In Altnau locken zwei Oasen der Ruhe die Dauermieter an

Die Altnauer Campingplätze Panorama und Ruderbaum haben vor zwei Wochen ihre Tore geöffnet. Tagestouristen sind derzeit nicht gestattet.

Hana Mauder Wick
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Der Aargauer Reto Hirt kommt seit fast 40 Jahren regelmässig auf den Camping Ruderbaum.

Der Aargauer Reto Hirt kommt seit fast 40 Jahren regelmässig auf den Camping Ruderbaum.

Bild: Andrea Stalder (4. April 2020)

Fast wie eine Parzelle im Paradies: Gelbe Osterglocken recken ihre Köpfe gegen den tintenblauen Himmel. 100 Mobilheime und 200 Wohnwagen reihen sich exakt ausgerichtet hangabwärts. Die schmucken Häuschen im Kleinformat liegen an Kieswegen mit Namen wie «Höhenweg», «Seeblick» oder «Bellevue».

Phillip Sutter, VR-Mitglied Genossenschaft Camping Panorama.

Phillip Sutter, VR-Mitglied Genossenschaft Camping Panorama.

Bild: Andrea Stalder

Seit 57 Jahren ist der Campingplatz Panorama ein Herzstück des sanften Tourismus in der Region. Trotz der malerischen Kulisse herrscht aber kein Hochbetrieb. «Es ist grundsätzlich ein sehr ruhiger Platz», sagt Phillip Sutter. Er ist Mitglied des Verwaltungsrates der Genossenschaft und verantwortlich für die Dauermieter. Seit vielen Jahren liegt ihm der «Panorama» am Herzen.

«Ich lebe in Herisau. Es ist eine kurze Fahrt, aber der Wechsel in eine ganz andere Welt.»

Derzeit ist es noch ruhiger als üblich: Nur rund zehn Prozent der Gäste sind da. Touristenplätze gibt es keine. Strikte Verhaltensregeln sind klar kommuniziert und schriftlich dokumentiert, zudem besteht ein Sicherheitskonzept. Gruppen sind nur bis fünf Personen erlaubt. Die Türen des Restaurants, des Spielplatzes und der Sanitären Anlagen bleiben geschlossen, der Kiosk bietet auf Vorbestellung Take-Away-Gerichte an.

Sicherheitskonzepte

Gäste halten Distanz

Die meisten Schweizer Campingplätze bleiben geschlossen. Auch in Altnau sind die Campingplätze nicht für Touristen zugänglich. Sie stehen ausschliesslich Dauermietern zur Verfügung. Beide Verwaltungen haben der Gemeinde ein umfangreiches Sicherheitskonzept vorgelegt. Unter anderem raten die Verantwortlichen den Risikopatienten und Senioren, zu Hause zu bleiben, grundsätzlich Distanzen einzuhalten und Desinfektionsmittel zu nutzen. Bei groben Verstössen gegen das Regelwerk droht der Platzverweis. (mau)

Gartenpflege in der Freizeit

Auf einer Handvoll Grünflächen rattern die Elektromäher. «Im Frühling gibt es immer viel zu tun», sagt Johanna Stark. Camper sind Menschen, die ihre freie Zeit gern im eigenen Land und im eigenen Bett verbringen. Das Gemeinschaftserlebnis jedoch wird aktuell erst einmal auf Eis gelegt. «Alle Parzellen sind mindestens 100 Quadratmeter gross», erklärt die Zürcherin.

«Da bleib genug Raum für die geforderte Distanz.»

Nur: der Rasen wächst halt auch in Krisenzeiten. Die Pflege jeder Parzelle ist Sache der Genossenschafter. «Die Beschäftigung an der frischen Luft ist für Leute aus der Stadt ein wahrer Segen», meint die Frührentnerin. «Das stärkt mein Immunsystem.»

Ruhepol und Rückzugsort mit Blick auf den See

Nur wenige Schritt hangabwärts richten sich Silke und Paul Pruss fürs Wochenende ein. Seit 19 Jahren ist ihr schmuckes «Chalet» ein Ruhepol und Rückzugsort. «Wir leben in Weinfelden. Unsere Wohnung hat keinen Balkon», erzählt er. Der Material- und Hauswart der Feuerwehr Weinfelden nimmt die aktuelle Lage nicht auf die leichte Schulter.

