HOHENTANNEN
Der legendäre «Hirschen» öffnet nach vier Jahren wieder: Da kommen Emotionen ins Spiel

Die Wiedereröffnung des gemeindeeigenen Restaurants steht unmittelbar bevor. Lukë Prenrecaj, ein Catering-Unternehmer aus Niederuzwil im Kanton St.Gallen, möchte den «Hirschen» in eine erfolgreiche Zukunft führen. Gemeindepräsident Lukas Hoffmann setzt grosse Hoffnungen in den neuen Pächter.

Georg Stelzner
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Gemeindepräsident Lukas Hoffmann vor dem gemeindeeigenen Restaurant Hirschen.

Gemeindepräsident Lukas Hoffmann vor dem gemeindeeigenen Restaurant Hirschen.

Bild: Tobias Garcia (Hohentannen, 23. Juni 2021)

Hundert Jahre dauert Dornröschens Schlaf nach dem verhängnisvollen Stich einer Spindel. Erst der Kuss eines Prinzen vermag die Königstochter zu wecken. Wer kennt diese Geschichte nicht! Vier Jahre ist es her, seit im «Hirschen» letztmals Gäste bedient wurden. Wer weiss das nicht! In der Gastrobranche ist das eine lange Zeit – gefühlte hundert Jahre, könnte man sagen. Doch nun hat das Warten ein Ende: Der «Hirschen» wird in wenigen Wochen seine Türen wieder öffnen.

Im Gegensatz zum Märchen ist aber kein Prinz der Protagonist, sondern ein 37-jähriger Catering-Unternehmer aus Niederuzwil namens Lukë Prenrecaj. Der künftige Pächter ist entschlossen, dem traditionsreichen gemeindeeigenen Restaurant neues Leben einzuhauchen.

Die Coronapandemie habe die Verpachtung verzögert und den Erwartungsdruck immer grösser werden lassen, räumt Hoffmann ein.

«In so einer Situation darf man die Nerven nicht verlieren, sondern muss Geduld haben. Schnellschüsse fruchten nichts.»

Auch die Weiterentwicklung ist ein Ziel

Lukas Hoffmann, ein Mann mit langjähriger Erfahrung in der Gastronomie, ist seit 2019 Gemeindepräsident von Hohentannen. «Ich merke schnell, wer fähig und willens ist, eine Gaststätte erfolgreich zu führen», sagt Hoffmann. Viele Leute hätten Interesse am «Hirschen» gezeigt, doch nur den wenigsten habe er zugetraut, das Restaurant unternehmerisch auf Erfolgskurs zu bringen. Hoffmann betont:

«Da gehören auch Emotionen dazu.»

Zu den Ausnahmen gehöre Lukë Prenrecaj, der die nötige Leidenschaft für den Beruf mitbringe. Dieser Interessent habe ihn von Anfang an mit seiner Persönlichkeit, seinem Fachwissen und seinen Vorstellungen hinsichtlich der Zukunft des «Hirschen» überzeugt. Prenrecajs Absicht es sei, das Restaurant auch weiterzuentwickeln. Diese Einstellung gefalle ihm, sagt Hoffmann.

Schliessung wurde als grosser Verlust empfunden

Nun ist der «Hirschen» kein x-beliebiges Gasthaus, sondern das Herz und das soziale Zentrum der Gemeinde. Hohentannen ohne «Hirschen», das ist für viele Einwohner ein beklagenswerter Zustand, der geändert gehört. Kaum ein Thema berührt die Menschen auf dem Hochplateau in emotionaler Hinsicht mehr.

Im Oktober 2019 herrscht für ein paar Stunden Betrieb im «Hirschen»: Lukas Hoffmann (2. v. l.) kocht für die Senioren der Gemeinde Hohentannen.

Im Oktober 2019 herrscht für ein paar Stunden Betrieb im «Hirschen»: Lukas Hoffmann (2. v. l.) kocht für die Senioren der Gemeinde Hohentannen.

Bild: Reto Martin (Hohentannen, 23. Oktober 2019)

Das blieb Lukas Hoffmann bei seinem Amtsantritt nicht verborgen. Er war sofort Feuer und Flamme für diese Liegenschaft aus dem 19. Jahrhundert mit ihrer breiten Palette an Funktionen, die weit über die Gastronomie hinausreichen. Der Vertragsabschluss mit Lukë Prenrecaj nährt nicht nur beim Gemeindepräsidenten die Hoffnung, dass es diesmal – nach diversen schmerzlichen Rückschlägen – endlich gelingen könnte, die guten alten Zeiten aufleben zu lassen.

Am Nationalfeiertag hat das Warten ein Ende

Nur: Mit guten alten Ideen allein wird dieses Ziel nicht zu erreichen sein. Dessen sind sich Hoffmann und Prenrecaj bewusst. Der «Hirschen» soll daher nicht nur seine Eigenschaft als gemütlicher Treffpunkt der einheimischen Bevölkerung wiedererlangen, sondern mit einem überzeugenden Preis-Leistungs-Verhältnis auch auswärtige Zielgruppen ansprechen wie zum Beispiel Ausflügler oder Veranstalter von Seminaren, Konferenzen und Schulungen.

In der benachbarten Hirscheschür steht für Anlässe mit vielen Besuchern auch ein grosser Saal zur Verfügung – ein zusätzlicher Anreiz für die Berücksichtigung des altehrwürdigen, aber wieder vitalen «Hirschen».

Was die Zukunft des Restaurants anbelangt, sagt der Gemeindepräsident:

«Ich wünsche mir, dass Hohentannen wieder ein geschätzter, gern und oft aufgesuchter Fixpunkt auf der gastronomischen Landkarte des Thurgaus wird.»

Der Startschuss für das Wiederbelebungsprojekt erfolgt an einem besonderen Tag: am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag. An diesem Sonntag werden die Gäste des «Hirschen» somit gleich doppelten Grund zum Frohlocken haben.

Liegenschaft mit Geschichte und Charme

Der «Hirschen» wurde 1828 von Konrad Stark erbaut. Über Hohentannen führte damals die wichtigste Strassenverbindung von St.Gallen nach Konstanz. Konrad Stark war der Urgrossvater von Georg und Elise Schmidhauser, die das Restaurant bis 1975 führten. Rund 150 Jahre war der «Hirschen» ein renommierter Landgasthof. Der Verkauf an eine AG, verbunden mit einer Umwandlung in ein Kurszentrum, stellte dann eine unheilvolle Zäsur dar. Die Gaststätte wurde in der Bevölkerung schmerzlich vermisst. Die Ortskommission reagierte und stellte an der Gemeindeversammlung vom 9. Januar 1989 den Antrag, den «Hirschen» inklusive angegliederter Scheune und 3000 Quadratmeter Umschwung durch Übernahme der AG zum Preis von 900'000 Franken zu erwerben. Ausserdem genehmigten die Stimmberechtigten 1,8 Millionen Franken für den Ausbau der Scheune zu einem Mehrzweckgebäude mit Zivilschutzanlage. Im Februar 1992 wurden im «Hirschen» wieder Gäste bedient; die ersten Pächter waren Anita Wartmann und Hasan Fehimli. (st)