Interview

Der Dozwiler Gemeindepräsident Bruno Germann sitzt seit 40 Jahren im Gemeinderat und ist kein bisschen amtsmüde: «Ich bin wirklich happy»

In seiner ganzen Karriere hat der 69-Jährige als politischer Verantwortlicher der kleinen Gemeinde nie einen bösen Brief geschrieben. Und reich geworden ist er auch nicht. Der Maschinenbau-Ingenieur arbeitet fast für Gotteslohn.

Markus Schoch
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Hat die Lust am Amt nicht verloren: Bruno Germann im Gemeindehaus.

Hat die Lust am Amt nicht verloren: Bruno Germann im Gemeindehaus.

Bild: Reto Martin

Herr Germann, wie kommt man dazu, so lange Gemeindepolitik zu betreiben?

Mir macht das Amt Spass.

Bis heute?

Ja, ich bin voll und ganz dabei. Seit ich am 1. Juli aufgehört habe, bei der Sia-Abrasives in Frauenfeld zu arbeiten, finde ich noch mehr Zeit für die Gemeinde.

Dozwil ist mit seinen rund 700 Einwohnern und der zweitkleinsten Fläche aller Thurgauer Gemeinden eine äusserst überschaubare Welt. Andere Gemeindepräsidenten werfen bereits nach wenigen Jahren das Handtuch, weil sie durch ihr Amt als Politiker privat zunehmend unter Druck kommen.

Privat komme ich nie unter Druck. Ich werde nicht angefeindet - im Gegenteil. Ein Grund dafür mag sein, dass ich alle gleich behandle und auf Ausgleich bedacht bin.

Grenzen Sie sich privat ab?

Nein, ich gehe in Dozwil spazieren und turne im Dorf. Wenn mich jemand auf ein Problem anspricht, nehme ich das mit in den Gemeinderat.

Gab es in den letzten 40 Jahren nie einem Moment, wo Sie nahe daran waren, alles hinzuschmeissen?

Nein, gar nie. Ich bin Maschinenbau-Ingenieur mit Leib und Seele. Die Arbeit als Politiker ist etwas ganz anderes. Ich schätze den Kontakt mit Menschen sehr.

Das macht die Faszination des Amtes aus?

Ja, das ist ein Teil. Ich vermittle auch gerne bei Konflikten, suche Lösungen bei Problemen und schätze die Zusammenarbeit mit den umliegenden Gemeinden. Das Aufgabenfeld ist sehr vielfältig und füllt mich aus, ich bin wirklich happy. Ich empfinde meine Arbeit überhaupt nicht als Belastung. Ich habe auch noch nie einen bösen Brief geschrieben. Wenn sich jemand schriftlich an mich wendet und sich im Ton vergreift, schlafe ich dreimal drüber und antwortete dann sachlich.

Ist irgendwann nicht einfach alles nur noch eine ständige Wiederholung?

Nein, es gibt immer wieder neue, interessante Herausforderungen wie die Erschliessung von Gebieten oder jetzt der Umbau des Gemeindezentrums.

Wie hat sich Ihre Arbeit seit dem Einstieg in die Politik als 29-Jähriger verändert?

Damals war ein Wort noch ein Wort. Man droht weniger sofort mit dem Anwalt, es ging viel hemdsärmeliger zu und her.

Können Sie ein Beispiel geben?

Es gab noch kein Gemeindezentrum, wir trafen uns im Gemeinderat irgendwo in einem Zimmer zu unseren Sitzungen. Der Zusammenhalt war sehr gut: Wir sind nie nach Hause gegangen, ohne vorher etwas zu trinken oder zu jassen. Es war vieles einfacher, es gab beispielsweise noch keinen Datenschutz, wie wir ihn heute kennen.

Es bestanden noch nicht so viele Vorschriften und Regeln, die den Gemeinden das Leben schwer machen?

Ich habe zwei Ortsplanungsrevisionen mitgemacht. Bei der zweiten war der Aufwand ungleich höher, unter anderem wegen der Revision des eidgenössischen Raumplanungsgesetzes 2013, die das Ziel hat, die Zersiedelung zu stoppen. Indirekt bedeutet das einen Eingriff in die Eigenständigkeit der Gemeinden. Das war früher nicht so. Wir hatten aber Glück.

Inwiefern?

Wir haben 1999 gesehen, dass wir etwas machen müssen, damit es mit der Gemeinde aufwärts geht. Wir erschlossen drei-vier Gebiete, die zuvor noch nicht als Bauland eingezont waren. Wir konnten seinerzeit einfach beim Kanton anrufen, jemand kam rasch vorbei und meinte, gebt die Pläne ein. Heute ist das undenkbar. Der Thurgau muss gemäss Vorgaben des Bundes 30000 Hektaren Landwirtschaftsland als so genannte Fruchtfolgefläche ausscheiden, die nicht angetastet werden darf. Das heisst: Für die bauliche Entwicklung stehen im ganzen Kanton nur noch 627 Hektaren zur Verfügung.

Ist der Spielraum für die Gemeinden auch ausserhalb der Raumplanung enger geworden?

Ja, wenn jemand die Steuern nicht zahlen konnte und deswegen zu uns kam und jammerte, war es zu Beginn meiner Amtszeit als Gemeinderat möglich, der betreffenden Person unbürokratisch einen Zahlungsaufschub zu gewähren. Heute hat der Kanton ein Auge drauf und würde in einem solchen Fall sofort reagieren.

