«Ich liebe Bischofszell und bin stolz auf das Städtchen»: Die älteste Stadtführerin der Schweiz hört auf – mit 91 Jahren und nach rund 250 Führungen

«Ich werde die Stadtführungen vermissen», sagt Hilde Wirth. Der Kopf würde noch mitmachen, doch sie sei nicht mehr so gut zu Fuss: Die 91-Jährige führte vielen Menschen durch die Rosenstadt an der Sitter. Jetzt geht sie in den Ruhestand.

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Bis vor kurzem war Hilde Wirth als Stadtführerin in der Altstadt von Bischofszell unterwegs.

Bis vor kurzem war Hilde Wirth als Stadtführerin in der Altstadt von Bischofszell unterwegs.

Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer (Bischofszell, 4. Juli 2020)

«Ich liebe Bischofszell und bin stolz auf das Städtchen», sagt Hilde Wirth. Sie kennt die Rosenstadt in- und auswendig. Wie ihre eigene Hosentasche, erzählt sie im Gespräch. Während 20 Jahren hat sie hier Stadtführungen gemacht – insgesamt rund 250. Nun sei aber der Zeitpunkt gekommen, das Amt abzugeben.

Dankesschreiben von Touristen

Altershalber habe sie kürzlich damit aufgehört, denn sie sei nicht mehr so gut zu Fuss. «Der Kopf würde noch mitmachen», sagt Hilde Wirth, während sie in einem ihrer Alben blättert. Darin hat sie unter anderem Zeitungsartikel und Programmhefte von Anlässen gesammelt, die etwas mit ihren Stadtführungen zu tun hatten.

Aber auch sämtliche Dankesschreiben von Touristen sowie Vereinsmitgliedern hat Hilde Wirth darin aufbewahrt – und dies sind nicht wenige. Überall sind nur lobende Worte zu lesen. Man spürt es: Die älteste Stadtführerin der Schweiz hat viel Herzblut in ihre Aufgabe gesteckt. Etwas wehmütig bekennt sie:

«Ich werde die Stadtführungen vermissen.»

Spezielle Führungen zum Abschluss

Ihre zwei letzten Stadtführungen durch Bischofszell seien ganz speziell gewesen, erinnert sich Hilde Wirth mit einem dankbaren Lächeln. Ende 2019 hatte sie eine Führung in Französisch: Einer Gruppe aus dem Welschland durfte sie das Städtchen zeigen.

Den Abschluss bildete dann eine Stadtführung in italienischer Sprache mit dem Chor Corale Ticinese aus Minusio. Hilde Wirth ist gelernte Hotelfachfrau. Sie erzählt, dass sie ausser Deutsch auch fliessend Französisch, Italienisch, Englisch und Spanisch spricht.

Zuerst eine Absage erhalten

An das Stelleninserat im Jahr 1999 mag sich Hilde Wirth noch gut erinnern. Die Stadt Bischofszell hatte dazumal eine Stadtführerin gesucht. Sie habe sich daraufhin beworben, aber dann auch gleich von Markus Mattle, dem damaligen Präsidenten des Verkehrsvereins, eine Absage erhalten.

«Er wollte mich nicht nehmen, weil ich viel auswärts war und meinen Jugendschwarm aus St.Gallen geheiratet hatte.»

Ihr Mann Hans Wirth führte ein Zigarrengeschäft beim Marktplatz. Bis zur Pensionierung hatten Hilde Wirth und ihr Mann nebst dem Haus in Bischofszell auch noch eine Wohnung in St.Gallen.

Gewohnt hat das Ehepaar dadurch manchmal in der Stadt St.Gallen, aber auch im Städtchen Bischofszell. Nach der Aufgabe des Zigarrengeschäftes im Jahr 1989 sind Wirths definitiv nach Bischofszell gezogen in das Elternhaus von Hilde Wirth-Wehrlin. In das Haus, wo sie schon einen Grossteil ihrer Kindheit und Jugend verbracht hat.

