Interview

Die Kreuzlinger Stadträtin Barbara Kern findet, sie war am richtigen Ort

Nach acht Jahren im Kreuzlinger Stadtrat beginnt für Barbara Kern in zwei Wochen ein neuer Lebensabschnitt. Die Sozialministerin tritt in den Ruhestand und hört auf mit der Politik – na ja, fast.

Martina Eggenberger Lenz
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SP-Stadträtin Barbara Kern sitzt am Brunnen vor dem Sallmannschen Haus. (Bild: Reto Martin)

SP-Stadträtin Barbara Kern sitzt am Brunnen vor dem Sallmannschen Haus. (Bild: Reto Martin)

Vorhin haben wir auf dem Gang ihren Nachfolger Markus Brüllmann getroffen. Wie geht es ihnen? So im Endspurt?

Barbara Kern: Markus Brüllmann war jetzt schon ein paar Mal da. Wir arbeiten an der Übergabe des Amtes. Nach 47 Jahren Berufsleben und 20 Jahren in der Politik freue ich mich auf die Rente. Und mir wird langsam bewusst, dass ein neuer Lebensabschnitt auf mich zukommt. Ich freue mich darauf, Verantwortung abzugeben. Aber es weckt auch Emotionen, einen Schlussstrich zu ziehen.

Hören Sie denn gleich mit allem auf? Auch mit dem Kantonsrat?

Ja, ich habe mir das gut überlegt. Meine letzte Sitzung im Grossen Rat wird im Juli sein. Ich wäre nicht frei im Reisen, wenn ich weitermachen würde. Ich wäre dann zwar pensioniert, aber immer noch in der Verantwortung. Jetzt bin ich dann zum ersten Mal nur noch ein gewöhnliches Mitglied meiner Partei.

Können Sie das? Sich so rausnehmen?

Ganz nicht. Ich bin ja noch auf der 60plus-Liste der SP für den Nationalrat. Ich mache das, weil es der normalen Liste Stimmen bringt und weil ich überzeugt bin, dass die Anliegen der Senioren mehr eingebracht werden müssen. Sowieso, ich werde schon weiter Basisarbeit machen.

Sie bezeichnen Griechenland immer als ihre zweite Heimat. Jetzt könnten Sie auswandern.

Ich habe mir das wirklich durch den Kopf gehen lassen. Aber ich bin zum Schluss gekommen, dass ich in Kreuzlingen daheim bin und nirgends sonst leben möchte. Auf jeden Fall habe ich jetzt aber Zeit für längere Aufenthalte in Griechenland. Ich möchte auch das Studium der griechischen Sprache wieder aufnehmen.

Kommen wir noch einmal zurück auf ihren Einsatz für die ältere Generation, zu der Sie jetzt offiziell auch gehören: Wie ist der Stand des Alterkonzeptes, das Sie initiiert haben?

Der Stadtrat hat dieses abgesegnet, jetzt geht es um die Umsetzung. Wir nutzen die Gelegenheit und reichen Projekte bei der Age-Stiftung ein, um eine Finanzierung zu gewinnen. Zum Beispiel geht es da um Nachbarschaftshilfe. Wir müssen gerüstet sein für die demografische Entwicklung und die im Konzept beschlossenen Massnahmen möglichst schnell realisieren. Es wird viel getan für die Jugend, für Kultur, für Verkehr. Aber für die ältere Bevölkerung?

In den letzten Jahren war der Rechnungsabschluss der Sozialhilfe immer viel besser als budgetiert. Worauf ist das zurückzuführen?

Sicher ist die wirtschaftliche Lage ein Faktor. Aber vor allem haben wir unsere Strukturen angepasst. Wir haben den Jobcoach installiert und den Stellenetat aufgestockt, damit der einzelne Mitarbeiter weniger Fälle betreuen muss. Es zahlt sich aus, dass die Mitarbeiter mehr Zeit für die Klienten haben. Ich erinnere mich zurück an 2013, als unsere Sozialhilfezahlen explodiert sind, vor allem bei den Jungen. Der Job­coach war da wohl die Idee überhaupt. Heute gibt es viele Gemeinden, die unserem Beispiel folgen.

Jetzt läuft es gut bei der Sozialhilfe, aber Sie haben ein anderes Sorgenkind.

Die steigenden Spitexkosten, ja. Sie sind eine Folge des Prinzips ambulant vor stationär, das ich ja gut finde. Aber der Kanton muss sich an den Kosten beteiligen. Zum Glück passiert das jetzt ab nächstem Jahr.

Wenn Sie auf die acht Jahre in der Exekutive zurückblicken – worauf sind Sie stolz?

Ich bin stolz auf meine Mitarbeiter! Ohne sie wäre die ganze Reorganisation des Departementes, die wir vollzogen haben, nicht möglich gewesen. Ich freue mich, dass die Sozialen Dienste für die Zukunft gut aufgestellt sind. Schön habe ich gefunden, dass ich in meinem Job auch kreativ sein konnte. Wie gesagt bei der Entwicklung des Alterskonzeptes, der Einstellung des Jobcoaches, der Reorganisation der Spitex und der Überführung der Vormundschaftsbehörde in die Kesb.

Und wie haben Sie die Zusammenarbeit in der Exekutive erlebt?

Ich konnte meine Anliegen durchbringen. Obwohl – am Anfang war es hart. Die Mittagstisch-Idee ist mir nach dem erfolgreichen Versuch einfach aus dem Budget gestrichen worden. Das Thema Horte war ebenfalls schwierig. Ich habe unter der alten Zusammensetzung des Stadtrates ein paar Mal daran gedacht, den Bettel hinzuschmeissen. Aber dann hat mich der Ehrgeiz gepackt. Und mit den neuen Kollegen wurde es besser.

War für Sie das Departement Soziales stets das richtige? Oder hätte Sie auch anderes gereizt?

Ich war am richtigen Ort. Wenn ich sehe, wie zum Beispiel der Bauminister manchmal zu kämpfen hat ... Nein, da bin ich nicht neidisch. In meinem Departement ist es halt so: Nur wenn es schlecht läuft, gibt es Schlagzeilen. Die gute Arbeit der Sozialhilfe wird totgeschwiegen, beziehungsweise in der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen. Dabei ist sie so wichtig für den sozialen Frieden in einer Stadt.

Nun übergeben Sie ihr Amt bald an Markus Brüllmann. Als Parteikollege tickt er ähnlich wie Sie. Vereinfacht das den Abschied?

Mit Markus Brüllmann ist auf jeden Fall eine Kontinuität gegeben. Er ist sozusagen mein politischer Zögling. Ich habe ihn damals für die Gemeinderatsliste akquiriert. Für mich ist es eine Freude, dass er jetzt mein Nachfolger wird. Die Frage, wer einst auf diesem Stuhl sitzen wird, hat mich schon umgetrieben.