Illighausen
«In einer Demokratie sollte ein solcher Entscheid akzeptiert werden»: Die Stimmberechtigten erteilen der Mobilfunkanlage im Kirchturm ihren Segen

An der ausserordentlichen Versammlung der Evangelischen Kirchgemeinde Lengwil haben sich die Stimmberechtigten klar für die geplante Mobilfunkanlage im Turm der Illighauser Kirche ausgesprochen – bereits zum zweiten Mal.

Rahel Haag
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Im Turm der Evangelischen Kirche in Illighausen ist eine Mobilfunkanlage geplant. Die Kirche steht mitten im Dorf, direkt neben dem Schulhaus.

Im Turm der Evangelischen Kirche in Illighausen ist eine Mobilfunkanlage geplant. Die Kirche steht mitten im Dorf, direkt neben dem Schulhaus.

Bild: Reto Martin
(30. Juni 2021)

Was bisher geschah

  • 2014 lehnen die Kirchbürgerinnen und -bürger mit 32 Nein- zu 19 Ja-Stimmen, bei sechs Enthaltungen die Erstellung einer Mobilfunkantenne im Kirchturm in Illighausen ab.
  • An der Versammlung der Politischen Gemeinde Lengwil im Dezember 2019 kritisiert eine Illighauserin den schlechten Handyempfang im Ort. In einer Konsultativabstimmung wird der Lengwiler Gemeinderat damit beauftragt, das Problem anzugehen.
  • Anfang November 2020 findet in Illighausen eine Informationsveranstaltung mit der Swisscom zum Thema statt.
  • Am 29. November 2020 genehmigen die evangelischen Kirchbürgerinnen und -bürger die Installation einer Mobilfunkantenne im Kirchturm an der Urne mit 124 Ja- zu 77 Nein-Stimmen.
  • Ende Februar 2021 überreichen Gegnerinnen und Gegner der Mobilfunkantenne der Kirchenvorsteherschaft eine Petition mit insgesamt 138 Unterschriften.
  • In der Ausgabe der «Lengwiler Ziitig» vom 11. Juni teilt die Kirchenvorsteherschaft mit, dass der Vertrag mit Swisscom unterschrieben worden ist, und kündigt an, dass eine Baueingabe folgen werde.
  • Das Komitee «Kirchturm ohne 5G» hat genügend Unterschriften gesammelt und erzwingt damit eine ausserordentliche Kirchgemeindeversammlung – samt dritter Abstimmung über die geplante Mobilfunkanlage.
  • Am 27. Oktober 2021 erteilen die Stimmberechtigten der geplanten Mobilfunkanlage im Kirchturm an der ausserordentlichen Kirchgemeindeversammlung mit 73 Ja- zu 47 Nein-Stimmen ihren Segen. Als Nächstes folgt ein Baugesuch der Swisscom. 

«Ich hoffe, dass das Abstimmungsergebnis nach heute Abend akzeptiert wird – egal, wie es herauskommt», sagt die Illighauserin, die in der Turnhalle der Primarschule Oberhofen ans Mikrofon getreten ist. Diskutiert wird am Mittwochabend an dieser ausserordentlichen Versammlung der Evangelischen Kirchgemeinde Lengwil darüber, ob im Illighauser Kirchturm eine Mobilfunkanlage installiert werden soll. Die Frau im weinroten Pullover fügt hinzu:

«Und ich hoffe, dass die Gräben im Dorf danach nicht allzu tief sind.»

Ob sich ihre Hoffnungen erfüllen, wird sich weisen. Das Ergebnis ist jedenfalls klar ausgefallen. In der geheimen Abstimmung schreiben am Ende 73 Stimmberechtigte ein Ja und 47 ein Nein auf ihren Zettel. Drei weitere sind leer beziehungsweise ungültig.

Es ist bereits die dritte Abstimmung zu diesem Thema. 2014 hatten die Stimmberechtigten das Anliegen noch bachab geschickt. Ende November 2020 hatten sie es dann an der Urne klar gutgeheissen. Doch die Gegnerinnen und Gegner monierten, dass im Vorfeld keine sachliche Meinungsbildung möglich gewesen sei, da bei einer Informationsveranstaltung lediglich die Swisscom, nicht aber die Gegenseite, zu Wort gekommen war.

