«Jeden Tag verreckt ein Bauernbetrieb und ihr macht so einen Stumpfsinn»: Ein kleiner Bach spült grosse Emotionen hoch in Schönholzerswilen

Die geplante Bachöffnung in Schönholzerswilen stösst vielen Einwohnern sauer auf. Gemacht werden muss sie trotzdem. Das versuchte Gemeindepräsident Ernst Schärrer an einer Infoveranstaltung nochmals zu verdeutlichen.

Mario Testa
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Ingenieur Markus Rizzolli zeigt nach der Infoveranstaltung die Pläne, Gemeindepräsident Ernst Schärrer (rechts) spricht mit Bürgern. (Bild: Mario Testa)

Ingenieur Markus Rizzolli zeigt nach der Infoveranstaltung die Pläne, Gemeindepräsident Ernst Schärrer (rechts) spricht mit Bürgern. (Bild: Mario Testa)

Der Waablingerbach bewegt die Gemüter. Trotz gleichzeitigem Federer- und Champions-League-Match war der Informationsabend über die Bachöffnung in Schönholzerswilen mit etwa 70 Personen sehr gut besucht. Gemeindepräsident Ernst Schärrer sagt bei der Begrüssung:

«Wir haben nicht mit so vielen Interessierten gerechnet, sind aber froh, dass wir den Infoanlass nicht vergebens machen.»

Er hatte zur Informationsveranstaltung eingeladen, um zu erklären, warum der Bach nun doch geöffnet werden muss, obwohl die Stimmbürger ein entsprechendes Projekt an der Versammlung vor zwei Jahren abgelehnt hatten.

«Sie haben den Kredit abgelehnt, das Problem ist aber geblieben. Die Röhre ist an mehreren Stellen gebrochen», sagt Schärrer. Also habe der Gemeinderat nach einer neuen Lösung anstelle der Bachöffnung gesucht.

Alternativen gibt es nicht

«Eine Variante wäre eine zweite Röhre gleich neben der alten. Die Kosten dafür lägen etwa bei 200'000 Franken.» Eine zweite Variante wäre die Reparatur der Röhre, was aber ebenfalls teuer wäre und noch dazu nicht gesetzeskonform. Er sagt:

«Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen, eine Öffnung ist nicht nur die gesetzlich korrekte Variante, sondern auch die günstigste.»

Schärrer spricht von einem Glücksfall, dass einer der betroffenen Landbesitzer die Bachöffnung unterstützt und sich bereit erklärt, die künftige Böschung zu pflegen. «Er wird dafür rund 200 Franken Direktzahlungen mehr erhalten pro Jahr. Von einem grossen Vorteil für ihn – angesichts des Verlusts des Kulturlandes – kann man also nicht sprechen», sagt Schärrer.

Der Waablingerbach nach dem Austritt aus dem Rohr. (Bild: Reto Martin)

Der Waablingerbach nach dem Austritt aus dem Rohr. (Bild: Reto Martin)

Ingenieur Markus Rizzolli erläutert die geplanten baulichen Massnahmen. Auf einer Länge von 105 Metern wird das Rohr entfernt und dafür ein Bach geschaffen. Dieser liegt etwa einen Meter tief und die Böschung wird etwa elf Meter breit. Vier Schwellen und ein sich schlängelnder Bach sollen Raum für Flora und Fauna bieten. Rizzolli sagt:

«Wenn wir etwas machen, soll es auch der Natur etwas bringen»

Von den Gesamtkosten von 242'000 Franken würde der Kanton dank des neu geschaffenen ökologischen Mehrwerts bis zu 80 Prozent übernehmen. «So bleiben für die Gemeinde Schönholzerswilen Kosten von knapp 50'000 Franken.»

Grosse Zweifel an der geplanten Massnahme

Trotz der Ausgangslage, die kaum Interpretationsspielraum lässt, gehen in der anschliessenden Diskussion die Emotionen hoch. «Und dann geht das künftig weiter die Röhre hinauf bis zum Wald? Und der Bach durchschneidet all unser Kulturland?», will ein Bauer wissen. Nein, soweit komme es nicht, antwortet Ernst Schärrer. Ein anderer wettert:

«Jeden Tag verreckt ein Bauernbetrieb und ihr macht so einen Stumpfsinn.»

Er schimpft auch gegen die ebenfalls anwesende Vertreterin des Kantonalen Amts, Claudia Eisenring.

«Wir versuchen, bei Revitalisierungen den Einfluss auf die Landwirtschaft möglichst gering zu halten», antwortet sie. Und Ernst Schärrer ergänzt:

«Wir leben in einer Demokratie und haben unsere Gesetze selber geschaffen. Die gilt es zu akzeptieren.»

Auf die Frage, wie dringend die Öffnung sei, sagt Schärrer, man wolle sie in dieser Legislatur durchführen. «Jetzt haben wir die Zeit, zu planen und eine günstige Variante zu wählen. Bei einer Feuerwehrübung, wenn das Rohr einbricht, könnten wir das nicht.»

Gemeinderat nimmt Vorschlag auf

Den Vorschlag, den Abstand von der Bachöffnung zum Nachbargrundstück von sechs auf ein paar Meter mehr zu erhöhen wegen allfälliger künftiger neuer Vorschriften beim Güllen, nimmt Ernst Schärrer auf.

Zum Schluss, nach einigen kritischen und angriffigen Voten, meldet sich auch noch der Landbesitzer, auf dessen Grund die Öffnung geschieht. «Ihr Bauern könnt doch froh sein, wenn ich’s auf meinem Land mache. Dann erfüllen wir das Gesetz und ihr müsst nicht. Mit all den persönlichen Angriffen habe ich Mühe!»