Jugendarbeit
Brennpunkte Schulhäuser Kirch- und Nordstrasse: «Die eine Lösung gibt es nicht», kommt eine Studie der Fachhochschule Ost zum Schluss

Die Areale beider Amriswiler Schulhäuser sind immer wieder Schauplatz von Konflikten. Sieben Studentinnen und Studenten der Fachhochschule Ost haben nun genauer hingeschaut.

Manuel Nagel
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Stadtrat Richard Hungerbühler (Ressort Kinder Jugend und Familien) diskutiert in einem Lego-Rollenspiel unter anderem mit Schulpräsident Michael Stäheli-Engel und mit Melanie Lüthi von der Schulbehörde (Bildmitte auf dem Sofa) Interessen und Ansprüche der verschiedenen Akteure.

Stadtrat Richard Hungerbühler (Ressort Kinder Jugend und Familien) diskutiert in einem Lego-Rollenspiel unter anderem mit Schulpräsident Michael Stäheli-Engel und mit Melanie Lüthi von der Schulbehörde (Bildmitte auf dem Sofa) Interessen und Ansprüche der verschiedenen Akteure.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 13. September 2021)

Wenn ein Amriswiler Stadtrat und der Schulpräsident im Jugendtreff Yoyo mit Lego spielen, dann ist es das wert, genauer hinzuschauen. Doch Richard Hungerbühler, in der Exekutive zuständig für Kinder, Jugend und Familien, wie auch Michael Stäheli-Engel waren am vergangenen Montagabend nicht die Hauptpersonen, sondern vor allem interessierte Zuhörer, als sieben Studentinnen und Studenten der Fachhochschule Ost ihre Sozialraumanalyse zu den Schulhäusern Kirch- und Nordstrasse vorstellten.

Dort kommt es immer wieder zu Konfliktsituationen zwischen Jugendlichen, die ausserhalb der Schulzeiten sich auf den beiden Arealen aufhalten und teilweise auch für Littering und Lärm verantwortlich sind. Einer, der die Begebenheiten gut kennt, ist der Amriswiler Jugendarbeiter Raphael Gnägi, der die Teenager dort auf- und mit ihnen das Gespräch sucht.

Nun haben Gnägi und der Verein Yoyo, der von der Stadt, der Volksschulgemeinde und den beiden Kirchgemeinden getragen wird, eine Studie in Auftrag gegeben. Angehende Sozialarbeiter und Sozialpädagogen führten in den Monaten Juni und Juli zahlreiche Interviews mit Jugendlichen, aber auch mit Nachbarn, Hauswarten, Schulleitern, der Hundestaffel der Stadt sowie anderen Akteuren in diesem Spannungsfeld.

«Die eine Lösung», die gibt es laut Studie nicht

Ziel des Projektauftrags, der den Verein nur 1500 Franken Spesenentschädigung gekostet hat, war die Erfassung der Konflikte rund um die erwähnten Schulareale. Dort suchen Jugendliche ihre Freiräume und loten auch Grenzen aus, was für Erwachsene oft störend ist.

Für die Verfasser der Studie war es nicht einfach, mit den Jugendlichen überhaupt in Kontakt zu kommen und Auskunft zu erhalten, jedenfalls nicht mit allen Altersgruppen. So waren die meisten Befragten etwa 14-jährig. Vereinzelt wurden aber auch Personen, die bis zu 25 Jahre alt waren, angetroffen.

Und so divers die Gruppe derer ist, die sich zum Teil bis spät in der Nacht bei den zwei Schulhäusern aufhalten, so schwierig ist es auch, die Interessen und Ansprüche aller Akteure unter einen Hut zu bringen. Ja es dürfte gar unmöglich sein. Die Studierenden schreiben schon in der Einleitung:

«Die eine Lösung für die auftretenden Konflikte, die wird es nicht geben.»