«Ob im eigenen Garten oder auf dem Campingplatz: Es klappt, wenn alle den gesunden Menschenverstand einschalten.»
Silke und Paul Pruss geniessen das Wetter.

Silke und Paul Pruss geniessen das Wetter.

Bild: Andrea Stalder

Für die Geschäfte in der Region Altnau sind die Gäste der Campingplätze wichtig: «Wir kaufen beim örtlichen Metzger und in lokalen Geschäften ein.» Die «Mini-Häuschen» auf dem Platz verfügen über den Komfort von Wasser-, Strom- und Abwasseranschluss. «Es ist unsere Oase weit weg vom Alltag und doch nur 15 Fahrminuten von Zuhause entfernt», meint Silke Pruss.

Eco-Camping

Einige Hundert Meter Luftlinie entfernt hat der Camping Ruderbaum pünktlich zum Saisonstart seine Türen geöffnet. Auch hier suchen die Menschen seit zwei Wochen einen Platz an der Sonne, den Blick auf den See und die Nähe zur Natur. In sanfter Hanglage stehen die Obstbäume neben den Wohnwagen in voller Blüte. Mit rund sechs Hektaren und mehr als 400 Metern Seeanschluss geniesst der Eco-Camping einen Ruf als Bijou am Bodensee. Auch hier gilt: Sicherheit ist oberstes Gebot.

Impression aus dem Camping Panorama in Altnau.

Impression aus dem Camping Panorama in Altnau.

Bild: Andrea Stalder

280 Dauermieter auf individuell gestalteten Parzellen sind mit einem vorab kommunizierten Sicherheitskonzept gestartet. Die 50 Touristenplätze bleiben geschlossen. Auch hier herrscht kein Grossandrang. Ein neues Team kümmert sich seit Kurzem darum, dass alles rund läuft auf dem Traditions-Campingplatz. Verwalter Marc Ferber ist vom Zusammenhalt und der Kooperation der Mieter begeistert:

«Keiner hat sich über die Massnahmen beschwert. Alle ziehen mit.»

Die sanitären Anlagen bleiben bis auf zwei Behinderten-WCs geschlossen. «Sie werden regelmässig gereinigt und desinfiziert», erklärt Desirée Müller. Als Leiterin Kommunikation hat sie für Anliegen der Dauergäste ein offenes Ohr. Die meisten Anfragen können per Mail oder Telefon beantwortet werden.

Hunde bleiben an der Leine

Auf dem Eco-Camping herrscht eine familiäre Atmosphäre aus: Kinder sind hier gross geworden, Freundschaften über die Jahre gewachsen. Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft, die das Allgemeinwohl ernst nimmt. Die Menschen grüssen sich auf Distanz, Hunde bleiben an der Leine, die Nachbarschaftshilfe läuft. Jeder Gast geniesst die Zeit auf seine Weise: Hemdsärmlig, unkompliziert und naturverbunden.

Reto Hirt zum Beispiel marschiert mit zwei knallgelben Giesskannen zu einer Wasserstelle. Hinter dem Zaun wacht sein Hund «Agaro» über das Geschehen. «Ich komme seit fast 40 Jahren her», erzählt der rüstige Aargauer. Zwei erwachsene Töchter haben die Wohnwagen nebenan gemietet. Auf ihre Kinder haben alle ein wachsames Auge.

Viele Dauermieter verfügen über eine eigene chemische Toilette. Wer nicht über Nacht bleiben kann oder will, geniesst die Auszeit auf dem Platz und fährt zum Duschen wieder nach Hause. Die Stunden auf dem Campingplatz stehen für eine Nische an Normalität in einer Zeit, in der nichts mehr so ist, wie es einmal war. «Es ist fast schon ein Familientreffen», sagt Reto Hirt. «Aber es funktioniert nur, wenn gross und klein sich an die Regeln halten.»

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