Interview
«Ich bin halt ein Teamplayer»: Thomas Leuch will sich nicht in die konservative Ecke drängen lassen

Der Präsident der Evangelischen Kirchgemeinde Kreuzlingen will weitere vier Jahre im Amt bleiben – als Vertreter des Kollektivs. Am 19. April muss er sich dem zweiten Wahlgang stellen.

Martina Eggenberger Lenz
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Thomas Leuch blickt aus dem Fenster. Er möchte gerne weitere vier Jahre Kirchenpräsident bleiben.

Thomas Leuch blickt aus dem Fenster. Er möchte gerne weitere vier Jahre Kirchenpräsident bleiben.

Andrea Stalder

Im ersten Wahlgang vor bald drei Wochen haben Sie und Ihre Konkurrentin Susanne Dschulnigg fast gleich viele Stimmen gemacht. Wie beurteilen Sie diese Pattsituation rückblickend?

Sie war zu erwarten. Darum war ich auch nicht überrascht und ich konnte rasch sagen, dass ich noch einmal antrete. Das Resultat zeigt, es gibt unterschiedliche Ansichtsweisen, immer.

Interpretieren Sie das Resultat nicht als Ohrfeige?

Mir ist seit der verlorenen Abstimmung zur Sanierung des Kirchgemeindehauses klar, dass es Opposition gibt. Diejenigen, die jetzt Stimmung gegen mich machen, sind die gleichen Leute. Nun ja, ich würde heute in der Angelegenheit auch anderes handeln.

Was würden Sie anders machen?

Nach Bekanntwerden der hohen Kosten hätte ich einen Planungsstopp einberufen sollen.

Ihre Vorgängerin wirft Ihnen Führungsschwäche vor. Trifft Sie das?

Es ist Ansichtssache, was gute Führung ist. Sie versucht, mich in die konservative Ecke zu drängen. Dabei bin ich eindeutig ein Teamplayer. Mir geht es um das Kollektiv. Nicht ein Einzelner soll entscheiden. Frau Dschulnigg ist in ihrem Führungsstil konservativ. Sie fährt eine viel autoritärere Linie.

Wie definieren Sie denn die Rolle des Präsidenten?

Er vertritt die Gemeinde gegen aussen und ist zuständig für die Kontakte mit Organisationen und Institutionen zudem die Entfaltung von Mitarbeitern und Diensten.

Wieso geht es mit der Revision der Gemeindeordnung nicht vorwärts?

Wir revidieren nicht mehr, wir bringen eine ganz neue Gemeindeordnung. Wir wollten diese an der Versammlung im kommenden Mai zur Abstimmung vorlegen. Wegen Corona müssen wir das nun verschieben. Von aussen sieht man halt vieles nicht, was hinter den Kulissen läuft. Wir haben uns in den letzten Monaten sehr mit der Modernisierung unserer Strukturen beschäftigt. Es geht darum, zu klären, wer, wofür verantwortlich ist. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Das ist mit ein Grund, weshalb ich gerne noch einmal vier Jahre das Präsidium behalten würde. Ich würde auch gerne der Frage weiter nachgehen, welche Kirche wir wollen.

Können Sie das noch etwas ausformulieren?

Wir sind überaltert. Ich möchte der Kinder- und Jugendarbeit in der Kirche gerne mehr Gewicht geben. Wir müssen uns überlegen, wo wir in Zukunft Schwerpunkte setzen. Zusammen mit der Basis.

Wie stellen Sie sich das vor? In den letzten vier Jahren gab es kein solches Gefäss.

Mir schweben hier Workshops vor. Ich will nicht von oben nach unten befehlen. Ich stelle mir unsere zukünftige Kirchgemeinde sehr vielfältig vor. Es ist mir aber auch wichtig, dass es trotzdem einen Punkt gibt, wo alle zusammen kommen können.

Sie meinen damit das Kirchgemeindehaus. Stimmt es, dass seit letztem Mai diesbezüglich nichts gegangen ist?

