Kirche in Steinach: Kalbshaare könnten die Decke retten

Die Decke der denkmalgeschützten Jakobuskirche in Steinach weist Risse auf. Spezialisten prüfen jetzt das Ausmass der Schäden. Dabei müssen sie sich mit 250-jähriger Baukunst auseinandersetzen und die Risse mit Material von damals reparieren.

Martin Rechsteiner
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Stuckateur Eugen Bucher sucht die Kirchendecke nach Rissen ab. Auf dem Fresko sind Notfallsicherungen angebracht. (Bild: Martin Rechsteiner)

Stuckateur Eugen Bucher sucht die Kirchendecke nach Rissen ab. Auf dem Fresko sind Notfallsicherungen angebracht. (Bild: Martin Rechsteiner)

Es regnet und stürmt an diesem Januartag in Steinach. Doch im Inneren der Jakobuskirche lässt es sich aushalten. Ab und zu verirrt sich ein Kirchgänger in das Gotteshaus. Dann dreht sich Eugen Bucher auf seiner Hebebühne um und ruft freundlich: «Die Kirche ist leider geschlossen.» Dabei zuckt er mit den Schultern.

Bucher ist Stuckateur und arbeitet für den Restaurierungsbetrieb der Weinfelder Firma Kradolfer Gipserhandwerk. In der Steinacher Kirche hat er folgende Mission: Die Decke des 250-jährigen Gebäudes Quadratzentimeter für Quadratzentimeter überprüfen und, falls nötig, Notfallsicherungen anbringen.

Die Jakobuskirche ist derzeit geschlossen. Denn an ihrer Decke sind Risse zum Vorschein gekommen (Ausgabe vom 22. Dezember). Einer verläuft in der Kirchenmitte quer durchs Dach und zieht sich durch das prachtvolle Fresko von Franz Ludwig Herrmann, das eine Schlacht zwischen Christen und Mauren in Spanien zeigt. «Nicht alle Risse sind so gut sichtbar wie dieser», sagt Bucher. Manche verlaufen verborgen unter dem Verputz und geben plötzlich nach. Dann fallen Gipsteile zu Boden, was eine Gefahr für Kirchenbesucher darstellen würde.

Hören wo die Schäden sind

Bucher klopft mit der Hand auf eine Stelle an der Decke. Das Geräusch und seine Erfahrung verraten ihm, ob sie stabil ist oder ob sich ein Riss darunter befindet. Vier Tage braucht er, um die gesamte Decke des Gebäudes abzusuchen.

Stellen mit sichtbarem Riss, die sich lösen könnten, sichert er mit Schrauben. Diese führen durch die Rissöffnung und werden im Gebälk über der Gipsdecke verankert. Am Schraubenkopf befindet sich eine Kunststoffscheibe, die von Grösse und Aussehen an den Teller eines Skistocks erinnert. Sie stützt die Bruchkanten und sorgt dafür, dass um den Riss nichts bröselt.

Riss existiert seit 60 Jahren

Woher die Risse kommen? «Es sind Alterserscheinungen des Gebäudes», sagt Bucher. «Aufgrund des vielen Staubs, den wir im grossen Riss gefunden haben, vermuten wir, dass er schon seit mindestens 60 Jahren existiert.» Er sei mit der Zeit grösser geworden und jetzt erkennbar.

«Kirchen hat man früher sozusagen aus einem Guss, also ohne Bewegungsfugen gebaut.» Das Resultat ist ein starres Gebilde, das sich bei äusseren Einflüssen wie Wärme, Kälte oder Luftfeuchtigkeit nicht zusammenziehen oder ausdehnen kann, ohne kleine Risse zu bilden. «Diese werden im Verlauf der Jahre immer grösser, bis sie schliesslich aus Sicherheitsgründen repariert werden müssen.»

Kalbshaare kommen vom Metzger

Heute tragen Bauingenieure diesem Umstand Rechnung, indem sie zum Beispiel Stahlbeton verwenden, der zugfest ist, und Bewegungsfugen für die Ausdehnung oder das Zusammenziehen von Gebäuden lassen. «Zwar hat man vor 250 Jahren den Kalkmörtel mit Kalbshaar verstärkt», sagt Bucher. Aber das sei nicht vergleichbar mit Armierungseisen im Beton.

Bei jenen Restaurierungen, die möglichst unsichtbar bleiben sollen, müssen die Spezialisten aber auf diese alte Bauweise zurückgreifen. «Kalbshaare beziehen wir vom Metzger. Wir verwenden sie im Kalkmörtel an Stellen, wo andere Materialien optisch auffallen würden. Zum Beispiel in Deckengemälden. Bei nur weisse Flächen, die geflickt werden müssen, geben wir stattdessen Glasfasern bei.»

Kirche bleibt geschlossen

Laut Andreas Popp, Präsident der Kirchenverwaltung Steinach, bleibt die Jakobuskirche auf unbestimmte Zeit geschlossen. «Falls die Risse nur einen Teil der Kirche betreffen, könnten Gottesdienste möglicherweise im unversehrten Teil des Gebäudes stattfinden», sagt Popp. «Wir müssen jetzt aber erst einmal das Ausmass der Schäden klären, dann lassen sich Massnahmen bestimmen.» Involviert sei auch das kantonale Amt für Denkmalpflege. Bis mindestens 7. Februar finden die Gottesdienste der Katholischen Kirche Steinach in der Evangelischen Kirche statt.

Stille Nacht ohne Dach: Steinacher Jakobuskirche sicherheitshalber geschlossen

In der historischen Jakobuskirche in Steinach wurden in den Stuckaturen der Decke Risse festgestellt. Es wurden zwar Sofortmassnahmen eingeleitet, doch nach einer neuerlichen Prüfung wurde beschlossen, dass auch die Gottesdienste über die Feiertage im Gemeindesaal durchgeführt werden müssen.
Fritz Heinze/Rudolf Hirtl