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«Am Tag seiner Festnahme wollte er gerade ein Geburtstagsgeschenk für seine Frau kaufen»: Der Grossvater des Frauenfelder Stadtpräsidenten starb im KZ Buchenwald

Polizist Harry Schnell starb heute vor 75 Jahren im KZ Buchenwald. Er ist der Grossvater des Frauenfelder Stadtpräsidenten Anders Stokholm.
Stefan Hilzinger
Harry Schnell, aufgenommen kurz vor seiner Festnahme. (Bild: PD/Privatarchiv)

Harry Schnell, aufgenommen kurz vor seiner Festnahme. (Bild: PD/Privatarchiv)

Die Erinnerungsstücke liegen auf dem runden Sitzungstisch im Amtszimmer des Frauenfelder Stadtpräsident: Schulterpatten, Orden, das Kondolenzschreiben der Kollegen und der schwarze Knüppel. «Der Gummi bröselt etwas», sagt Anders Stokholm. Er hält den schweren Schlagstock in Händen.

Einst gehörte er seinem Grossvater Harry Schnell, dem Vater seiner Mutter Birgit Stokholm-Schnell. Sechs Jahre alt war Tochter Birgit, als die Gestapo ihren Vater festnahm. Es war der 19. September 1944. Operation Möwe nennen die Nazis ihr Durchgreifen gegen die dänische Polizei. Sie vermuten Widerständler und Saboteure unter den Ordnungshütern des seit April 1940 besetzten Königreichs.

Viele dänische Polizisten kommen in Gefangenschaft

Viele Polizisten werden in den Polizeikasernen festgesetzt. Knapp 2' 000 transportieren die Nazis via KZ Neuengamme ins Konzentrationslager (KZ) Buchenwald bei Weimar.

Die meisten überlebten ihre Haft im total überfüllten KZ zwar. Doch Harry Schnell starb an Diphtherie, nicht einmal zwei Monate nach der Festnahme. Er wird 36 Jahre alt. Laut dem Juristen und Autoren Matthias Bath kamen im KZ 117 dänische Polizisten ums Leben, 268 trugen schwere Schäden davon.

«Verglichen mit anderen Häftlingen waren die dänischen Polizisten privilegiert, denn sie durften immerhin ihre Uniform anbehalten», sagt Stokholm. Allerdings musste alles entfernt werden, was an den Polizeidienst erinnerte. So kam es, dass die Patten und das Emblem der Polizeimütze nebst weiteren Effekten via dänisches Rotes Kreuz im März 1945 zur Witwe Edith Schnell zurückfanden.

Harry Schnell als Polizist in Kopenhagen. (Bild: PD/Privatarchiv)

Harry Schnell als Polizist in Kopenhagen. (Bild: PD/Privatarchiv)

Ein stattlicher Mann mit Schuhgrösse 48

Harry Schnell muss wie alle Häftlinge Zwangsarbeit leisten. Er stirbt am 7. November 1944 im Aussenlager Taucha, wo KZ-Häftlinge für den Rüstungsbetrieb Hasag schufteten. In der «Veränderungsmeldung» vom 11. November 1944 des KZ steht:

«Die am 25. Oktober 1944 nach Aussenkommando Taucha überführten Dänen sind wieder ins Lager eingetroffen, ausser Lfd. Nr. 333 V 86549 Schnell, Harry, der bereits verstorben ist.»

«7.11.44» – handschriftlicher Vermerk des Todesdatums auf der Häftlingskarte. (Bild: PD/Privatarchiv)

«7.11.44» – handschriftlicher Vermerk des Todesdatums auf der Häftlingskarte. (Bild: PD/Privatarchiv)

Sein Grossvater sei ein stattlicher Mann gewesen, mit Schuhgrösse 48, berichtet Stokholm. Der Bauernsohn stammt aus Schonen in Südschweden, lernt selbst Landwirt und arbeitet als Verwalter auf einem Gut in Dänemark, wo er seine spätere Frau Edith kennen lernt.

Nach der Heirat tritt er in den Dienst der Polizei in Kopenhagen. «Fotos zeigen ihn als Schutzpolizist auf Streife. Er war auch begeisterter Gärtner, was sogar auf einer der Häftlingskarten notiert ist», erzählt Stokholm.

Als sechsjähriges Mädchen mit vorgehaltenem Gewehr abgeführt

Die junge Familie führt ein beschauliches Leben, so gut es eben geht in Zeiten des Krieges unter deutscher Besatzung. «Am Tag seiner Festnahme wollte er gerade ein Paar Socken kaufen als Geburtstagsgeschenk für seine Frau.» Die Familie hört nichts mehr von ihm, bis zur Mitteilung seines Todes im November 1944.