Ich habe den Rat bekommen, erst einmal abzuwarten. Wir müssen das Ganze mit den Fachleuten noch einmal anschauen. Es gibt keine realistische Alternative zur Sanierung des Gebäudes. Ich sage noch einmal: Wir hatten den Auftrag, die Planung voranzutreiben und das Projekt vorzulegen. Und es war klar, dass es etwas kosten wird. Fälschlicherweise hat die Gemeinde zuvor die Steuern gesenkt – im Wissen, dass das Projekt Kirchgemeindehaus ansteht.

Braucht die Kirchgemeinde denn überhaupt noch ein Gebäude in dieser Grösse?

Ich sehe das Potenzial dieses Gebäudes, ja. Ich bin überzeugt, dass es gebraucht wird. Vorstellbar ist, das Haus weiter zu öffnen, für Vereine zum Beispiel.

Wenn Sie Präsident bleiben: Was dürfen die Kirchbürger in punkto Kirchgemeindehaus erwarten?

In den nächsten vier Jahren wird mindestens definiert, in welche Richtung es gehen soll.

Mit dem Open Place hat die Kirchgemeinde ein Vorzeigeprojekt. Wie viel Leuch steckt da drin?

Ich habe das Open Place in seiner jetzigen Form forciert. Es hat eine grosse Eigendynamik entwickelt, natürlich dank dem Engagement von Pfarrer Damian Brot, seinem Team und der «Verwertbar». Mittlerweile sprengt es den Rahmen der Kirchgemeinde. Wir stossen räumlich an Grenzen, Gleiches gilt für die Belastung der Helfer. Man muss schon sehen: Mit diesem Angebot haben wir der Stadt eigentlich ein Stück Arbeit abgenommen. Das Open Place ist ein Bereich unserer Gemeinde. Wir wollen uns aber auch anderen Gruppen mit Bedürfnissen annehmen.

Mit den Wahlen vom 15. März ist die Vorsteherschaft neu zusammengesetzt. Unter anderem ist mit Walter Studer jetzt ein bekennender Kritiker dabei. Wie sehen Sie diese Konstellation?

Ich rechne mit lauter motivierten Leuten. Walter Studer hat die Seite gewechselt, er muss jetzt konstruktiv mitarbeiten. Am Ende zählt in einer Kollegialbehörde immer der Mehrheitsentscheid. Im Idealfall widerspiegelt die Vorsteherschaft die Gemeinde. Insofern denke ich, dass wir jetzt ein gutes Team sind. Ich bin zuversichtlich, dass das gut kommt.

Stimmt es eigentlich, dass Sie in Ihrer Jugend Mitglied einer Punkband waren? Und wie viel Revoluzzer steckt heute noch in Ihnen?

Ich war jung und ungestüm (lacht). Auch heute bin ich noch für Reformen und unkonventionelle Ideen. Ich sehe darum in der Coronakrise auch eine Chance. Wenn wir diese meistern, können wir doch auch einen Krieg in Syrien beenden oder dafür sorgen, dass in Afrika alle zu essen haben, oder? Ich wünsche mir, dass Corona unser Wir-Denken fördert. Auch die Kirche muss sich bewegen, im Bewusstsein ihrer Wurzeln Schritte nach vorne machen. Mir gefällt das Bild eines Segelboots, das vom Wind angetrieben wird. Das ist mein Wunsch von Kirche; von Gottes Kraft motiviert und vorangetrieben zu werden.

Was macht die Kirche konkret, um trotz Corona für die Bürger da zu sein?

Das offene Ohr für die Senioren ist jetzt wichtig, auch die kurze tägliche Andacht online. Wir nutzen andere Kanäle als üblich, um die Leute zu erreichen. Wir konzentrieren uns auf die Menschen statt auf Veranstaltungen. Es werden einige an ihre Grenzen kommen. Doch die erzwungene Verlangsamung führt vielleicht auch zu einer Gesundung.

Der 2. Wahlgang findet am 19. April statt.