Juwelen zwischen Bürglen und Bodensee: Kunstdenkmäler im Thurgau

Der jüngste Kunstdenkmälerband des Thurgaus, vor einem Jahr erschienen, lohnt einen zweiten und dritten Blick.

Dieter Langhart
Drucken
Teilen
Birwinken, Klarsreuti 36: Vielzeckbauernhaus, einst mit der Gastwirtschaft Zur Krone, erbaut vermutlich im 18. Jahrhundert:.... (Bild: Regine Abegg 2016, Amt für Denkmalpflege Thurgau)

Birwinken, Klarsreuti 36: Vielzeckbauernhaus, einst mit der Gastwirtschaft Zur Krone, erbaut vermutlich im 18. Jahrhundert:.... (Bild: Regine Abegg 2016, Amt für Denkmalpflege Thurgau)

...Türen, Täfer mit Buffet und Uhrenkasten im schlichten Stil des frühen 19.Jahrhunderts, gehen vermutlich auf die Umbauten um 1820 zurück. (Bild: Emanuel Muhl 2018, Amt für Denkmalpflege Thurgau)

...Türen, Täfer mit Buffet und Uhrenkasten im schlichten Stil des frühen 19.Jahrhunderts, gehen vermutlich auf die Umbauten um 1820 zurück.
(Bild: Emanuel Muhl 2018, Amt für Denkmalpflege Thurgau)

Nein, die Thurgauer Rübenkampagne ist noch nicht vorüber. Sie ist aber eine ideale Gelegenheit, die Autofahrt zwischen Altnau oder Bürglen und Frauenfeld ruhiger zu nehmen, statt sich über stockenden Kolonnenverkehr zu ärgern; einen Zwischenhalt vorzusehen und sich einige der baulichen Edelsteine anzusehen, die am Weg liegen. Am besten mit diesem Buch auf dem Rücksitz: «Zwischen Bodensee und Bürglen». Ein geflügelter Engelskopf lächelt vom Umschlag, eine der luftigen Stuckaturen an der Westempore der ehemaligen Klosterkirche Münsterlingen. Gut, das Buch ist dick und schwer, dafür quillt es über von Kunstdenkmälern, die die Zeiten überdauert haben. Vor einem Jahr ist es erschienen und hat nichts von seinen Schätzen eingebüsst.

Sechs politische Gemeinden samt Gemeindeteilen deckt der Band ab: Altnau, Berg, Birwinken, Bürglen, Langrickenbach und Münsterlingen. Verfasst haben ihn Regine Abegg und Peter Erni, herausgegeben die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgesellschaft – und ermöglicht hat ihn nicht zuletzt auch die Bereitschaft vieler Hausbesitzer, «uns ihre Türen zu öffnen und unsere Forschungen mit wertvollen Informationen zu bereichern», schreiben die Autoren. Denn sonst «wäre manches Kulturgut unentdeckt geblieben».

Altnau. Evangelische Kirche von Josef Simon Moosbrugger, 1811/12. Blick gegen die Kanzel und die Empore mit der Orgel aus dem Kloster Birnau (Bild: Jürg Zürcher, St. Gallen 2011)

Altnau. Evangelische Kirche von Josef Simon Moosbrugger, 1811/12. Blick gegen die Kanzel und die Empore mit der Orgel aus dem Kloster Birnau
(Bild: Jürg Zürcher, St. Gallen 2011)

Den geografischen Überblick auf den einleitenden Seiten braucht ein Thurgauer kaum, doch die Hinweise auf die Kunstgeschichte in unserem Kanton fassen Wissenswertes zusammen über Sakralbauten, Ortsbilder, Burgen und Schlösser, Schulhäuser und Gewerbebauten.

