewachsen und von ihren Reisen rund um die Welt immer wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.

Medizinische Geräte statt Passagiere im Flugzeug

«Im April konnte ich einmal nach Peking fliegen», sagt die Pilotin. Allerdings waren bei diesem Flug die Sitze nicht von Passagieren besetzt, sondern mit Paketen voller medizinischer Güter, wie Masken und Schutzanzügen, vollgepackt.

«Über 200 solcher Frachtflüge wurden von der Swiss bereits seit Mitte März durchgeführt.»

Diese Flüge sind für die Crew anstrengend: Nach der Landung dürfen sie nur kurz auf dem Standplatz des Flugzeugs die Füsse vertreten, verbracht wird die sechsstündige Ruhezeit im Flugzeug, bevor es zurück in die Schweiz geht. «Besonders die trockene Luft merkt man nach den vielen Stunden. Aber ich freue mich immer zu fliegen, immerhin kann ich so etwas Gutes tun», sagt die Pilotin.

Lizenz bleibt dank Simulator erhalten

Swiss-Pilotin Jennifer Knecht geniesst die Aussicht vom Schloss Arenenberg.

Swiss-Pilotin Jennifer Knecht geniesst die Aussicht vom Schloss Arenenberg.

(Bild: Andrea Stalder)

Im Mai hat sie bisher noch kein Flugzeug von innen gesehen. Trotzdem ist sie geflogen: Im Simulator. «Damit meine Pilotenlizenz aufrecht erhalten bleibt, muss ich in 90 Tagen mindestens drei Starts und drei Landungen durchgeführt haben», erklärt Knecht. Daneben war sie bei verschiedenen Trainings dabei, in denen Notfallszenarien wie Brand an Bord oder Triebwerksausfall durchgespielt wurden.

«Trotz Simulator und einzelnen Frachtflügen bleibt natürlich viel freie Zeit.»

Und das hat auch seine guten Seiten: Es gibt keine Jetlags und es pendelt sich ein Alltag ein – eine Normalität, die Piloten üblicherweise nicht haben. «Eigentlich würde ich so viel freie Zeit mit Kiten oder Surfen irgendwo am Meer verbringen. Nun bin ich aber mit unserer neuen Wohnung beschäftigt – und manchmal hat es auch genug Wind am Bodensee zum Kiten», sagt Knecht.

Sie und ihr Verlobter, der ebenfalls ein Pilot der Swiss ist, bauen sich eine Wohnung um – und haben sich sogar als Bodenleger behauptet. «Das hat Spass gemacht, aber ich behalte trotzdem lieber mein Arbeitsort im Cockpit», sagt sie lachend.

Die lange Rückkehr bis zum normalen Luftverkehr

«Vielleicht kommt es zu grundsätzlichen Veränderungen in der Fliegerei», sagt Knecht. Solange die Grenzen geschlossen sind, werden die Langstreckenflüge weiterhin mehrheitlich mit Fracht beladen sein. Das bringt einen gewissen Gewinn, zudem sind die Flugzeuge in der Luft und erleiden keine Schäden durch den Nichtgebrauch.

Die Swiss hat bekannt gegeben, dass ab Juni wieder 15 bis 20 Prozent des bisherigen Flugangebots aufgenommen werden kann, wodurch wieder 41 europäische und neun interkontinentale Ziele erreichbar sind. «Wann aber wieder der Stand vom Januar erreicht sein wird, ist nicht abzuschätzen. Klar sorgt das für Unsicherheit», sagt Knecht.

Knecht hat schon viele Ecken der Welt gesehen – aber trotzdem ist ihre Liste mit Wunschzielen noch lange.

«Für mich ist Auswandern kein Thema. Ich komme immer wieder gerne nach Ermatingen zurück, wo meine Freunde und Familie sind.»

Bei jeder Rückkehr schätzt sie die Schweiz wieder ein Stück mehr, sei es die Natur oder das funktionierende Gesundheitssystem: «Was wir hier in der Schweiz haben, sucht man lange auf der Welt.»

Männerdomäne

Nur fünf Prozent Pilotinnen bei der Swiss

Insgesamt beschäftigt die Swiss 1400 Piloten, wovon 5 Prozent Frauen sind. «Frauen sind in diesem Beruf immer noch selten. Ich schätze, dass viele falsche Vorurteile bezüglich Technik und Mathematik sie abschrecken», sagt Jennifer Knecht, Pilotin der Swiss. Sie hat vor acht Jahren den Weg eingeschlagen und war 2012 im Alter von 22 Jahren die jüngste Pilotin der Fluggesellschaft. «Ich glaube immer noch an eine Veränderung, dass zukünftig mehr Frauen den Beruf der Pilotin für sich entdecken werden. Ich habe meinen Entscheid nie bereut und freue mich noch immer auf jeden Flug», sagt Knecht.