HC Thurgau: Der Unmut wächst

An der Strategie des Swiss-League-Clubs bezüglich eines Ersatzausländers scheiden sich die Geister. Und aus dem angekündigten Transfer anstelle eines zusätzlichen Ausländers wird nun auch nichts.

Matthias Hafen
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Seit sechs Partien ist Connor Jones der einzige Eishockey-Ausländer in der Aufstellung des HC Thurgau.

Seit sechs Partien ist Connor Jones der einzige Eishockey-Ausländer in der Aufstellung des HC Thurgau.

Bild: Mario Gaccioli (14. Januar 2019)

Dem HC Thurgau geht es noch zu gut, um von einer Krise zu sprechen. Zwar rutschten die Ostschweizer in der Swiss- League-Tabelle mittlerweile auf Rang sechs ab, der angestrebte vierte Platz – und damit der Heimvorteil im Playoff-Viertelfinal – ist aber nur drei Punkte entfernt. Die Scharte kann in den letzten sieben Qualifikationsrunden gegenüber dem aktuellen Tabellenvierten Visp noch gut ausgewetzt werden.

Doch stellt sich die Frage, wie sehr die aktuelle Baisse dem HCT zusetzt. Seit drei Spielen ist die Mannschaft von Headcoach Stephan Mair mittlerweile sieglos. Drei Niederlagen in Folge hatte Thurgau zuvor in der ganzen Saison nicht kassiert. Was auffällt: Die Negativphase setzte mit der Verletzung des kanadischen Stürmers Kellen Jones ein, der seit dem Auswärtsspiel vom 27. Dezember in Olten und damit seit sechs Partien nicht mehr mittun kann.

Die grosse Frage lautete: Irgendeiner oder keiner?

Der HC Thurgau entschied sich in Jones’ Fall für eine defensive Strategie, verzichtete bis heute auf einen Ersatzausländer, nachdem von den NLA-Teams offensichtlich keiner zu vernünftigen Konditionen zu haben gewesen war. Für die Strategie spricht, dass in dieser Phase der Saison wohl kaum ein so guter Ausländer zu finden ist, den man von Anfang an als Verstärkung empfinden würde, geschweige denn ein Wunschspieler. Auch müsste es eine vorübergehende Verstärkung sein, die das schmale Budget des HCT nicht über Kellen Jones’ Verletzung hinaus belastet. Würde man den dritten Ausländer bis Ende Saison verpflichten, wäre zudem bald einer überzählig, was Unruhe in die Kabine bringen könnte. Nicht zuletzt ist das Spielsystem von Trainer Mair dermassen auf ein funktionierendes Kollektiv ausgerichtet, dass ein einzelner Ausländer in so kurzer Angewöhnungszeit womöglich nicht so viel bewirken könnte.

Auf der anderen Seite fehlt Kellen Jones dem HC Thurgau mehr, als es der Swiss-League-Club aus Weinfelden vielleicht wahrhaben will. In einer Liga, in der die zwei spielberechtigten Ausländer vielerorts die halbe Miete ausmachen, eigentlich keine erstaunliche Erkenntnis. Leidtragender der zögernden Haltung des HCT ist nicht etwa Kellen Jones, der ironischerweise durch seinen Ausfall erstmals so richtig Anerkennung für sein Schaffen auf dem Eis bekommt.

Vielmehr tut man Connor Jones keinen Gefallen, den verletzungsbedingten Ausfall seines Zwillingsbruders und kongenialen Sturmpartners ersatzlos zu erdulden.

Connor wirkte zuletzt als alleiniger Ausländer etwas verloren auf dem Eis.

Gar optimistisch ist die Einstellung, Kellen Jones würde bald wieder ins Aufgebot zurückkehren. Es ist nicht auszuschliessen, dass die vollständige Genesung des 29-jährigen Topskorers bis zur nächsten Nationalmannschaftspause Anfang Februar andauern wird. Das wären bis dahin weitere fünf Spiele, die der Kanadier ganz oder teilweise auslassen müsste. Bis zum Playoff-Start werden danach noch zwei Runden gespielt.

Angekündigter Transfer zerschlägt sich in letzter Sekunde

Das Perfide an Strategien ist, dass man sich für eine entscheiden muss, bevor man herausfinden kann, ob es die richtige ist oder nicht. Insofern stand der HC Thurgau Ende Dezember vor einer schwierigen Entscheidung, als es darum ging, ob er für Kellen Jones einen Ersatz holt oder nicht. Und mit Patrick Spannring stiess per 1. Januar vom österreichischen Club Villach tatsächlich ein neuer Stürmer zu Thurgau. Der 29-jährige Österreicher mit Schweizer Lizenz wurde jedoch vor allem für mehr physische Präsenz auf dem Eis im Hinblick aufs Playoff engagiert – völlig unabhängig von Kellen Jones’ Ausfall.

Dass Spannring als Quasi-Ersatz für Jones verstanden werden konnte, war nicht im Sinn des HC Thurgau und des Spielers selber.

Anders sieht es im Fall einer Verpflichtung aus, die auf Anfang dieser Woche angekündigt war, sich nun aber im letzten Moment zerschlug. Angeblich handelte es sich dabei um einen namhaften früheren Junioren-Nationalspieler aus der Schweiz, dessen erhoffter Transfer zum HCT von einem Verwaltungsrat als «bessere Lösung als ein Ersatzausländer» bezeichnet worden war.

Mit einem Ersatzausländer hätte der Club ein Zeichen setzen können

Die jüngsten Ereignisse torpedieren Thurgaus Strategie weiter. Die verlorenen Punkte zu Beginn des Jahres sind unwiderruflich weg. Das wären sie auch bei einem Zwischentief im November gewesen oder bei einem Kaltstart in die Saison. Von beidem war der HCT verschont geblieben. Bei der aktuellen Baisse lässt sich aber die Verbindung zu Kellen Jones’ Ausfall schlecht wegdiskutieren. Und so ist es verständlich, dass Sponsoren und Fans Kritik üben an der Clubführung.

Ihr Tenor: Man kann nicht von den Spielern erwarten, sie sollen eine Siegermentalität an den Tag legen und dann tatenlos zusehen, wenn der stärkere der beiden Ausländer über längere Zeit ausfällt.

Dabei geht es nicht nur um fehlendes Geld und verlorene Punkte. Da geht es um die Einstellung innerhalb der Organisation.

Der HC Thurgau war in dieser Saison lange ein Spitzenteam der Swiss League, begeisterte das Volk und entfachte eine Euphorie, die so stark ist wie seit Jahren nicht mehr. Da wäre es auch gegenüber den Zuschauern und den Sponsoren angebracht gewesen, mit der Verpflichtung eines Ersatzausländers wenigstens ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, dass man mit der Playoff-Qualifikation alleine nicht mehr zufrieden ist im Thurgau. Der vierte Platz garantiert auch keinen Erfolg in den Viertelfinals, gewiss. Aber ihn mit aller Konsequenz zu verteidigen, wäre angesichts der ganzen Anstrengungen dieser willigen Equipe angebracht gewesen. Dass am Dienstag für das so wichtige Spiel gegen Visp nur noch 1147 Zuschauer in die Güttingersreuti kamen, könnte eine Folge der eingeschlagenen Strategie gewesen sein.