Deportation und Tod von Ehemann und Vater traumatisieren Ehefrau und Tochter. «Meine Grossmutter fiel in eine schwere Depression, aus der sie nur langsam herausfand.» Sie muss für sich und die Tochter sorgen und arbeiten gehen, was damals noch nicht üblich gewesen sei.

Anders Stokholm, Stadtpräsident von Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

Anders Stokholm, Stadtpräsident von Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

Sie habe dann eine Anstellung bei der Polizei gefunden. «Meine Mutter besuchte ein katholisches Mädcheninternat.» Vieles sei zusammengekommen damals. Nach der Verhaftung des Vaters seien auch Mutter und Tochter von den Deutschen vorgeladen worden.

«Soldaten führten meine Mutter als sechsjähriges Mädchen zusammen mit ihrer Mutter mit vorgehaltenem Gewehr ab. Alles, was mit Waffen zu tun hatte, war seither für sie eher schwierig.»

Und Grossmutter habe zeitlebens Mühe gehabt mit den Deutschen, wie überhaupt viele Dänen der Weltkriegsgeneration.

Eine Allergie gegen alle, die ein einfaches Weltbild haben

Ist Harry Schnells Schicksal Thema in der Familie Stokholm? «Ja, durchaus. Unsere Mutter hat uns davon erzählt. Wie sie jegliche Form von Extremismus ablehnte und wie sie grosses Verständnis zeigte für Menschen, die am Leben bedroht oder auf der Flucht waren, hat mich und meine Geschwister beeindruckt.» Sie sei ein sehr emotionaler Mensch gewesen. An den Ort des Geschehens habe Grossmutter nicht gehen können.

«Ich selbst habe Buchenwald auch nie besucht. Meine Mutter war einmal dort, aber das war für sie ein ganz schwieriges Erlebnis.»

Erfahrung mit den Besatzern hat auch Stokholms Vater Peter gemacht, als im Erdgeschoss des elterlichen Bauerhofs plötzlich deutsche Soldaten einquartiert waren und die Familie in den oberen Stock zügeln musste. Stokholms Vater studierte nach dem Krieg Theologie, seine Mutter Pädagogik. «In ihrer Ablehnung jeglicher Form von Extremismen haben sich meine Eltern gefunden. Das gilt für alle Ismen, auch für den religiösen Fundamentalismus.»

Erinnerungsstücke von Anders Stokholms Grossvater Harry Schnell. (Bild: Andrea Stalder)

Erinnerungsstücke von Anders Stokholms Grossvater Harry Schnell. (Bild: Andrea Stalder)

Das liberale Elternhaus habe ihn, seine beiden Brüder und die Schwester geprägt. «Wir sind zwar nicht in der gleichen Partei. Doch wir haben eine Allergie gegen alle, die ein sehr einfaches Weltbild verbreiten und andere Menschen ausgrenzen.»

«Jedem das Seine »stand über dem Tor

Der Sinnspruch über dem Tor zum Konzentrationslager (KZ) Buchenwald «Jedem das Seine» lässt tief in die Abgründe des nationalsozialistischen Terrorregimes blicken. Jeder, der dort landete, bekam, was er in den Augen der Nazis verdiente: russische Kriegsgefangene den Tod in der Genickschussanlage, viele andere Häftlinge einen langsamen, qualvollen Tod durch Entkräftung oder Krankheit als Folge der Zwangsarbeit im nahen Steinbruch oder in Rüstungsbetrieben.

Der Schriftzug am Tor zeigte nicht nach aussen, sondern nach innen auf den Appellplatz, um den Häftlingen ihr unabwendbares Los vor Augen zu führen. Das KZ Buchenwald bestand von 1937 bis 1945 auf dem Ettersberg bei Weimar (Thüringen). 260000 Personen waren im meist überbelegten Lager über die Jahre inhaftiert, unter ihnen viele Ausländer und politische Gefangene.

Die Zahl der Todesopfer wird laut Wikipedia auf 56000 Personen geschätzt, darunter viele Sowjetrussen, Polen, Ungarn und Franzosen. Im Februar 1945 war Buchenwald mit mehr als 112000 Insassen das grösste noch bestehende KZ. Die Häftlinge hatten sich in Widerstandsgruppen organisiert. Unmittelbar vor Ankunft der US-Truppen am 13. April 1945 gelang ihnen, die übrig gebliebenen 125 Mann der SS-Wachmannschaft festzusetzen und den Alliierten zu übergeben. Nach dem Rückzug der US-Truppen übernahmen die Sowjetrussen Buchenwald und führten dort bis 1950 das «Speziallager Nr. 2 Buchenwald» für politische Gefangene. (hil)

Hinweis: Weitere Informationen auf der Website der Gedenkstätte: buchenwald.de

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