Historische Bombe ist geplatzt: Isa Staehelin ist nicht die Gründerin des Heimetli und der Bildungsstätte Sommeri

Andreas Oettli hatte den Auftrag, zum 100-Jahr-Jubiläum der Bildungsstätte Sommeri eine Festschrift zu verfassen. Mit dem Ergebnis, dass der runde Geburtstag nun plötzlich zwei Jahre früher als gedacht stattfindet.

Manuel Nagel
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Bruno Würth, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Bildungsstätte, Andreas Oettli, Verfasser der Festschrift, und Christa Hess-Grögli, Präsidentin des Trägervereins, präsentieren die druckfrische Chronik zum 100-Jahr-Jubiläum, die ganz neue geschichtliche Fakten schafft. (Bild: Andrea Stalder)

Bruno Würth, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Bildungsstätte, Andreas Oettli, Verfasser der Festschrift, und Christa Hess-Grögli, Präsidentin des Trägervereins, präsentieren die druckfrische Chronik zum 100-Jahr-Jubiläum, die ganz neue geschichtliche Fakten schafft. (Bild: Andrea Stalder)

Über viele Jahrzehnte hinweg galt Isa Staehelin als Gründerin des Heimetli Sommeri, aus welchem schliesslich die Bildungsstätte hervorging. Doch das stimmt nicht, wie der Chronist Andreas Oettli herausfand. Und Staehelin habe nicht unwesentlichen Anteil daran gehabt, dass dieser historische Irrtum bis ins 21. Jahrhundert Bestand hatte. Andreas Oettli sagt:

«Am Ende glaubte Isa Staehelin wohl selber an die Legende, die sie gesponnen hatte.»

Im November 2015 wurde Andreas Oettli von der Bildungsstätte beauftragt, eine Festschrift für das bevorstehende 100-Jahr-Jubiläum im Jahr 2021 zu verfassen. Bruno Würth, Vorsitzender der Geschäftsleitung, erinnert sich, dass der damalige Präsident des Trägervereins, Jean-Louis Müller, auf ihn zukam und eine solche Chronik vorschlug. «Ich antwortete ihm, er solle nicht so stürmen. Schliesslich hätten wir ja noch fünf Jahre Zeit», sagt Würth. Mittlerweile ist er froh, dass sie sich so früh damit befasst haben.

Heimetli-Kaufvertrag als gesichertes Datum

Denn Oettlis akribische Recherchen ergaben, dass man als Gründungsdatum der Bildungsstätte eher nicht das Jahr 1921 wählen sollte, sondern eher den 5. März 1919. Der runde Geburtstag rückte somit plötzlich zwei Jahre vor.

Andreas Oettli war sich bewusst, dass er damit seine Auftraggeber in eine ungemütliche Lage bringen würde. Die Zeit drängte nun, weil das grosse Fest bereits 23 Jahre nach der 75-Jahr-Feier organisiert werden musste. Das führte auch prompt zu Diskussionen in der Geschäftsleitung der Bildungsstätte, doch für Bruno Würth war klar, dass man sich diesen neuen historischen Fakten stellen musste. Würth sagt:

«Wir liessen Andreas Oettli sämtliche Freiheiten beim Verfassen der Festschrift.»

1921 wurde die erste Strickerin ins Kinderheim, bzw. die Strickstube Obersommeri als Vorläuferin der Bildungsstätte, aufgenommen. Dieses Ereignis nahm man bis dato als Gründungszeitpunkt an. Doch für Oettli ist das nicht eindeutig, weil auch noch andere Ereignisse in Frage kämen. Als einzig gesichertes Datum gelte der Kauf des Heimetli, datiert auf den erwähnten 5. März 1919.

Doch nicht Staehelin sei die Käuferin gewesen, sagte Oettli bei der Vorstellung seiner Festschrift am Dienstagabend, sondern Anna Schmid. Damit liess er auf den Tag genau hundert Jahre nach Abschluss des Kaufvertrages die historische Bombe platzen.

Isa Staehelin sei erst ein Jahr später hinzugestossen und habe sich 1924 zur Hälfte eingekauft. Doch die beiden Frauen verkrachen sich, und Anna Schmid zieht im Dezember 1930 aus Sommeri weg, um im appenzellischen Lutzenberg wieder ein Kinderheim zu eröffnen. Das Heimetli in Sommeri veräussert sie an Isa Staehelin, die Strickstube hingegen verkauft sie 1934 an einen Verein, der eigens gegründet wurde, um Schmids Werk weiterzuführen.

Schmids Tochter in Chile aufgespürt

Oettli führte bei seiner Präsentation aus, wie schwierig es gewesen sei, an Informationen über Anna Schmid zu kommen. Nach unzähligen Telefonaten mit diversen Schmids im Raum Stein am Rhein – «und es gibt dort sehr viele», sagte er lachend – bekam er den entscheidenden Hinweis auf lebende Verwandte Schmids.

Dass Anna Schmid mit ihrer Adoptivtochter Rita 1938 nach Chile ausgewandert war, konnte den Protokollen entnommen werden. Andreas Oettli gelang es in der Folge tatsächlich, die mittlerweile 96-jährige Rita Hadida aufzuspüren und Kontakt mit ihr herzustellen. So fügte sich Puzzleteil um Puzzleteil zu einem Bild zusammen, das nun so ganz anders ausschaut als vor zwei Jahren.

Der ursprünglich geplante Umfang der Festschrift von 60 Seiten wurde durch Oettlis Recherchen und neue Erkenntnisse mehr als verdoppelt, doch Sponsoren sprangen in die Bresche, kamen für die Mehrkosten auf.

Am 30. August feiert die Bildungsstätte ihr hundertjähriges Bestehen mit einem grossen Fest, zu dem sich übrigens ein ganz besonderer Gast angemeldet hat. Rita Hadida hat sich bereits ein Flugticket gekauft und wird von Chile nach Sommeri reisen, wo sie einst die 1. Klasse besuchte.

Ein Herz für Kinder: Isa Staehelin

Hätte sie ihr Herz für Kinder nicht entdeckt, so wäre es Generationen von Kindern verwehrt geblieben, trotz sozial schwierigem Umfeld eine mehr oder weniger glückliche Zeit in Sommeri zu erleben.
Rita Kohn

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