Denn die Bedürfnisse gewisser Jugendlichen, etwa der Konsum von Alkohol und Tabak oder gar härterer Stoffe, die stehen den Regeltafeln der Schulgemeinde diametral entgegen, auf denen in kleiner Schrift, aber klar steht, dass das Mitführen und der Konsum von Alkohol und Drogen auf der Anlage verboten seien, ebenso wie die Zeiten, zu denen man sich nicht auf dem Areal aufhalten darf.

Die Sozialraumanalyse wurde von den Verfasserinnen und Verfassern im Jugendtreff Yoyo vorgestellt. Interessierte konnten sich auch über Internet live dazuschalten.

Die Sozialraumanalyse wurde von den Verfasserinnen und Verfassern im Jugendtreff Yoyo vorgestellt. Interessierte konnten sich auch über Internet live dazuschalten.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 13. September 2021)

Die Erwachsenen äusserten sich in den Interviews, dass in ihren Augen die Zuständigkeiten – zum Beispiel was Littering oder Wegweisungen betrifft – nicht klar geregelt seien. Auch seien weder die Regeln klar definiert, noch die Konsequenzen für die Jugendlichen, wenn diese gegen die Regeln verstossen.

Jeder will anständig und mit Respekt behandelt werden

Kommunikation zwischen Erwachsenen und Jugendlichen ist nicht immer einfach. Selbst wenn die beiden Gruppen mit Deutsch dieselbe Sprache sprechen, so sind es gefühlt und in der Praxis doch verschiedene.

Die Offene Jugendarbeit mit Raphael Gnägi und seinem Team versteht sich deshalb auch als Übersetzer und Vermittler dieser beiden Welten. Doch das sei nicht genug. Gemäss vorliegender Studie meinen Fachleute, dass die Jugendlichen ebenfalls zu den runden Tischen eingeladen werden sollen, an denen bislang nur die anderen, erwachsenen Akteure sich austauschen. Auch die Anwohner seien da aussen vor, haben die Studierenden der Fachhochschule Ost in Erfahrung gebracht.

Und wenn es doch einmal zu Kommunikation zwischen Jugendlichen und Erwachsenen kommt, so ist den Teenagern wichtig, dass sie anständig und mit Respekt behandelt werden. «Sie behandeln das Gegenüber so, wie sie von ihren Mitmenschen behandelt werden», ist in der Studie zu lesen. Viele Anwohner versuchen deshalb, deeskalierend auf die Jugendlichen einzuwirken, doch seien manchmal auch Ängste da, etwa dass die Jugendlichen danach deren Eigentum zerstören.

«Einigkeit besteht zwischen allen Anspruchsgruppen, sich gegenseitig mit Respekt zu begegnen», heisst es bei der Zusammenfassung der Anliegen und Bedürfnisse. Und auch, dass die Zuständigkeiten klar geregelt sein sollten. Was damit gemeint sei, hakte Schulpräsident Stäheli-Engel in der Diskussionsrunde nach. Eine der Autorinnen der Studie erklärte, dass etwa Anwohner nach Auszug der Hauswarte keinen direkten Ansprechpartner mehr hätten, den sie früher auch ausserhalb der Schulzeiten anrufen konnten, als diese noch im Schulhaus gewohnt hätten.

Ein anderer Zuhörer hatte sich live via Internetübertragung in die Diskussion eingeschaltet und wollte von den Studierenden wissen, was sie denn am meisten überrascht habe bei dieser Studie. Die Antwort lautete:

«Dass viele der Jugendlichen die Situation gar nicht als problematisch wahrnehmen.»

Beim abschliessenden Lego-Rollenspiel vor dem Apéro versuchten die Anwesenden, sich teilweise auch in die Lage der jeweiligen Akteure zu versetzen. Dabei entstanden angeregte Gespräche – sehr zur Freude der Verfasserinnen und Verfasser dieser Sozialraumanalyse. Denn nebst vielen anderen Verbesserungsvorschlägen ist die Kommunikation einer der Eckpfeiler für eine Entschärfung der Konflikte rund um die Schulhäuser an der Kirch- und Nordstrasse.

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