Ein Haus ohne Fassade in Romanshorn: Grund ist ein Disput zwischen Stadt und Bauherrschaft

Romanshorner wohnen in einem unfertigen Wohnblock. Der Grund: ein Disput zwischen Stadt und Bauherrschaft.

Miguel Lo Bartolo
Hören
Drucken
Teilen
Dieser nicht eben schöne Anblick bietet sich Passanten unmittelbar beim Bahnhof.

Dieser nicht eben schöne Anblick bietet sich Passanten unmittelbar beim Bahnhof.

Bild: Reto Martin

Neubauten ziehen dort die Blicke auf sich, wo sie aus dem Raster fallen. Das tut der Wohnblock nahe dem Romanshorner Bahnhof – allerdings ungewollt, wie sich herausstellt. Wegen Differenzen zwischen Stadt und Bauherrschaft bleibt die Liegenschaft voraussichtlich noch einige Monate ohne Fas­sade. Und das, obwohl bereits alle 34 Wohnungen vermietet sind.

Stadtrat Philipp Gemperle, Ressort Ortsplanung und Baurecht.

Stadtrat Philipp Gemperle, Ressort Ortsplanung und Baurecht.

Bild: PD

Grund für die bauliche Verzögerung ist laut Stadtrat Philipp Gemperle die Beschaffenheit der Fassade. «Das aktuell verwendete Material ist aufgrund der Sonderbauvorschriften nicht bewilligungsfähig», sagt der Verantwortliche des Ressorts Ortsplanung und Baurecht. Die von der Bauherrschaft vorgesehenen Alu-Verbundplatten entsprächen nicht dem Ortsbild. «Gemäss Gestaltungsplan sind sie deshalb nicht zulässig.»

Bauherren machen Fragezeichen

Die Bauherrschaft, namentlich die Raiffeisen Pensionskassen Genossenschaft, kann die Argumentation der Stadt nicht nachvollziehen. Wie Projektleiter Marc Pfister meint, sei die Integration ins Ortsbild durchaus gegeben. Die Liegenschaft befände sich in Bahnhofs- und Hafennähe, und die Materialwahl stehe im Kontext des Ortes. Zudem handle es sich um «hochwertigstes und weltweit erprobtes Material, sowohl was Architektur und Alterungsprozesse betrifft als auch den Unterhalt». Dass die Stadt dieses Material in ihrem Bericht als minderwertig bezeichne, sei fachlich nicht fundiert, absolut willkürlich und entbehre jeder sachlichen Grundlage. Kürzlich hätten interne Sitzungen stattgefunden, die das weitere Vorgehen der Bauherrschaft in diesem Fall zum Thema hatten. Zur aktuell fehlenden Fassadenverkleidung sagt Pfister enttäuscht: 

«Es ist wirklich kein wünschenswerter Anblick.»

Nichtsdestotrotz wolle die Bauherrschaft am Entwurf festhalten. Zumindest in einem Punkt sind sich Stadt und Bauherrschaft einig: Denn auch Gemperle bedauert den aktuellen Zustand der Liegenschaft.

Doch wie konnte es so weit kommen? Hätte die Frage nach der Fassadenbeschaffenheit nicht viel früher geklärt werden müssen? Gemperle verneint: «Die Bauherrschaft ist verpflichtet, der Stadt eine Bemusterung vorzulegen. Diese erhalten wir bei gröberen baurelevanten Fragen früh genug.» Bei der Farbe oder dem Material der Fassade sei es üblich, die Bemusterung einzureichen, sobald sie am Gebäude provisorisch angebracht werden kann. «Die zeitliche Planung ist grundsätzlich der Bauherrschaft überlassen.» Warte man allerdings zu lange mit dem Vorlegen einer Bemusterung, so riskiere man ein ebensolches Malheur aufgrund einer Bewilligungsunfähigkeit. Für den Stadtrat ist die Sache klar:

«Wir können nicht nach Lust und Laune entscheiden und halten an unserem Entscheid fest.»

Die Bauherrschaft steht also unter Zugzwang.

Provisorium als Notlösung

Als vorübergehende Lösung hat der Stadtrat im Oktober die derzeitige provisorische Fassadenverkleidung für das Sockelgeschoss, befristet bis Ende März nächsten Jahres, bewilligt. Somit könne das Gebäude vor allfälligen durch Schnee und Kälte verursachten Schäden geschützt werden. «Wir hoffen, dass die Bauherrschaft bald eine bewilligungsfähige Lösung präsentiert, sodass wir an diesem zentralen und sensiblen Ort wieder ein intaktes Ortsbild haben», sagt Gemperle.

Mehr zum Thema