Interview

HCT-Trainer Mair: «Es gibt Eishockeyteams, die arbeiten mit Computerchips in den Helmen»

In Kanada wird Trainer Stephan Mair als Referent geschätzt. Seine Expertise stösst sogar in NHL-Kreisen auf Anklang. Hierzulande bleibt sein Wissen vorerst noch dem HC Thurgau vorbehalten.

Matthias Hafen
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Thurgaus Trainer Stephan Mair bildet sich regelmässig weiter, um bei den Entwicklungen im Trainerbusiness am Ball zu bleiben. (Bild: Donato Caspari)

Thurgaus Trainer Stephan Mair bildet sich regelmässig weiter, um bei den Entwicklungen im Trainerbusiness am Ball zu bleiben. (Bild: Donato Caspari)

Seit diesem Sommer kennen selbst NHL-Coaches den HC Thurgau. Wie kam es dazu?

Stephan Mair: Wie schon seit mittlerweile zehn Jahren nahm ich im Juni an einem Trainersymposium in Windsor, Kanada, teil. Erstmals trat ich heuer auch als Referent auf.

Diese «Roger Neilson’s Coaches Clinic» zählt zu den renommiertesten Trainersymposien in der Eishockeywelt. Was haben Sie den knapp 200 anwesenden Coaches aus der NHL und anderen wichtigen Ligen der Welt denn beigebracht?

Beigebracht ist vielleicht etwas übertrieben. Mein Thema war das Umschaltspiel, das Überbrücken der neutralen Zone im Vergleich zwischen Europa mit den breiteren Spielfeldern und Nordamerika mit seinen kleineren Eisflächen. Dazu habe ich auch Videoclips des HC Thurgau als Beispiel verwendet.

Wie gross war Ihr Aufwand?

Das Credo der Veranstalter ist, dass man als Referent den Teilnehmern etwas hinterlassen soll. Da kannst du nicht einfach hinstehen und aus dem Nähkästchen plaudern. Ich musste meine Präsentation auch zuerst einsenden, damit sie die Veranstalter begutachten konnten.

Haben Sie von den Teilnehmern ein Feedback erhalten?

Jede der 15 Präsentationen wurde bewertet und meine schaffte es in die ersten fünf. Dabei habe ich mich im Vorfeld selber gefragt, ob man mich als Trainer aus der Swiss League überhaupt ernst nehmen wird. Es war auf jeden Fall eine Ehre, dass ich als einer von nur zwei europäischen Referenten in diesem Kreis etwas vortragen konnte.

Welches war für Sie die beste Präsentation?

Die von Dan Muse, Assistenzcoach der Nashville Predators. Generell sind die Präsentationen der NHL-Assistenztrainer die detailreichsten, weil sie im Trainerstab sozusagen die Drecksarbeit machen. Von ihnen kann man viel lernen, weil sie auf einen Bereich spezialisiert sind. Sie übernehmen die eigentliche Trainingssteuerung. Deshalb tun sich auch viele NHL-Headcoaches schwer, wenn sie nach Europa kommen und hier keinen so grossen Trainerstab mehr um sich haben.

Sollten im europäischen Eishockey die Trainercrews auch grösser werden?

In Schweden bestehen solche Tendenzen bereits. Ich sehe schon, was alles möglich wäre, mit Analyseprogrammen und detaillierten Statistiken. Zum Beispiel gibt es schon Teams, die mit Computerchips in den Helmen arbeiten, die den Abstand der eigenen Spieler messen und so zeigen, ob sie kompakt genug spielen. Das Datenvolumen, das heute gesammelt wird, ist riesig. Aber man muss es dann auch noch verwerten. Die grosse Herausforderung ist, dass die Trainer ihre Spieler mit den ganzen Statistiken nicht zumüllen. Es können längst nicht alle Spieler mit ihren Statistiken umgehen. Hier muss man als Trainer einen Mittelweg finden. Aber bei diesen Entwicklungen am Ball zu bleiben, ist sicher nicht falsch.

