Interview
«Sie fliegen seit einigen Jahren nicht mehr in den Süden»: Die Störche bleiben auch über den Winter am Bodensee

Auch im Dezember sind die Störche noch auf ihren Horsten in der Region zu sehen. Kürzlich wurden auf der Altnauer Kirche gleich 13 gesichtet. Der Güttinger Storchexperte Werner Nater spricht über das Verhalten des Vogels.

Riccardo Iannella
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Im Garten von Werner Nater in Güttingen nisten schon seit 20 Jahren Störche.

Im Garten von Werner Nater in Güttingen nisten schon seit 20 Jahren Störche.

Bild: Nana Do Carmo (13. April 2009)

Werner Nater hat schon seit 20 Jahren Störche in seinem Garten. Im Verlaufe der Jahre ist er zu einem Experten geworden, was diesen Vogel betrifft. Er erklärt, warum der Storch in diesen kalten Monaten immer noch am Bodensee ist und wieso es ab und an zu grossen Storchen-Treffen kommt.

Herr Nater, ist es üblich, dass sich Störche in solch grossen Gruppen treffen?

Werner Nater: Das ist in der heutigen Zeit durchaus nicht mehr selten. Denn wie wir seit einigen Jahren feststellen, ziehen viele Störche nicht mehr, wie es ihre Tradition will, in den Süden, sondern bleiben hier. Ich habe sogar vor ein paar Wochen ein Rudel von 18 Tieren gesehen. Normalerweise leben Störche zu zweit. Wenn es dann kälter wird, schliessen sie sich zu einem Rudel zusammen, für den langen Zug Richtung Süden.

War auch einer von ihren Störchen dabei?

Ja, die beiden Störche, die bei mir auf der Pappel nisten, Romeo und Helena, wie ich sie nenne, sind neugierig geworden und haben sich dem Rudel ein wenig genähert. Ich konnte aber nur die beiden Störche identifizieren. Die anderen habe ich auf den ersten Blick nicht gerade erkannt.

In der Region sind immer wieder Störche zu sehen. Siedeln die Vögel sich gerne bei uns ein?

Tatsächlich haben wir schon seit fast 20 Jahren Störche hier in Güttingen und der Umgebung. Und bis vor acht Jahren sind sie auch immer gegen Mitte August in den Süden gezogen. Doch nun scheint es, dass es ihnen auch hier im Winter gut gefällt. Wieso das so ist, können wir nicht genau sagen. Es gibt verschiedene Faktoren, die das beeinflussen können.

Wie sind die Störche hierher gelangt?

Vor gut 60 Jahren hat man in der Schweiz ein Wiederansiedlungsprojekt gestartet. Dafür wurden Störche aus Marokko hier in die Schweiz gebracht. So kam es, dass sich auch ein paar Störche hier am Bodensee niedergelassen haben.

Eine Gruppe von 13 Störchen traf sich kürzlich auf dem Dach der Kirche in Altnau.

Eine Gruppe von 13 Störchen traf sich kürzlich auf dem Dach der Kirche in Altnau.

Bild: PD/Moni Brauchli (11. Dezember 2020)

Finden denn die Störche auch im Winter bei uns genug zu fressen?

Der Storch kann grundsätzlich bis zu drei Wochen ohne Futter auskommen. Er bildet gute Reserven. Darüber hinaus haben Störche eine gute Kommunikationsfähigkeit. Entdeckt ein Storch eine Futterquelle, teilt er es seinen Artgenossen mit. Wenn es kälter wird, stellen zum Beispiel gedüngte Felder eine optimale Nahrungsmittelquelle dar. Denn im Dünger finden sich oft auch Kleintiere.

Und was, wenn das Futter doch knapp werden sollte?

Eine Sache, die sowohl im Zoo Zürich wie auch von mir persönlich hier am Bodensee beobachtet wurde, ist, dass die Störche zu Orten gehen, an denen es domestizierte Störche gibt, wenn das Futter in der näheren Umgebung knapp wird. Denn dort werden die Störche täglich gefüttert und werden somit ansässig. Beispielsweise konnte der «Zürizoo» schon einige Male feststellen, dass die sogenannten «Uznacher Störche» sich ab und an zu den Zoo-Störchen gesellen und dort mitessen. Ich habe schon einige Male beobachtet, dass unsere Störche ans Deutsche Bodenseeufer nach Salem gehen und dasselbe tun. Denn beim Affenberg werden ebenfalls Störche domestiziert gehalten. Aber das sind nur meine eigenen Mutmassungen, belegen kann ich das noch nicht.

Wieso nisten Störche meist auf hohen Bäumen oder Gebäuden?

Einerseits ist der Storch ein grosser Vogel und braucht ausreichend Platz. Andererseits muss er sich auch gegen seine Feinde schützen. Umso weiter oben, dass der Storch seinen Horst baut, desto besser ist der Überblick und umso schwieriger wird es für Räuber, wie zum Beispiel den Marder, die Eier aus dem Nest zu stehlen.