Kaderplanung
Amriswil sucht den Superstar: Wie Thurgaus Volleyball-Aushängeschild eine Meistermannschaft auf die Beine stellen will

Für Volley Amriswil wird die Zusammenstellung des neuen Kaders nach der letztlich enttäuschenden Saison 2020/21 nicht einfach. Der neue Trainer Juan Manuel Serramalera will neue Gesichter sehen. Gleichzeitig besteht der Verein auf Kontinuität. Und 2022 soll der fünfte Schweizer-Meister-Titel für die Thurgauer Tatsache werden.

Matthias Hafen
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Volley Amriswil braucht einen Ersatz für den zurückgetretenen Topskorer Thomas Zass (ganz oben).

Volley Amriswil braucht einen Ersatz für den zurückgetretenen Topskorer Thomas Zass (ganz oben).

Mario Gaccioli (Amriswil, 10. April 2021)

Mit Dieter Bohlen hat René Zweifel wenig gemein. Dazu fehlt ihm die Schnoddrigkeit, das übertriebene Ego, die blonde Gelfrisur. Und dennoch kommt sich der Sportchef von Amriswils NLA-Volleyballklub wie ein Juror von «Deutschland sucht den Superstar» vor, wenn es um die Suche nach Spielern für die nächste Saison geht. Die Kaderplanung im Sport ist eine Castingshow mit Videoclips und Statistiken. Aktuell liegen wieder Dutzende von Spielerprofilen in Zweifels Mailbox – eingereicht von Agenten und den Spielern selber. «Die guten Agenten haben sich im Vorfeld mit Volley Amriswil auseinandergesetzt, machen uns gezielte Vorschläge und fragen nach, wie hoch unser Budget ist», sagt Zweifel. «Schlechte Agenten schicken eine Liste mit 30 Spielern, die sie betreuen.»

Volley Amriswils Sportchef René Zweifel ist darauf bedacht, die passendsten Spieler zum besten Preis-Leistungsverhältnis zu bekommen.

Volley Amriswils Sportchef René Zweifel ist darauf bedacht, die passendsten Spieler zum besten Preis-Leistungsverhältnis zu bekommen.

Mario Gaccioli (Amriswil, 3. November 2018)

Zweifel ist für den Thurgauer NLA-Klub allerdings mehr Unterhändler denn Scout. Er führt die Verhandlungen mit den Spielern, die die Transferkommission ausgesucht hat – notabene alles im Ehrenamt nebst seinem Beruf als Schulleiter. Amriswils Transferkommission besteht aus Sportchef Zweifel, dem ehemaligen Spieler Aleksandar Ljubicic, Geschäftsführerin Gesa Osterwald sowie dem Trainer, neu also Juan Manuel Serramalera. Das letzte Wort bei einer Verpflichtung hat die Klubleitung um Präsident Martin Salvisberg.

Vielen Schweizern ist der Aufwand zu gross

Mit dem Wechsel von Marko Klok zu Serramalera kommt es bei Volley Amriswil in diesem Sommer zu einem Neuanfang. «Der neue Trainer will dem Team ein Gesicht geben», sagt Sportchef Zweifel, der in regem Kontakt mit dem noch in Argentinien weilenden Serramalera steht. Das heisst aber nicht, dass die Thurgauer im Hinblick auf die Meisterschaft 2021/22 fast ihr ganzes Kader auswechseln. «Einige Spieler werden wir behalten, selbst wenn sie zuletzt nicht ihre Topleistung abgerufen haben», sagt Zweifel. «Das ist die Vorgabe des Klubs. Denn hier geht es auch um die Frage, was für ein Image wir als Verein wollen.» Bei allem Willen zur Kontinuität seien bei einem ambitionierten Klub wie Volley Amriswil nach zwei verpassten Meistertiteln in den vergangenen drei Jahren (2019/20 wurde die Saison wegen Corona nicht zu Ende gespielt) grössere Wechsel jedoch unabdingbar.

Mit Karim Zerika verpflichteten die Oberthurgauer von Meister Chênois jüngst einen umworbenen Schweizer Mittelblocker. Denn eine weitere Vorgabe des Klubs ist das Einbinden von möglichst vielen Schweizern. Hierbei stösst Volley Amriswil jedoch oft an seine Grenzen. «Wir erleben es immer wieder, dass Schweizer Spieler, die wir gerne verpflichten würden, auf den Beruf respektive die Ausbildung setzen», sagt René Zweifel. «Wenn sie zu uns wollen, dann müssen sie aber in erster Linie Volleyballspieler sein. Das verlangen wir von allen.» Zehn Trainings pro Woche plus die Spiele an den Wochenenden sorgen da oft für Zielkonflikte.

Zwei Schlüsselpositionen sind noch offen

Aktuell hat Volley Amriswil für 2021/22 offiziell erst Passeur Dima Filippov (GRE) sowie die Schweizer Nationalspieler Ramon Diem (Libero) und Karim Zerika (Mitte) unter Vertrag. Bei Björn Höhne (GER/Aussen) und Julian Weisigk (SUI/Diagonal) stehen die Zeichen ebenfalls auf Verbleib. Dazu will sich Sportchef Zweifel jedoch nicht äussern. Als Abgänge stehen Thomas Zass (AUT/Diagonal), Radisa Stevanovic (SRB/Mitte), Alex Lengweiler (SUI/Mitte) und Joel Maag (SUI/Mitte) fest. Zweifel sagt: «Das Gerüst für die nächste Saison steht. Für den Rest lassen wir uns Zeit.» Auch, weil der Preis der Spieler erfahrungsgemäss günstiger wird, je näher der Saisonstart rückt.

Mindestens zwei Schlüsselpositionen muss Volley Amriswil auf jeden Fall noch besetzen: den Ersatz für Diagonalangreifer und Topskorer Zass sowie einen Top-Aussenangreifer. Der Druck, den Superstar zu finden, der Amriswil zum ersten Titelgewinn seit 2017 verhelfen kann, ist gross. Zumal im Teamsport der eigentliche Superstar sowieso das funktionierende Kollektiv ist.