Glosse

Harte Zeiten für die Grippe

Räbeblatt: Die Coronakrise hat auch auf die seelische Verfassung von Grippeviren einen schlechten Einfluss. Einblick in die Gedankenwelt eines Influenza-Virus

Sabrina Bächi
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Sabrina Bächi, Leiterin Ressort Weinfelden

Sabrina Bächi, Leiterin Ressort Weinfelden

(Bild: Andrea Stalder)

Ich sitze hier und könnte heulen. Langsam wird es mir echt zu bunt. Früher konnte ich von Mensch zu Mensch hüpfen und mich nach Lust und Laune vermehren. Jetzt halten alle Menschen so weit Abstand. Sogar auf dem Bänkli ist ein Plakat angebracht, auf dass die Weinfelder nicht zu nah beisammen sitzen. Wie soll sich da ein anständiges Grippevirus noch verbreiten?

Überhaupt ist die Lage dramatisch für unsereins. Dass uns niemand will, gehört zum Tagesgeschäft der Grippeviren, das ist klar. Aber wo uns früher mediale Öffentlichkeit sicher war, wird heute nur noch über das Coronavirus berichtet. Wir Grippeviren haben das Nachsehen.

Es scheint auch so, als ob die Leute froh sind, wenn sie «nur eine Grippe» haben. Was heisst hier NUR? Gopfridstüdeli, ich könnte heulen.

Immerhin sind wir nicht die einzigen, die unter dem Coronavirus leiden. Erst gestern konnte ich aus dem Nasenloch guckend ein Gespräch mit den Silberzwiebeln im Thurmarkt führen. Während sie im Vorfrühling meist noch einmal ihr grosses Comeback für die letzten Raclettes der Saison haben, werden sie nun beim Anlegen eines Notvorrats gemieden.

Es ist eine verrückte Welt, in der WC-Papier und Hefe top sind und sich alle darüber freuen, wenn sie statt Husten den Chotzer und Schiisser haben. Es sind echt harte Zeiten für uns Grippeviren.