Das gezügelte Altarbild und das Schulhaus in der Kirche

Bürglen. Das Schloss und die evangelische Kirche von Nordwesten. (Bild: Kim Krause 2018, Amt für Denkmalpflege Thurgau)

Bürglen. Das Schloss und die evangelische Kirche von Nordwesten.
(Bild: Kim Krause 2018, Amt für Denkmalpflege Thurgau)

Blättern und besuchen Sie! Dann finden Sie das Kleinstwohnhaus am Bachweg 9 in Altnau, direkt am Mülibach gelegen, bei dem die Geschosse mit Fachwerkfassaden über den gemauerten Sockel vorkragen. Dann entdecken Sie den mächtigen Chorturm der evangelischen Kirche in Berg. Sie ist weit älter, als sie scheint. Sie wurde nach der Reformation von beiden Konfessionen genutzt und danach, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, einer puristischen Renovation unterzogen. Die Katholiken liessen sich damals vom Rorschacher Adolf Gaudy eine ebenso monumentale wie schlichte Kirche im Stil des Neuen Bauens errichten – und nahmen das Altarbild des Hochaltars mit. Die schönste Aussicht auf Berg hat man von seinem Schloss aus. Seine Ursprünge verlieren sich im Dunkel der Geschichte, längst ist es ein Alters- und Pflegeheim mit einem grossen Park. Profaner gibt sich Berg mit den Wohnhäusern und Fabrikantenvillen des Schifflistickereibesitzers Jakob Altwegg und mit dem Ofenhaus der ehemaligen Ziegelei Brauchli an der Hauptstrasse.

Bürglen, Friedhofstrasse 7: Mehrzweckhalle. Blick gegen die Bühne. Das Innere ist weitgehend im bauzeitlichen Zustand von 1923/24 erhalten. (Bild: Ueli Kröni 2017, Amt für Denkmalpflege Thurgau)

Bürglen, Friedhofstrasse 7: Mehrzweckhalle. Blick gegen die Bühne. Das Innere ist weitgehend im bauzeitlichen Zustand von 1923/24 erhalten.
(Bild: Ueli Kröni 2017, Amt für Denkmalpflege Thurgau)

In der ländlich geprägten Gemeinde Birwinken locken stattliche Fachwerkhäuser wie das ehemalige Gasthaus zur Krone und schlichte Schulhäuser – Bürglen hingegen gibt sich urbaner mit dem verschachtelten SUN-Areal. Doch auch da ist manches zu entdecken wie die Renaissance-Kanzel und das Sakramentshäuschen in der evangelischen Kirche oder die Reste des mittelalterlichen «Städtchens». Das Schloss, wohl über achthundert Jahre alt, war baulich recht verwahrlost, als es die Schulgemeinde 1874 erwarb, einen Abbruch und Neubau erwog, dann nur den Südflügel renovierte und für Unterrichtszwecke nutzte. Den Ostflügel aber verpachtete sie an die Kammgarnspinnerei – als Arbeiterunterkunft.

Ein Anhang zu Bürglen streift die Ortsteile Donzhausen, Hessenreuti und Uerenbohl. Diese drei Ortschaften wurden 1995 in die Politische Gemeinde Sulgen integriert – doch weil Sulgen bereits 1962 im Kunstdenkmälerband des Bezirks Bischofszell dargestellt wurde, durften sie nicht unerwähnt bleiben.

Wuchtige Gasthöfe und zierliche Kirchen

Langrickenbach, Herrenhof, Hauptstrasse 113. Ehemaliges Schulhaus, heutige Gestalt seit 1891. (Bild: Ueli Kröni 2017, Amt für Denkmalpflege Thurgau)

Langrickenbach, Herrenhof, Hauptstrasse 113. Ehemaliges Schulhaus, heutige Gestalt seit 1891. (Bild: Ueli Kröni 2017, Amt für Denkmalpflege Thurgau)

Wir erreichen Langrickenbach, das aus fünf winzigen Ortsgemeinden samt ihren Streusiedlungen entstanden ist: Dünnershaus, Langrickenbach, Herrenhof, Zuben, Schönenbaumgarten. Topografisch und bezüglich Siedlungsbild zerfällt es in zwei Teile. Hervorstechende Gebäude sind die Käserei in Dünnershaus mit den mehrfarbigen Sichtbacksteinfassaden und samt den grossen Ziffern 1897 für das Baujahr; das «Schlössli» in Herrenhof; die helle evangelische Kirche von Langrickenbach; der wuchtige Gasthof Kreuzstrasse in Zuben.

