«Ich kann nicht mehr»: Langjähriger Romanshorner Hausarzt gibt seine Praxis auf

Mit einem Tag der offenen Tür hat sich Daniel Zöllig von Romanshorn verabschiedet. Störrische Patienten, hohe Erwartungshaltungen und zu viel Administration seien die Gründe, weswegen der Arzt seiner Praxis erschöpft den Rücken zukehrt. Seine Praxis übernehmen zwei neue Ärzte.

Barbara Hettich
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Daniel Zöllig am Tag der offenen Tür.

Daniel Zöllig am Tag der offenen Tür.

(Bild: Barbara Hettich)

25 Jahre war Daniel Zöllig Hausarzt in Romanshorn, seit 20 Jahren in seiner eigenen Praxis an der Bahnhofstrasse 16. Jetzt hört er auf und wird Vertrauensarzt einer Versicherung. Zöllig gibt sich erschöpft:

«Ich kann nicht mehr, ich würde auf einen Hirn- oder Herzschlag zusteuern, wenn ich weiter praktizieren müsste»

Gründe gibt es viele: In den vergangenen Jahren habe es zu viele Veränderungen im Gesundheitswesen gegeben. Mehr Administration und eher schlechtere Tarife hätten dazu geführt, dass die Kaufkraft eines Hausarztes schlechter sei als noch vor 30 Jahren. «Der Druck ist da, künftig noch effizienter und billiger zu arbeiten.» Dazu komme, dass in der heutigen Gesellschaft viele Patienten nicht mehr bereit seien, einen anderen Lebensweg einzuschlagen, respektive Verantwortung für ihre Krankheit zu übernehmen.

Die Erwartungshaltung an den Arzt sei oft zu hoch. Erwartet werde, dass dieser mit einer medikamentösen Hauruck-Behandlung die Krankheit einfach beseitigen könne. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit sei für viele schwierig. «Spiritualität und Achtsamkeit ist oft nicht mehr gegeben», bedauert Daniel Zöllig.

Zwei Neue Ärzte

Bereits vor fünf Jahren hat sich Daniel Zöllig nach einem Praxispartner umgeschaut. Gefunden hat er niemanden, der seinen Ansprüchen genügte. Vor zwei Jahren hat er dann entschieden, seine Praxis zu verkaufen und ein professionelles Vermittlungsbüro sei nun fündig geworden.

Aysin Weber und Eric Schneider werden ab dem 1. Januar seine Praxis und seine Patienten übernehmen. Die beiden Deutschen arbeiten in einem Ärztezentrum in Hinwil, sind mit dem Schweizer Gesundheitswesen vertraut und freuen sich auf ihre Selbstständigkeit.

«Ich hatte Glück, andere Ärzte müssen weit über das Pensionsalter hinaus arbeiten, weil sie ihre Praxis nicht los bringen»

Bewegende Momente

Der Abschied von seinen Patienten fällt Daniel Zöllig nicht leicht, er war Arzt mit Leib und Seele, «Dienst nach Vorschrift» war nie sein Ding. Zu seinem Medizinstudium hinzu hat er sich in «Traditionelle Chinesische Medizin» und in Akupunktur ausbilden lassen.

«Ich hatte das Werkzeug, meine Patienten individuell zu behandeln.»

Daniel Zöllig bezeichnet sich selbst als einen guten Diagnostiker und einen Menschen, der gut auf andere zugehen kann. Am Tag der offenen Tür am vergangenen Samstag kamen denn auch sehr viele Menschen, um sich persönlich von ihrem Vertrauensarzt zu verabschieden. Es gab bewegende Momente. «Ich werde Sie sehr vermissen», sagte eine ältere Dame traurig und überreichte ihm ein Abschiedsgeschenk. «Bis Ende Jahr, wenn ich mich von meinen letzten Patienten verabschiede, werden wohl noch einige Tränen fliessen», so Zöllig.

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