Zum Gedenken an Pablo Erat
Neugierig, klug, kreativ und auf wunderbare Weise schräg: Erinnerungen an Pablo Erat

Leidenschaftlicher Segler, Mitbegründer des Wochenmarktes und Förderer der Wochenzeitung «Felix» – mit dem Tod von Pablo Erat (1946–2021) verliert Arbon einen engagierten Bürger. Eine Würdigung der Schriftstellerin Andrea Gerster:

Andrea Gerster
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Am 29. Mai im Alter von 74 Jahren verstorben: Pablo Erat.

Am 29. Mai im Alter von 74 Jahren verstorben: Pablo Erat.

Bild: Barbara Hettich (26. Juli 2004)

Ich sehe zwei Buchtitel vor mir, wenn ich an Pablo Erat denke. Der eine lautet «Der Mensch ist verschieden», das Buch wurde vom österreichischen Schriftstellerehepaar Monika Helfer und Michael Köhlmeier geschrieben. Der andere Titel «Wer bin ich und wenn ja, wie viele?» stammt von Richard David Precht, deutscher Philosoph und Publizist.

Die Behauptung «Der Mensch ist verschieden» und die Frage «Wer bin ich und wenn ja, wie viele?» passen wunderbar zu Pablo.

Der Inhalt der beiden Bücher hingegen hat nichts oder wenig mit ihm gemein. Kein Mensch ist wie der andere und doch trägt jeder Mensch viele andere in sich und spielt wiederum für die einen eine wichtige, für die anderen eine weniger wichtige Rolle. Das sind Binsenweisheiten und doch erhalten sie, wenn ich sie im Zusammenhang mit Pablo denke, ganz neuen Glanz.

Für Arbon engagiert

Auf die Schweizer Segler Szene wirkte Pablo prägend, kompetent, engagiert, kämpferisch, bestimmt, hilfsbereit und lebensfroh. Für den Arboner Wochenmarkt war er ein einsatzfreudiger Mitbegründer, Begleiter und Erhalter. Die «Wunderbar» in Arbon durfte auf ihren Stammgast zählen, er setzte sich vehement für ihr Weiterbestehen ein und fand sich, wenn möglich täglich zum Kaffee in der Wunderbar ein.

Pablo Erat war Mitbegründer des Arboner Wochenmarkt.

Pablo Erat war Mitbegründer des Arboner Wochenmarkt.

Bild: PD (15. April 2017)

Für die Arboner Wochenzeitung «Felix» galt er als Mentor und Förderer, der auch bei tiefroten Zahlen weder Hoffnung noch Zuversicht verlor. «Ein extrem guter Motivator war er», heisst es etwa aus dem Kollegen- und Freundeskreis. Andere sagen:

«Er war ein Leuchtturm.»

Oder: «Pablo hat mit seiner besonnenen Art unglaublich viel bewirkt».

Es könnten hier noch viele weitere Stimmen aufgelistet werden, denn Pablos Engagement war vielseitig und immer aufs Weitergehen und Weiterbestehen ausgerichtet, aber auch darauf, das Leben in seiner Vielfältigkeit zu geniessen, sei es als Juror, Mentor oder als Koch. Ich erwähne stellvertretend die Sonnenblumensuppe und seine Grilladen, oder im Zusammensein mit Familie und Freunden, gern begleitet von einem guten Wein.

Grafiker von Beruf

Für mich war Pablo, als ich ihn vor über zwanzig Jahren kennenlernte, vor allem ein hervorragender Grafiker, der mir bei unserem ersten Treffen in seiner Agentur freudig verschiedene Exemplare der Literaturzeitschrift Noisma überreichte. Für die Gestaltung war er zuständig, für den Inhalt und als Mitherausgeberin seine Frau, die Schriftstellerin und Kunstschaffende Ruth Erat.

Pablos pragmatische und seinem Gegenüber immer wohlwollende Art beeindruckte mich. Er gab einem das Gefühl, wahrgenommen zu werden.

Aufmerksam wie er war, hielt er schon mal mitten auf der Strasse sein Auto an und kurbelte das Fenster herunter.

Natürlich kurbelte er nun in meiner Vorstellung, das Auto verfügte über elektrische Fensterheber. Nach seinem Befinden befragt, erzählte er zum Beispiel von seiner ersten schweren Erkrankung, die eine sofortige Lebertransplantation erforderlich gemacht habe.

In Regie mit Frau und Sohn

Letzten Sommer machte er in der Gluthitze vor dem Max Burkhardt Haus Fotos von Ruth und mir für den Medienaussand der Literaturtage Arbon, als eine Frau auf der anderen Strassenseite die Aussentreppe hinunterstürzte. Pablo eilte sofort hinzu und half ihr wieder auf.

Ruth Erat, Frau von Pablo Erat.

Ruth Erat, Frau von Pablo Erat.

Bild: Ladina Bischof

Alles, was er tat, machte er mit einer ausserordentlichen Gegenwärtigkeit, aber auch Selbstverständlichkeit. Anfang dieses Jahres trafen Ruth und ich uns für die Planung der Ende Juni stattfindenden Literaturtage Arbon, Pablo kam dazu.

In weniger als zehn Minuten gleisten wir eine literarische Schifffahrt mit der Mars auf, Abendessen und Lesungen inklusive.

Und falls er dann nicht könne, erklärte er, denn die akute Tumorerkrankung machte ihm bereits sehr zu schaffen, würde vielleicht sein Sohn Lukas übernehmen, der im Begriff sei, die entsprechende Bootsprüfung abzulegen.

Pablo war für mich ein sehr eigenständiger Mensch mit unverwechselbarem Ton, einer klaren und starken Haltung – und ebenso sehr eine Person des Austauschs, sich Einlassens, Kommunizierens und Kooperierens. Neugierig, klug, kreativ und auf wunderbare Weise schräg. Es wird und muss weitergehen, leider ohne Pablo, aber in seinem Sinn.

Schriftstellerin Andrea Gerster aus Arbon.

Schriftstellerin Andrea Gerster aus Arbon.

Bild: Andrea Stalder

Ein letztes Buch

Im Herbst erscheint im Caracol Verlag das Buch «Einmal schwamm eine Wildsau im See», Pablo Erat, semantische Typografie; Ruth Erat, Texte; Gestaltung Pablo Erat und Lukas Erat. Darauf freue ich mich. Ich wünsche seiner Familie alles Liebe in dieser schweren Zeit.

Andrea Gerster, Schriftstellerin und Autorin, Arbon.

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