Ist der Kanton zum Feindbild geworden?

Überhaupt nicht. Ich habe einen sehr guten Draht zum Regierungsrat. Wenn ich ein Problem habe, bekomme ich sehr schnell einen Gesprächstermin. Wir sind darauf angewiesen, dass unsere Situation in Frauenfeld verstanden wird. Ein paar Kinder mehr oder weniger beispielsweise sind entscheidend für die Zukunft der Schulen. Wir müssen uns entwickeln können.

Beim Kanton stossen Sie offenbar auf Verständnis. Wie sieht es umgekehrt aus: Hat die anspruchsvoller und ungeduldiger gewordene Bevölkerung auch immer noch das gleiche Verständnis für die Arbeit der Behörde wie vor 40 Jahren?

Ich stelle diesbezüglich keine Veränderung fest. Wir tun aber auch alles, um Unmut gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ich habe sehr wenige negative Rückmeldungen. Zu verdanken ist das auch der Verwaltung, die einen super Job macht. Wir sind insgesamt vier Personen, die sich 170 Stellenprozente teilen.

Wie viele haben Sie selber?

Das Pensum ist alles in allem mindestens 25 bis 30 Prozent. Ich habe aber seit dem 1. Januar 1999 einen fixen Jahreslohn von 16000 Franken und 4000 Franken Spesen.

Das ist nicht viel.

Ich mache die Arbeit auch nicht wegen des Geldes. Ich habe Freude am Amt, mir gefällt es.

Wie viel haben Sie bei der Sia -Abrasives gearbeitet?

Fast 100 Prozent.

Und das ist gut gegangen nebeneinander?

Ja, ich konnte mir gewisse Freiheiten leisten, wenn es etwas für die Gemeinde zu tun gab.

Blieb da überhaupt Zeit für Hobbies?

Ja, ich habe Wald und spiele Faustball, den ich seinerzeit von Oberhofen in die Gemeinde brachte. Beim Thurgauer Turnverband bin ich ausserdem als Funktionär tätig und organisiere beispielsweise die Wintermeisterschaft. Ich bin ein Gemeinschaftsmensch und helfe überall, wo ich kann.

Die Bevölkerung hat sich seit Beginn ihrer Arbeit in der Gemeindepolitik praktisch verdoppelt. Ist diese Entwicklung dem Dorf gut bekommen?

Ja, ohne dieses Wachstum hätten wir nicht überleben können. Es gibt zwar Kritiker, die sagen, wir hätten es etwas übertrieben. Andere halten uns umgekehrt vor, es wäre noch mehr möglich gewesen. Ich denke, wir haben die richtige Balance gefunden. Der Altersdurchschnitt der Bevölkerung ist relativ tief.

Worauf sind Sie besonders stolz, wenn Sie auf Ihre Arbeit im Gemeinderat zurück blicken.

Da gibt es einiges. Sicher, dass es gelungen ist, die Eigenständigkeit zu bewahren, die in Gefahr war, als die Einheitsgemeinden aufgelöst wurden. Ich musste darum kämpfen ebenso wie für die Sekundarschulanlage, die für Dozwil von grosser Bedeutung war und immer noch ist. Erfreulich ist sicher auch die Entwicklung von einer Steuerhölle zu einer Gemeinde mit einem Steuerfuss von 44 Prozent, einem Eigenkapital von 3,4 Millionen Franken und einer super Infrastruktur. Sehr stolz bin ich im weiteren darauf, dass es uns gelungen ist, die Grabenkämpfe im Dorf wegen der St. Michaelsvereinigung zu beenden.

Die Glaubensgemeinschaft sorgte 1988 schweizweit für Schlagzeilen, als sie die Ankunft von Ufos ankündigte. Sie selber sind Kirchgänger bei der St. Michaelsvereinigung. Waren Sie deswegen nie bestritten als Gemeindepräsident?

Ich litt eine Weile lang unter den Nachwehen der Ereignisse vor 31 Jahren. Die Bevölkerung hat mich aber immer wieder mit guten Resultaten im Amt bestätigt. Mittlerweile hat sich die Situation im Dorf entspannt. Die Ereignisse haben die Dozwiler geprägt. Der Umgang ist ein anderer. Man geht nicht sofort aufeinander los.

Ein Leben für die Gemeinde

Bruno Germann

Bruno Germann ist 69 Jahre alt, Vater von fünf Kindern und elffacher Grossvater. Der Maschinenbau-Ingenieur arbeitete über 42 Jahre für die Sia-Abrasives und war zuletzt an der Erweiterung eines Produktionswerkes in Polen beteiligt. Seit 1979 gehört er dem Gemeinderat von Dozwil an, zuerst 20 Jahre als ordentliches Mitglied, danach 20 Jahre als Präsident der Behörde. Germann charakterisiert sich selber als ruhig und überlegt. (mso)

Eine Geschichte voller Wunder

Vor 50 Jahren legte Paul Kuhn die Grundlage für die St. Michaelsvereinigung in Dozwil. Der 2002 verstorbene Gemüsegärtner hat die Gemeinde zu einem Gnadenort gemacht, der vor 25 Jahren nach Krawallen traurige Berühmtheit erlangte. Heute ist das Dorf in gewisser Hinsicht ein Paradies.
Markus Schoch