Erfahrungen in der Hotelbranche

Hilde Wirth liess nach der Absage nicht locker, und ihr Durchhaltewillen lohnte sich. Sie habe dem Präsidenten des Verkehrsvereins ihre Zeugniskopien vorgelegt, und sei dann als Stadtführerin angestellt worden.

Wirth hat viel geleistet: Im In- und Ausland hat sie an Hotelrezeptionen gearbeitet, und während der Winterolympiade 1948 war sie sogar in einem Hotel in St.Moritz tätig. Später hat sie vier Jahre lang ein Hotel in Lugano geführt und während 15 Jahren eines in Zürich. Wirth sagt:

«Auf meinen Stadtführungen habe
ich den Leuten am liebsten
das Bischofszeller Rathaus gezeigt.
Es ist ein wunderschönes Gebäude.»

Gleichzeitig mit Hilde Wirth wurden vor 20 Jahren auch die beiden Bischofszellerinnen Elisabeth Stark und Frances Bischof als Stadtführerinnen aufgenommen. Beide machen immer noch Führungen durch die Rosenstadt.

Informationen auswendig vermittelt

Der Präsident des Verkehrsvereins hatte die drei Frauen damals durch das Städtchen geführt und ihnen Sachkenntnis vermittelt, unter anderem über die Gründung von Bischofszell, das Rathaus mit den reichen Verzierungen, die Alte Thurbrücke oder den Barocken Rosengarten.

Wirth gesteht, dass sie anfangs auf den Führungen ihr Büchlein zur Hilfe genommen hat. Schnell habe sie aber alles auswendig erzählen können. Auch während der Bischofszeller Rosen- und Kulturwoche hat sie zahlreiche Rosenführungen gemacht. Dies sei immer eine arbeitsintensive Woche gewesen.

Radetzky-Marsch auf der Kirchenorgel

Die Pelagiuskirche in Bischofszell.

Die Pelagiuskirche in Bischofszell.

Bild: Reto Martin (30. Juni 2005)

Wirth mag sich an zahlreiche Anekdoten aus ihren Stadtführungen erinnern. Das lustigste Ereignis sei vor einigen Jahren gewesen mit dem inzwischen verstorbenen Bündner Orgelvirtuosen Hannes Meyer. In der Pelagiuskirche habe dieser den Radetzky-Marsch auf der Orgel so laut gespielt, dass der Messmer schnell dahergelaufen kam.

In besonderer Erinnerung ist ihr auch der Rundgang mit 13 älteren Herren aus Widnau geblieben. Es sei ein kalter Wintertag gewesen, und die Teilnehmer hätten sich gerne während der Stadtführung in einem Wirtshaus aufgewärmt. Doch dies lag zeitlich nicht drin. Nach der Führung wurde die Gruppe von einem Anwesenden ins Hotel zur Linde eingeladen. Dort standen zum Aufwärmen schon 14 Kafi Luz parat.

Warum vor dem Rathaus gelacht wird

«Ja, und dann ist da noch die Geschichte mit dem Rathaus.» Stadtpräsident Thomas Weingart habe sie einmal gefragt, weshalb immer auf ihren Führungen vor dem Rathaus gelacht werde.

«Über den Fenstern stehen Namen antiker Staatsmänner, Denker und bedeutender Kriegsherren – damit der Stadtrat von diesen beeinflusst wird», hat Hilde Wirth jeweils vor dem Rathaus erklärt und ergänzt: «Ob diese Vorbildfunktion heute noch Gültigkeit hat, weiss ich allerdings nicht.»

In letzter Zeit sei sie oft auf ihr Alter angesprochen worden, sagt die ehemalige Stadtführerin. Dann habe sie jeweils zur Antwort gegeben: «Wenn Sie auf unserem Rundgang gut aufgepasst haben, wissen Sie, wie alt ich bin. Ich habe denselben Jahrgang wie die historische Papiermaschine, die im Gebäude steht, das ich gezeigt habe.» Die Papiermaschine von 1929 befindet sich in der ehemaligen Bischofszeller Papierfabrik.

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