In Romanshorn ergreifen Parteilose die Macht

Die Stimmbürger wählten am Sonntag vier Parteilose in den Stadtrat. Fast die halbe Regierung politisiert also künftig ohne Partei im Rücken. Damit ist die Hafenstadt eine Exotin unter den Thurgauer Städten.

Annina Flaig
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In Romanshorn gewinnen die Parteilosen. Die Stimmbürger haben am Sonntag alle gewählt, die ohne Parteimitgliedschaft zu den Stadtratswahlen angetreten sind. Nun sind sie zu viert. Das ist in der Hafenstadt fast die halbe Regierung. Denn mit dem Präsidenten sitzen neun Mitglieder in der Behörde.

Womöglich sind die Parteilosen sogar bald in der Mehrheit. Dann nämlich, wenn Roger Martin Ende März als Stadtpräsident gewählt wird. Er machte am Sonntag im ersten Wahlgang mit Abstand das beste Resultat und liess Amtsinhaber und FDP-Mann David H. Bon weit hinter sich zurück.

Politikverdrossenheit macht sich breit

Parteilose Kommunalpolitiker sind landauf, landab auf dem Vormarsch. Im Thurgau werden bereits rund 40 Prozent der Gemeinden von Gemeindepräsidenten ohne Parteibuch geführt (unsere Zeitung berichtete).

In Trendstudien ist von «Entpolitisierung» die Rede. Normalerweise betrifft sie vor allem kleinere Gemeinden. Unter den Thurgauer Städten ist die Hafenstadt mit über 11 000 Einwohnern bisher eine Exotin. Dorfchronist Max Brunner ist vom Ergebnis am Wochenende dennoch nicht überrascht:

«Man kann in Romanshorn schon seit längerem beobachten, dass die Parteien an Bedeutung verlieren.»

Das würden auch städtische Abstimmungen zeigen: «Manche werden abgelehnt, obwohl alle oder fast alle Parteien die Ja-Parole fassen.» Der Romanshorner Alt-Gemeindeammann, der selbst über 30 Jahre lang für die CVP auf verschiedenen Ebenen politisch aktiv war, konstatiert in der Hafenstadt eine Politikverdrossenheit und starke Ressentiments gegenüber den traditionellen Parteien, die in der Vergangenheit am Ruder waren. «Diejenigen, die zu keiner dieser Parteien gehören, sind quasi unschuldig, unvorbelastet und unabhängig. Dadurch sind sie besser wählbar.»

Parteilose entscheiden situativ

Ein Stück weit seien die Parteien selber Schuld an ihrer wachsenden Bedeutungslosigkeit, sagt der ehemalige CVP-Präsident Max Brunner weiter. «Ihre Aufgabe ist es, vorzudenken, kritisch zu hinterfragen und frühzeitig einzugreifen.» In der jüngsten Vergangenheit seien von den Parteien bei städtischen Projekten wie etwa der Verkehrsführung oder der neuen Buslinie aber leider wenig Ideen und Alternativ-Vorschläge gekommen. In Diskussionen mit Romanshornern stellt der 76-Jährige noch etwas anderes fest:

«Für viele ist es nicht mehr zeitgemäss, sich auf ein Parteibüchlein einzuschwören.»

Sie würden lieber situativ entscheiden. Parteimitglieder bekennen Farbe, heisst es. In Grafiken sind Parteilose deshalb grau eingefärbt. Den Vorwurf, keine Farbe zu bekennen, lassen aber viele nicht auf sich sitzen. Vielmehr sind offenbar verschiedene Farben denkbar.

Er denke teilweise gleich wie die GLP, hinsichtlich Familienpolitik hingegen eher wie die CVP, sagte beispielsweise Roman Imhof vor der Wahl im Interview mit dieser Zeitung. «Ich werde die Ziele, die ich für Romanshorn verfolge unabhängig und ohne Rücksicht auf politische Interessen wahrnehmen können.» Imhof ist nicht nur als Parteiloser, sondern auch als Neuer ins Rennen gegangen. Am Sonntag hat er von allen Stadtratskandidaten das beste Resultat erzielt.