HC Thurgau
Urbi et Thurgi: Ein Segen für die Zukunft? Die sieben wichtigsten Fragen und Antworten zum Wechsel von Urban Leimbacher zum HC Thurgau

Die Verpflichtung von Urban Leimbacher als zweiter Geschäftsführer des HC Thurgau wirft auch Tage nach der Bekanntgabe noch Fragen auf. Was verspricht sich der Swiss-League-Klub aus Weinfelden davon? Wo verbirgt sich besonders grosses Konfliktpotenzial? Und wer sind die Verlierer dieses Transfers?

Matthias Hafen
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Urban Leimbacher (ganz rechts, im Gespräch mit Lars Nay) war früher als Eishockeyexperte für den TV-Sender MySports oft in der Weinfelder Güttingersreuti zu Gast.

Urban Leimbacher (ganz rechts, im Gespräch mit Lars Nay) war früher als Eishockeyexperte für den TV-Sender MySports oft in der Weinfelder Güttingersreuti zu Gast.

Mario Gaccioli (Weinfelden, 17. Oktober 2018)

So umstritten war schon lange kein Entscheid des HC Thurgau mehr. Schon die Veröffentlichung am 1. April mutete seltsam an. Ein Aprilscherz? Nein. Der HC Thurgau verpflichtet per 1. Oktober einen zweiten Geschäftsführer, holt nebst dem bisherigen Thomas Imhof noch Urban Leimbacher vom Ligakonkurrenten Winterthur. Das sind die brennendsten Fragen und Antworten dazu.

Urban Leimbacher kümmert sich beim HC Thurgau in Zukunft um den Sport sowie um Marketing & Sponsoring.

Urban Leimbacher kümmert sich beim HC Thurgau in Zukunft um den Sport sowie um Marketing & Sponsoring.

PD/EHC Winterthur

Warum braucht der HCT zwei Geschäftsführer?

Dass Thomas Imhof aufgrund seiner Doppelfunktion als Geschäftsführer des HC Thurgau und der HCT Young Lions Unterstützung braucht, war allen schon länger bewusst. Sein Vorgänger Martin Büsser war ausschliesslich Geschäftsführer des HC Thurgau gewesen, ganz ohne Nachwuchsabteilung – und dazu noch von Stellvertreter Imhof unterstützt worden. Dass die Unterstützung für Imhof nun in Form eines zweiten, gleichberechtigten Geschäftsführers daherkommt, überrascht aber. «Für den HCT ist das ein weiterer Schritt in die Zukunft», sagt Präsident Thomas Müller. Man wolle den Bedürfnissen eines ambitionierten Swiss-League-Klubs gerechtwerden. «Wir verbreitern und verstärken unsere Strukturen, damit wir den HC Thurgau vorwärts bringen können, wenn sich die Lage nach der Pandemie wieder normalisiert.» Die Erwartungen an Leimbacher sind unmissverständlich. «Unser Budget muss künftig in Richtung vier Millionen Franken gehen», so Müller.

Wie werden die Aufgaben in Zukunft aufgeteilt?

Mit Urban Leimbacher wurde eine Person verpflichtet, die vor allem die Bereiche Sport sowie Marketing & Sponsoring weiterentwickeln soll. Leimbacher wird also in erster Linie der neue Sportchef des HCT sein und den Klub als Gesicht gegen aussen repräsentieren. Offiziell obliegt dem ehemaligen NLA-Goalie der Sportbereich, das Sponsoring und die Administration. Der ehemalige Banker Thomas Imhof kümmert sich ab dem 1. Oktober um die Finanzen, den Spielbetrieb und den Bereich Medien. Die Geschäftsleitung haben beide miteinander inne.

Wo liegt das grösste Konfliktpotenzial?

