Reportage

Im Weinfelder Wald zielen die Holzer mit der Föhre im Rücken

Im Winter betreibt das Forstrevier Mittelthurgau die Holzernte. Probleme bereiten ihnen uneinsichtige Passanten.

Mario Testa
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Daniel Aus der Au prüft mit Hilfe des Klappmeters in der Kerbe die Fallrichtung der Föhre. Rico Tenini checkt die Umgebung.

Daniel Aus der Au prüft mit Hilfe des Klappmeters in der Kerbe die Fallrichtung der Föhre. Rico Tenini checkt die Umgebung.

(Bild: Mario Testa)

«Mir gfallt’s, wenn’s motoret!», sagt Daniel Aus der Au und reisst seine Motorsäge an. Er setzt sie kurz über dem Waldboden an eine hohe Föhre und sägt mit geübtem Griff einen Keil heraus. Der Keil reicht zwei Drittel tief in den Stamm. «Mit diesem Fallkeil definieren wir, wohin die Tanne nachher kippt», sagt Aus der Au, der seit über zehn Jahren als Forstwart arbeitet.

Waldtage in Weinfelden

Dreitägiges Fest im Forsthof

Vom 4. bis 6. September 2020 finden in Weinfelden die Thurgauer Waldtage statt. Im Vorfeld des Anlasses mit Rundgängen, grossem Festgelände beim Forsthof und Baumkronenpfad bringt die Thurgauer Zeitung jedes Quartal eine Reportage aus dem Wald. Es werden jeweils die zur Jahreszeit passenden Arbeiten thematisiert.

Daniel Aus der Au sägt den Fällkeil aus der Föhre.

Daniel Aus der Au sägt den Fällkeil aus der Föhre.

(Bild: Mario Testa)

Er klappt einen Klappmeter auf, formt ihn zum Dreieck und setzt ihn in die Kerbe. Wie ein Pfeil gibt der Meter nun die Fallrichtung des Baumes an. Aus der Au steht mit dem Rücken zur Föhre und prüft die Falllinie. Seine Bewegungen ähneln einem Gebet, wie er mit geschlossenen Händen zuerst geradeaus, dann gen Himmel zeigt und wieder runter. Er ist nicht ganz zufrieden, muss die Kerbe mit der Motorsäge noch etwas korrigieren. Nochmals kommt der Klappmeter zum Zug, nochmals wird gezielt. Jetzt passt’s.

Blick nach oben, wenn der Baum fällt

Dann sägt er auf der anderen Seite des Baumes den Fällschnitt, bis der Baum nur noch an einer dünnen Stelle zusammenhält, dem sogenannten Halteband. Mit einem hydraulischen Keil, den er in die Kerbe rammt, pumpt er, bis sich der Baum zu neigen beginnt. «Aaachtung!», schreit er laut in den Wald heraus.

«Es muss verständlich sein in der Sprache der Gegend, also nicht unbedingt
‹Baum fällt!› oder so»

erklärt Aus der Au. Dann fällt die Föhre. «Jetzt unbedingt raufschauen, ob etwas zurückschwingt», mahnt der Weinfelder. «Wenn der gefällte Baum die Krone eines anderen streift und dieser dann zurückschnellt, kann es sein, dass Äste runterkommen. Das ist gefährlich. Deshalb geht unser Blick immer nach oben, wenn der Baum fällt.»

Sicherheit ist oberstes Gebot

Sicherheit wird bei der Arbeit im Wald ohnehin sehr gross geschrieben. Nebst Sicherheitsschuhen, Schnittschutzhose, Handschuhen und Helm ist der wichtigste Punkte, nie alleine im Wald zu arbeiten. Die Forstwarte sind immer mindestens zu zweit unterwegs, wenn sie holzen. «Ein Mann ist kein Mann», zitiert Aus der Au das Credo.

Dazu achten die Forstwarte gut auf die Signalisierung. Über jeden Weg, der zum Fällgebiet führt, spannen sie grosse Hinweistafeln.

«Passanten sind unberechenbar. Leider respektieren einige die Absperrungen nicht, spazieren mitten ins Fällgebiet und bringen sich damit in grosse Gefahr»
Mit diesem Schild weisen die Forstwarte die Passanten auf den Holzschlag hin.

Mit diesem Schild weisen die Forstwarte die Passanten auf den Holzschlag hin.

(Bild: Mario Testa)

sagt Rico Tenini. Die Forstwarte selber bekommen für jeden Auftrag eine Schlagorganisation. Auf dem Blatt sind Notfallnummern, Standort und die nächsten Ärzte aufgeführt.

Arbeit im Wald und im Garten

Tenini und Aus der Au machen sich am gefällten Baum zu schaffen, sägen die Äste ab und zerteilen den Stamm in fünf Meter lange Stücke. Dann ist der nächste an der Reihe. «Mir gefällt diese Arbeit sehr, weil man draussen ist, fit bleibt und mit Maschinen zu tun hat. Mal sind wir im Wald, mal in einem Garten beschäftigt, es ist abwechslungsreich», sagt Aus der Au.

Tenini sagt: «Ich respektiere jeden Baum als einzigartig und auf seine Art gefährlich. Es ist eindrücklich, die stehen 80 Jahre hier und in zehn Minuten sind sie weg.» Mit jedem gefällten Baum erhalten Jungbäume aber auch wieder Licht und Platz zum Wachsen. «Es ist ein Kreislauf.»

Vorwiegend Privatwald

Im Mittelthurgau stehen vor allem Nadelhölzer

Die Mitarbeiter des Forstreviers Mittelthurgau schlagen jährlich etwa 12'000 Kubikmeter Holz. Im Revier gibt es vorwiegend Nadelholzwälder. 70 Prozent sind in Privatbesitz, 30 Prozent in öffentlicher Hand. Die Revierförster empfehlen den Besitzern, wann die Ernte angebracht ist. Erst bei Sicherheitsrisiken setzen sie Druck auf.

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