«Ich könnte weinen»: Statt Besucher gähnende Leere auf dem Gelände der abgesagten Messen in Weinfelden

Enttäuschte Aussteller: Wegen des Corona-Virus sagt der Kanton die beiden Messen Inhaus und «die50plus» ab.

Sabrina Bächi
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Schilder im Eingangsbereich machen die Besucher darauf aufmerksam, dass die Messen nicht stattfinden

Schilder im Eingangsbereich machen die Besucher darauf aufmerksam, dass die Messen nicht stattfinden

(Bild: Andrea Stalder)

Ein weisses Meer aus Zeltblachen überdeckt das nicht minder eintönige Grau des Marktplatzes vor dem «Thurgauerhof» in Weinfelden. Die Blachen klappern an den Metallstangen. Drinnen sollten sich Besucher über die neusten Trends rund ums Wohnen oder über Neuigkeiten zur zweiten Lebenshälfte informieren können: Rollfenster, Showgärten, Body Detox, Musizieren im Alter. Doch von all dem ist nichts zu sehen. Die Stände sind leer. Die Wände weiss.

Denn knapp eine Stunde vor Messebeginn mussten die Verantwortlichen verkünden: Die Inhaus und «die50plus» sind abgesagt. Der Fachstab des Kantons hat das so bestimmt. Eine noch nie da gewesene Situation. Heinz Schadegg hetzt durch den Gang. «Ich habe drei Stände hier an der Inhaus. Gestern Abend habe ich noch Dutzende Blumentöpfe abgeholt, alles fertig aufgebaut und jetzt – jetzt müssen wir alles wieder abbauen.»

Heinz Schadegg ist nicht nur als Unternehmer an der Messe. Er ist auch im Verwaltungsrat und muss als Veranstalter zusehen, wie sich die Hallen leeren, statt füllen. «Es ist oberscheisse. Ich könnte weinen», sagt Schadegg. Aber es nütze nichts. Im ersten Moment sei er schockiert gewesen. Doch nun sei es so und man müsse das Beste aus der Situation machen. In die drei Stände habe er etwa 20000 Franken investiert. «Das Entscheidende ist jedoch, dass mir so auch der Kundenkontakt und daraus resultierende Aufträge fehlen», gibt Schadegg zu bedenken.

Zudem sei es auch schade für die Stadt als Messehauptort. Jetzt gehe es ans Aufräumen. Glücklicherweise könne er alles in seinem Geschäft ausstellen, was er gerne an der Inhaus gezeigt hätte. Aber sein Betrieb steht heute still. Die Kräfte werden in der leeren Zeltstadt benötigt – zum Aufräumen.

Die Aussteller müssen sich arrangieren

Jürg Fetzel, Präsident Historische Mittel-Thurgau-Bahn.

Jürg Fetzel, Präsident Historische Mittel-Thurgau-Bahn.

(Bild: Andrea Stalder)

Weniger Verlust, dafür keine Werbung und Präsenz in der Öffentlichkeit, muss der Historische Verein Mittelthurgaubahn in Kauf nehmen. «Wir wollten unsere Reisen vorstellen, Interessierte dafür gewinnen und ganz allgemein hofften wir darauf, das eine oder andere neue Mitglied zu finden», sagt Jürg Fetzel, Präsident des Vereins.

Zusammen mit einigen Mitgliedern des Vereins sitzt er im «Thurgauerhof»-Saal und trinkt Kaffee. Der eine oder ander knabbert an den dampflockförmigen Guetzli. Ihr Stand ist bereits leer geräumt. Es wäre ihre erste Messe gewesen. Investiert haben sie Zeit und Geld für das Standmaterial. Sie zeigen Fotos: «So wär’s gsi, wenn’s gsi wär», sagt Fetzel. Traurig, frustriert und enttäuscht sind die Bahnfans. Aber auch sie müssen sich mit der Situation arrangieren. «Wir haben ja jetzt das Material, wir kommen nächstes Jahr wieder und versuchen es noch einmal.»

Die Aufräumarbeiten sind fast schon abgeschlossen.

Die Aufräumarbeiten sind fast schon abgeschlossen.

(Bild: Andrea Stalder)

Esther Baumgartner schleppt einen Tisch zum Lastenlift. Auch sie muss ihren Stand für das Jubiläum 150 Jahre Landeskirchen zurückbauen. «Etwa eine ganze Arbeitswoche habe ich dafür investiert», sagt die Pfarrerin. Drei Vorträge hätten sie gehabt, doch daraus wird nun nichts. «Schade, aber verständlich», resümiert sie.

Messekoch verschenkt Essen

Gähnende Leere in den Gängen, Abbrucharbeiten an den Ständen. Etwas Leben herrscht noch in der Küche des Messerestaurants. Im Backofen bräunen sich die Schinkengipfeli, der Gasherd ist noch in Betrieb. Nebenan stehen Töpfe voller Saucen, eine Schüssel Pommes und ein Blech mit Flammkuchen, das darauf wartet, in den Ofen geschoben zu werden.

Tom Rothen, Leiter des Messerestaurants, sieht gelassen aus. «Als die Nachricht kam, fluchte ich in mich rein und sagte zu meinen Mitarbeitern ‹Jungs, dieses Wochenende haben wir keinen Stress›», sagt Rothen. Drei Tage habe er das Essen vorbereitet. Nun steht er vor einem Haufen Esswaren, die er nicht verkaufen kann. «Wenn man bei Events und Messen arbeitet, ist man extreme Situationen gewöhnt. Manchmal regnet es permanent, dann verkaufe ich auch nichts. Aber so etwas habe ich noch nie erlebt.»

Damit er kein Essen wegwerfen muss, hat er alle seine Freunde und Bekannten angerufen. Die verderblichen Esswaren wie Salate hat er so weggebracht. «Den Rest friere ich ein.»

Ein bisschen etwas vom Apéro geht an die Aussteller, die sich noch vereinzelt an Ständen befinden. Auch ein paar Flaschen Wein wurden geöffnet. Die Ernüchterung ist gross, die Enttäuschung auch. Doch den Ausstellern bleibt nichts anderes übrig, als die Zeltstadt unverrichteter Dinge zu verlassen. «Wir gehen jetzt halt Skifahren», sagt eine Ausstellerin, die mit beladenen Armen in Richtung Ausgang steuert.