Nun gehören Sie zu den Referenten in einem so erlauchten Kreis. Fühlen Sie sich da beim HC Thurgau nicht am falschen Ort?

Nein, denn für mich ist es wichtig, dass ich in Ruhe arbeiten kann. Das ist beim HC Thurgau möglich. Hier kann ich eine Mannschaft entwickeln, aber es muss nicht von heute auf morgen geschehen, sondern ich kann auf zwei, drei Monate hinarbeiten. Das könnte ich zum Beispiel bei Kloten oder Olten nicht. Dort sind kurzfristige Resultate viel wichtiger und oft fehlt die Geduld. Ich habe beim HCT zudem das Glück, mit Beni Winkler den idealen Assistenzcoach an meiner Seite zu haben.

Wie motiviert nehmen Sie die vierte Saison als Headcoach des HCT in Angriff?

Sehr motiviert. Das hat auch mit der persönlichen Einstellung zu tun. Wenn ich mich irgendwo verpflichte, dann setze ich mich dort voll und ganz ein und leiste die bestmögliche Arbeit. Das hätten die Spieler, die Fans und das ganze Umfeld nicht verdient, wenn ich denken würde, dass ich beim HC Thurgau am falschen Ort bin. Es hat mich gefreut, dass nach unserem Halbfinaleinzug gegen Ajoie ein Anruf aus Kloten kam. Aber da hatte ich dem HCT schon für eine weitere Saison zugesagt.

Und wenn ein Angebot aus der NLA kommt?

Ich könnte jetzt irgendwelche Geschichten erfinden, dass mich schon mehrere Clubs aus der National League kontaktiert hätten. Tatsache ist aber, dass mich noch nie jemand angerufen hat. Damit kann ich leben. Ich versuche einfach, mich als Trainer stetig zu verbessern.

Was haben Sie vom Trainersymposium in Kanada für Ihre Arbeit mit dem HC Thurgau mitgenommen?

Du kannst nicht immer alles direkt auf deine Arbeit übertragen. Aber ich nahm Ideen mit, die unser Spiel variabler und facettenreicher machen sollten. Es war eine Gelegenheit, mein Wissen aufzufrischen und neue Tendenzen im Coaching zu erkennen. Nicht zuletzt sind solche Anlässe auch Gold wert, um ein Netzwerk aufzubauen. Hier kommen Kontakte zu Stande, die dir später helfen, Informationen über Spieler einzuholen.

HC Thurgau steigt mit einer Feier in die Saison 2019/20

Exakt eine Woche vor dem Meisterschaftsstart gegen den EHC Kloten bestreitet der HC Thurgau am Freitag um 19.30 Uhr sein letztes Testspiel. Zu Gast in der Weinfelder Güttingersreuti sind die Bietigheim-Bissingen Steelers aus der DEL2, der zweithöchsten Liga Deutschlands. Nach fünf Niederlagen aus sieben Begegnungen versuchen die Thurgauer, die Vorbereitungsphase im Hinblick auf die Swiss-League-Saison 2019/20 erfolgreich abzuschliessen. Das Testspiel vom Freitag findet im Rahmen des Saisoneröffnungsfests statt. Vor der Partie sind die Verpflegungszelte bereits ab 18 Uhr geöffnet, nach der Partie kommt es im Thurgauer Dörfli neben der Eishalle Güttingersreuti zur offiziellen Mannschaftspräsentation – Autogrammstunde und Happy Hour an der Bar während der ersten 30 Minuten inklusive. Für die Spieler und das Trainerduo Stephan Mair/Beni Winkler gilt es bereits am kommenden Dienstag erstmals ernst, wenn um 20.15 Uhr der EV Zug in der ersten Cuprunde in Weinfelden gastiert. Gegen den NLA-Playoff-Finalisten und Cupsieger der vergangenen Saison ist eine Topleistung gefragt, um das hohe Ziel, das Weiterkommen in die zweite Runde zu erreichen. (mat)