Gründung
Hinter der Kirchlichen Notherberge Thurgau in Weinfelden steht jetzt ein Verein

Seit einem Jahr gibt es die Notherberge in Weinfelden. Der Katholische Gemeindeleiter Armin Ruf hatte sie eigenständig ins Leben gerufen. Nun hat sich eine Trägerschaft aus kirchlichen Organisationen gegründet.

Mario Testa
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Der Vorstand mit René Oettli, Andreas Pfiffner, Präsident Thomas Diethelm, Jasmine List und Armin Ruf vor dem Gebäude der Kirchlichen Notherberge Thurgau.

Der Vorstand mit René Oettli, Andreas Pfiffner, Präsident Thomas Diethelm, Jasmine List und Armin Ruf vor dem Gebäude der Kirchlichen Notherberge Thurgau.

Bild: Mario Testa (Weinfelden, 23. Februar 2021)

Der Bedarf ist gross. In den vergangenen Monaten seit November waren die fünf Zimmer durchgehend belegt. Das bedeutete viel Arbeit für den Gemeindeleiter der Katholischen Kirchgemeinde Weinfelden, Armin Ruf, und seine Helfer. Er hatte die Notherberge vor einem Jahr privat gegründet. «Es war aber nie meine Absicht, dass ich dieses Angebot auf privater Basis mache», sagt Ruf. Aber er habe damals das Haus an der Pestalozzistrasse zur Miete angeboten bekommen und wollte schnell etwas auf die Beine stellen.

«Nach einem Jahr, in dem wir die Notherberge eher hemdsärmlig geführt haben, sind wir nun in der Konsolidierungsphase.»

Grundlage für eine langfristige Perspektive der Notherberge war die Gründung eines Trägervereins. Am 11. November vergangenen Jahres war es so weit. Und mit Thomas Diethelm, Präsident der Katholischen Kirchgemeinde Bischofszell, fand sich bei der Gründungsversammlung auch ein Präsident für den Verein Kirchliche Notherberge Thurgau. «Ich ging ohne diese Absicht an die Gründungsversammlung. Aber da noch Vorstandsmitglieder und der Präsident gefehlt haben, habe ich mich für das Amt gemeldet», sagt er.

«Obdachlosigkeit ist eine entwürdigende Form der Not»

Nun, da er pensioniert sei, habe er auch genügend Zeit, sich ehrenamtlich zu engagieren. Und das Anliegen für eine Notherberge sei ihm sofort sympathisch gewesen, sagt Diethelm. Er kennt die Probleme notleidender Menschen gut. «Ich lebte auch einige Jahre in den Städten Grossbritanniens. Dort habe ich viele Obdachlose gesehen», sagt er.

«Obdachlosigkeit ist eine sehr entwürdigende Form der Not. Die Menschen schlafen draussen und alle Passanten schauen ihnen dabei zu.»

In der Schweiz sei das Armutsproblem zwar kleiner, aber längst nicht inexistent. «Bei uns ist die Situation sicher weniger offensichtlich, aber Armut existiert auch hier.» Dass dies zu einem Bedarf für Orte wie die Notherberge führe, belege die starke Belegung in Weinfelden, nur schon im ersten Jahr.

Tag und Nacht erreichbar

Das Angebot einer Notherberge sei wichtig, findet Thomas Diethelm. «Die öffentliche Hand hat auch eine Pflicht, Notleidenden eine Unterkunft zu bieten. Aber die arbeiten halt nur zu Bürozeiten.» Bei der Notherberge sei es hingegen auch möglich, spät in der Nacht noch anzurufen und zumindest ein Notbett zu bekommen. «Es passiert oft, dass spät am Abend noch Hilfsbedürftige bei einem der Pfarrhäuser im Thurgau anklopfen. Und dank der Notherberge gibt es jetzt auch einen Ort, an den die Pfarrer die Menschen in solchen Situationen verweisen können.»

Der Vorstand informiert im Aufenthaltsraum über das Angebot der Notherberge.

Der Vorstand informiert im Aufenthaltsraum über das Angebot der Notherberge.

Bild: Mario Testa

Vor drei Jahren hatte die Caritas Thurgau einen runden Tisch ins Leben gerufen, an dem sich Vertreter der Kirchen und sozialen Institutionen im Thurgau über Angebote austauschten. «In den Gesprächen wurde klar, dass es zwar Notlösungen gab bei den Pfarreien, aber keine Strukturen. Nun haben wir die», sagt René Oettli, Sozialdiakon der Evangelischen Kirchgemeinde Frauenfeld. Und der Standort sei ideal. «Weinfelden liegt zentral, ist mit dem Zug bestens erreichbar und die Herberge ist direkt am Bahnhof.»

Personal ist vor Ort

Dank der Gründung des Vereins und dem gesetzten Budget von rund 120'000 Franken ist es nun möglich, eine Koordinatorin vor Ort in der Notherberge zu beschäftigen. Linda Roth übernimmt diese Aufgabe in einem 50-Prozent-Pensum. Dazu kommt eine Hauswartin mit 40 Stellenprozenten. Linda Roth ist, so oft es geht, in der Notherberge und dort Ansprechperson für die Gäste.

Linda Roth, Koordinatorin der Kirchlichen Notherberge Thurgau.

Linda Roth, Koordinatorin der Kirchlichen Notherberge Thurgau.

Bild: Mario Testa
«Die Menschen kommen aus den unterschiedlichsten Gründen. Manche müssen wir unterstützen, andere sind selbständig.»

Für die Gäste gelten klare Hausregeln, und Linda Roth schaut dafür, dass diese auch eingehalten werden. «Uns ist das Miteinander wichtig und dass die Leute Rücksicht aufeinander nehmen», sagt sie.

Finanziert wird die Notherberge einerseits mit der Zimmervermietung. Den grössten Teil übernimmt jedoch der Verein. «Wir versuchen nun, möglichst viele Kirchgemeinden, politische Gemeinden, aber auch Privatpersonen für eine Mitgliedschaft zu gewinnen», sagt Präsident Thomas Diethelm. Zwischen 200 und 1200 Franken kostet eine Jahresmitgliedschaft. «Aber natürlich sind wir auch froh über Spenden und Gönnerbeiträge.»

Angebot

Platz für sechs Gäste

Die Kirchliche Notherberge Thurgau in Weinfelden bietet auf fünf Zimmer für Übernachtungen. In allen Zimmern hat es ein Bett, einen Schrank und einen Tisch. Dazu kommt ein Notbett im Büro der Koordinatorin, ein Gemeinschaftsraum und eine Waschküche. Auf jeder der beiden Etagen hat es eine Küche und ein Bad. Pro Woche kostet der Aufenthalt 100 Franken, pro Monat 400 Franken. Maximal dürfen Gäste drei Monate bleiben.