Sie gründeten das Komitee «Kirchturm ohne 5G», sammelten Unterschriften für einen Rückkommensantrag und erzwangen schliesslich die ausserordentliche Kirchgemeindeversammlung sowie die dritte Abstimmung. Die Gegnerinnen und Gegner sorgen sich unter anderem über mögliche gesundheitliche Auswirkungen aufgrund der Strahlung. Sie kritisieren, dass die Antenne im Kirchturm mitten im Illighauser Dorfzentrum und in unmittelbarer Nähe zur Primarschule stünde.

Eine Anlage für die ganze Region?

Vor der Diskussion bekommen Stefan Zbornik vom Verein strahlungsfreies Kreuzlingen sowie Armin Gresch vom kantonalen Amt für Umwelt kurz Gelegenheit, über das Thema Mobilfunk zu sprechen. Zbornik sagt: «Es gibt keinen wissenschaftlichen Zweifel mehr, dass Funkstrahlung gesundheitsschädlich ist.» In Bezug auf den Standort im Kirchturm fügt er hinzu, dass er aufgrund der Höhe für die Swisscom perfekt sei.

«Mit einer sehr hohen Sendeleistung ist es möglich, die ganze Region abzudecken – bis nach Berg und Kreuzlingen sowie Richtung Amriswil.»
Stefan Zbornik vom Verein strahlungsfreies Kreuzlingen.

Stefan Zbornik vom Verein strahlungsfreies Kreuzlingen.

Bild: Rahel Haag

Dem widerspricht Armin Gresch. «Die Kirche ist lediglich rund 15 Meter hoch und wohl nicht dafür geeignet, die ganze Region zu versorgen.» Zum Vergleich ergänzt er, dass andere Funkmasten der Swisscom 20 bis 30 Meter hoch seien.

Die ersten Fragen aus dem Publikum machen deutlich, dass die Anwesenden vor allem wissen möchten, wie denn sichergestellt wird, dass die Grenzwerte für die Strahlung eingehalten werden. Gresch sagt dazu, dass der Kanton Kontrollmessungen durchführe. Allerdings – das müsse er zugeben – seien sie in dieser Hinsicht «relativ schwach bestückt». Gleichzeitig sagt er:

«Wir haben im Thurgau innert drei Monaten 58 Mobilfunkanlagen überprüft und nur sieben Überschreitungen festgestellt.»
Armin Gresch vom Thurgauer Amt für Umwelt.

Armin Gresch vom Thurgauer Amt für Umwelt.

Bild: Werner Lenzin

Zudem sei es grundsätzlich so, dass für die Mobilfunkanlage zwar eine maximale Leistung bewilligt werde, die Anlage aber meist gar nicht auf dem Maximum laufe.

Trotz schlechtem Empfang gegen die Antenne

«Ich lebe seit 25 Jahren mit dem schlechten Empfang», sagt ein Mann, der in Illighausen wohnt und sein Geschäft betreibt. Er kenne es gar nicht anders und es bringe einen ziemlichen Aufwand mit sich. «Trotzdem bin ich gegen die Antenne», sagt er. Es sei nicht wegzudiskutieren, dass die Strahlung schlecht sei für die Menschen. Und er fragt:

«Ist denn eine Mobilfunkanlage mitten im Dorf wirklich nötig?»

Dank einer sogenannten Indoorbox, einer eigenen Mikrofunkzelle, komme er gut zurecht.

Ein junger Mann, der seit einem Jahr mit seiner Partnerin in Illighausen wohnt und sich bei der freiwilligen Feuerwehr engagiert, sieht das ein wenig anders. «Wenn es brennt, werden wir über das Handy aufgeboten – da wäre es nicht schlecht, wenn man auch Empfang hätte.»

Die 123 anwesenden evangelischen Stimmberechtigten füllen in der Turnhalle in Oberhofen ihre Wahlzettel aus.

Die 123 anwesenden evangelischen Stimmberechtigten füllen in der Turnhalle in Oberhofen ihre Wahlzettel aus.

Bild: Rahel Haag

Bei der Abstimmung vor sieben Jahren sei sie noch gegen die Mobilfunkanlage gewesen, sagt die Frau im weinroten Pullover. «Obwohl ich damals schon das Bedürfnis nach besserem Empfang hatte.» Sie habe ihr eigenes Bedürfnis dem Frieden zuliebe zurückgestellt. Doch nun habe im November die Mehrheit Ja gesagt.

«Wir leben in einer Demokratie, da sollte ein solcher Entscheid auch akzeptiert werden.»

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