Mit der Verpflichtung von Urban Leimbacher als zweiter Geschäftsführer wurden Personen im HC Thurgau brüskiert. Selbst innerhalb des Verwaltungsrats soll die Veränderung in der Geschäftsleitung nicht unumstritten gewesen sein. Präsident Thomas Müller weiss um das Pulverfass, das der HC Thurgau damit aufgetan hat. Er war deshalb besonders bemüht, den Personalentscheid im Vorfeld allen Beteiligten sorgfältig zu kommunizieren. Gegen aussen bemüht sich der Klub um eine plausible Aufzählung der Aufgabenteilung innerhalb der neuen Geschäftsführung. Allerdings sind die Aufgaben nicht immer so eindeutig trennbar. Kommt dazu: Wer hält den Kopf hin, wenn die Geschäftsleitung die Verantwortung übernehmen muss? Wer verrichtet die Arbeit, die nicht dem Posten des Geschäftsführers entspricht, aber bei einem Klub wie dem HCT dennoch von ihm verrichtet werden muss? Kann sich Thomas Imhof gegen Urban Leimbacher behaupten? Nur wenn die beiden harmonieren kann die Doppel-Geschäftsführung für den HCT zum Segen werden.

Was kostet das den HC Thurgau?

Wer sich in der Swiss League umhört, erfährt, was in dieser Liga ein Geschäftsführer in etwa verdient. Um diesen Lohn dürfte auch ein HC Thurgau nicht herumkommen. Da sowohl Thomas Imhof wie auch Urban Leimbacher in einem 100-Prozent-Pensum angestellt sein werden, schlägt die Doppel-Geschäftsführung beim HCT hochgerechnet mit einer Viertelmillion Franken zu Buche. Präsident Thomas Müller relativiert: «Zwei Geschäftsführer mögen aussergewöhnlich sein, machen aber Sinn für den HC Thurgau. Wir haben nicht viele Funktionäre auf der Lohnliste. Unter dem Strich liegen wir mit unserem Personalaufwand immer noch unter dem Durchschnitt.»

Was hätte man mit dem Geld auch tun können?

Auch wenn der HC Thurgau für den sportlichen Erfolg sein Kader aufrüsten muss: Investitionen in die Geschäftsstelle und die Strukturen eines professionellen Sportklubs sind unerlässlich und sollten nicht gegen die sportlichen Aufwände ausgespielt werden. Allerdings braucht der HC Thurgau bald einen Nachfolger für seinen Marketing-Mitarbeiter Paul Kaiser. Kaiser holt mit unermüdlichem Effort Jahr für Jahr Hunderttausende von Franken an Sponsoringgeldern herein. Leimbacher ist künftig fürs Marketing verantwortlich. Dass er aber die Person ist, die Kaiser als «Türklinkenputzer» ersetzen wird, ist kaum vorstellbar.

Der aktuell alleinige Geschäftsführer Thomas Imhof gehört in der öffentlichen Wahrnehmung zu den Verlierern dieses Transfers.

Der aktuell alleinige Geschäftsführer Thomas Imhof gehört in der öffentlichen Wahrnehmung zu den Verlierern dieses Transfers.

Mario Gaccioli (Weinfelden, 20. Mai 2020)

Wieso kommt der Neue erst im Oktober?

«Aus Rücksichtnahme auf den EHC Winterthur», wie Thurgaus Präsident Thomas Müller sagt. Der Ligakonkurrent muss und will sich mit dem Abgang von Urban Leimbacher neu organisieren. Um dafür genügend Zeit zu haben, wird Leimbacher erst per 1. Oktober 2021 zum HC Thurgau stossen. Das heisst, dass die Saison 2021/22 noch vom bisherigen Sportchef Gody Kellenberger aufgegleist wird – und Thomas Imhof weitere sechs Monate auf Unterstützung warten muss.

Wer sind die Verlierer in dieser Geschichte?

In der öffentlichen Wahrnehmung wird der bisherige Geschäftsführer Thomas Imhof degradiert. Auch wenn Präsident Thomas Müller mit Nachdruck sagt, es sei keine Degradierung von Imhof, sondern eine Unterstützung für ihn. Auch HCT-Sportchef Gody Kellenberger hat den Wechsel zu den Young Lions nicht gesucht, wie er sagt. «Aber es ist ein richtiger Entscheid, dass der HC Thurgau seinen Nachwuchsbereich stärkt.» Kellenberger kümmert sich ab Oktober wieder vollamtlich um Thurgaus Nachwuchs.