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Jost Rüegg, der grimmige Menschenfreund aus Kreuzlingen

Eigentlich wollte er Automechaniker werden. Stattdessen wurde er zum Kämpfer. Der 71-Jährige ist Fürsprecher der Umwelt und Verfechter der demokratischen Rechte. Keiner hat 2018 so viel Politik gemacht wie der langjährige WWF-Präsident.
Martina Eggenberger Lenz
Jost Rüegg, Umweltschützer und WWF-Aktivist, daheim in seiner Stube. (Bild: Andrea Stalder)

Jost Rüegg, Umweltschützer und WWF-Aktivist, daheim in seiner Stube. (Bild: Andrea Stalder)

Da sitzt er, in seinem bequemen beigen Sessel. In der warmen Stube der hübsch eingerichteten Eigentumswohnung am Rande Kreuzlingens. Auf dem Balkon steht ein kleiner Weihnachtsbaum. Er ist aus Kunststoff. So wohnt er also mit seiner Frau, der aktivste politische Kopf der Stadt. Überraschend bürgerlich wirkt das Heim. Dabei setzt sich Jost Rüegg doch für Pappeln, Schnecken und Weideflächen ein. Gegen die Verbauung der Grünflächen, Mobilfunkantennen und neue Strassen.

Dabei wollte er als Jugendlicher Automechaniker werden, hat dann aber in der Panzerschmiede Mowag eine Lehre als Maschinenschlosser gemacht. «Eigentlich habe ich eine grosse Affinität zum Auto», sagt Jost Rüegg. «Aber ich weiss inzwischen, dass es grundfalsch ist.» Klar sind seine Worte, prägnant die Sätze. Fast druckreif verlassen sie seinen Mund. Die wilden Gesten verleihen ihnen Nachdruck. Die wachen Augen fixieren das Gegenüber. Der 71-Jährige scheint sich über jede neue Frage zu freuen. Auch über ganz private.

Nur Lügner bieten Angriffsfläche

Jost Rüegg ist 1947 als uneheliches Kind zur Welt gekommen. Der ältere Bruder, zu dem er aufschaut, hatte einen anderen Vater, die jüngeren Geschwister ebenso. Die Beziehung zum Stiefvater war distanziert, der Rückhalt der Eltern fehlte. «Ich wurde oft ungerecht behandelt», erinnert sich der pensionierte Techniker. Die Kindheit hat ihn hart gemacht.

«Mich kann man nicht enttäuschen. Meine Erwartungshaltung ist äusserst gering.»

Der Mann sagt das ohne Groll. Geweint hat er zum letzten Mal als Kind. Er hat gelernt, sich eine Strategie angeeignet. Die besteht aus einer Mischung aus Ehrlichkeit und Hartnäckigkeit. Wer nicht lüge und nicht bescheisse, der sei nicht angreifbar, ist der Kreuzlinger überzeugt. Eigentlich sei er ein sanfter Typ, ein Menschenfreund. «Ich werde erst grimmig, wenn man mich verarscht.»

Aber was treibt den Rentner an, sich in alle wichtigen Themen der Stadt einzumischen? Immer noch, obwohl sich der Mitgründer der Freien Liste eigentlich aus der Lokalpolitik verabschiedet hat? Es gehe ihm weder um Macht noch Ruhm und schon gar nie um Geld, versichert er – und man glaubt es ihm. Die Motivation sei der Kampf gegen die Ungerechtigkeit. Die grösste Ungerechtigkeit, die der Mensch nach Kriegen begehe, sei die Zerstörung der Umwelt. Seit dreissig Jahren ist Jost Rüegg darum schon beim WWF aktiv. Trotzdem meint er:

«Ich bin kein Vorzeigegrüner. Ich latsche nicht mit Heilandsandalen zum Biobauern hoch. Aber ich will mit meiner Politik die Gesellschaft verändern.»

Dass er mit seinen Themen die Interessen der Minderheit vertritt, ist ihm so bewusst wie egal. Schon oft hat er Recht bekommen, von allen möglichen Instanzen. Ja, das sei für ihn befriedigend. Nicht mehr und nicht weniger. Und Misserfolge? «Die beschäftigen mich nicht. Es ist wie mit Geburtstagen: Am nächsten Tag sind sie vorbei.» Seinen wichtigsten Kampf hat Jost Rüegg noch nicht gewonnen. Er will, dass die Verantwortlichen der Affäre um Schulpräsident René Zweifel zur Rechenschaft gezogen werden. In diesem Fall sei er auch von seiner Familie emotional unterstützt worden wie noch nie.

Opa bringt den Enkeln kritisches Denken bei

Die Familie ist Rüegg immens wichtig. Wenn er über seine fünf Enkelkinder spricht, beginnen seine Augen zu strahlen. Er ist ein engagierter Opa. Nimmt sich viel Zeit für die 7-jährigen Drillinge, die in der Nähe wohnen, begleitet sie in die Schule, geht mit ihnen in die Badi. «Alle fünf sind grandios, mein grösstes Geschenk!» Der Grossvater sieht es als seine Pflicht an, den Nachfahren kritisches Denken beizubringen. Mit ein Grund, weshalb er sie immer wieder veräppelt. Das Aufwachsen in der heilen Welt, findet Jost Rüegg, sei nicht nur gut. Denn die Welt, die ist aus seiner Sicht alles andere als heil.

Als junger Mann ist er viel gereist. Zwei Jahre hat er in Südafrika gelebt, die Ungerechtigkeit der Apartheid wahrgenommen. Das habe seine Persönlichkeit verändert. Er sehe sich als Weltbürger. Einer, der seit zwanzig Jahren kein Flugzeug mehr bestiegen hat. Weil er «das jetzt nicht mehr braucht». Es gibt in der Stadt viele, die Jost Rüegg – vorsichtig ausgedrückt – nicht mögen. Die Schulaffäre, die Erweiterung des Tierparks, die Geschehnisse um den Boulevard: Mit seinen Aktionen schafft sich der Rentner selten Freunde. Eine Hand voll hat er aber. Der Kreis definiert sich durch die gemeinsamen Interessen. Privat treffe man sich eher selten. Es gehe um die Sache, nicht um Personen. Darum könne er auch jedem die Hand reichen, «sogar meinem grössten Widersacher», versichert Rüegg.

Die Geschichte mit dem Brillenbändeli

Er bezeichnet sich selbst als Zweckpessimist. So erwartet er denn auch nicht, dass man sich an ihn erinnern würde, wenn er einmal nicht mehr wäre. «Mir ist doch völlig wurscht, ob man nach meinem Tod noch von mir redet.» Wer den Mann mit dem Brillenbändeli kennt, der weiss: ein Jost Rüegg hört nicht einfach auf. Ein Kämpfer tritt niemals in den Ruhestand. Die Prognose, dass er auch 2019 für Schlagzeilen sorgen wird, ist daher nicht gewagt. Apropos Brillenbändeli: Das hat sich Jost Rüegg zugelegt, weil ihm schon drei Mal eine Brille im See verschwunden ist. Jetzt hat er Ruhe. Und ein Markenzeichen.

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