Buchumschlag mit Stuckaturen an der Westempore der Klosterkirche Münsterlingen. (Bild: Franz-Josef Stiele-Werdermann 2018, Amt für Denkmalpflege Thurgau)

Buchumschlag mit Stuckaturen an der Westempore der Klosterkirche Münsterlingen. (Bild: Franz-Josef Stiele-Werdermann 2018, Amt für Denkmalpflege Thurgau)

Dann erreichen wir den See. Wo heute Münsterlingen steht, siedeln Menschen seit gut zehntausend Jahren – später, vor dem Jahr 1000, liessen sich Nonnen nieder. Sie gründeten ein Kloster auf der flachen Halbinsel – da ist die Psychiatrie daheim –; die barocke Klosteranlage ennet Bahnlinien und Kantonsstrasse beherbergt heute das Kantonsspital.

«Die spätbarocke Klosterkirche des ehemaligen Klosters ­Münsterlingen besticht durch Stuckaturen, Deckengemälde, ­Altäre und das perspek­tivische Chorgitter.»
Regine Abegg, Peter Erni, Autoren

Der Kunstdenkmälerband gibt der Klosteranlage breiten Raum, bevor es im Gemeindeteil Landschlacht die uralte St. Leonhardskapelle mit ihren wundervollen Wandmalereien besucht – eine der ältesten erhaltenen Kirchen im Bodenseeraum –, aber auch die ehemalige Villa Bodanswart und alte Gasthöfe streift. In Scherzingen sticht der Getreidespeicher mit seinen Bruchsteinmauern hervor oder das Vielzweckbauernhaus an der Buregass 6 mit dem fast unveränderten Fachwerk von 1746.

Berg: Schloss, Ansicht von Nordwesten. Links das alte Schloss, rechts die Villa mit prächtigen Interieurs. (Bild: Franz-Josef Stiele-Werdermann 2017, Amt für Denkmalpflege Thurgau)

Berg: Schloss, Ansicht von Nordwesten. Links das alte Schloss, rechts die Villa mit prächtigen Interieurs.
(Bild: Franz-Josef Stiele-Werdermann 2017, Amt für Denkmalpflege Thurgau)

Wem der Kunstdenkmälerband auf seiner Entdeckungsreise zu schwer ist, der mag zumindest auf einen virtuellen Rundumgang gehen: durch die barocke Klosterkirche Münsterlingen, die St. Leonhardskapelle in Landschlacht oder den Salon des Schlosses Berg aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert.

Historischer Baubestand

Im neunten Band der Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau stellen die Autoren Regine Abegg und Peter Erni die historische Bausubstanz der sechs politischen Gemeinden Altnau, Berg, Birwinken, Bürglen, Langrickenbach und Münsterlingen vor: wissenschaftlich fundiert, lebendig formuliert, herausragend bebildert. Nach dem neunten Band über Kreuzlingen 2009 wollte die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte als Herausgeberin die weiteren Gemeinden des Bezirks Kreuzlingen würdigen. Weil der Thurgau 2011 seine Bezirke neu geordnet hat, bilden neu jeweils benachbarte Gemeinden einen Band. Den Thurgau vervollständigen sollen zwei Bände über den Raum Weinfelden und den Oberthurgau. (dl)

Zwischen Bodensee und Bürglen
Die Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau, Band IX, hrsg. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK, Bern 2018, 491 S.

Elektronische Ausgaben
https://shop.gsk.ch/de/product/14422
https://shop.gsk.ch/de/product/14423