Grenzzäune
«Die Grenzschliessung hat mehr verbunden als getrennt»: Eine Doppelausstellung erinnert an zwei Zäune zwischen Kreuzlingen und Konstanz

Das Thema Grenzschliessung zwischen den Nachbarstädten Kreuzlingen und Konstanz wird in einer Doppelausstellung beleuchtet. Der historische Teil am Zollplatz Kreuzlinger Tor zur Grenzschliessung im Zweiten Weltkrieg wurde ergänzt um einen aktuellen Teil zur jüngsten Grenzzaunerrichtung an der Kunstgrenze.

Rahel Haag
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Die Kreuzlinger Stadträtin Dorena Raggenbass, der Konstanzer Kulturbürgermeister Andreas Osner und Kurator David Bruder vor der Ausstellung «An die Grenze kommen» am Hauptzoll.

Die Kreuzlinger Stadträtin Dorena Raggenbass, der Konstanzer Kulturbürgermeister Andreas Osner und Kurator David Bruder vor der Ausstellung «An die Grenze kommen» am Hauptzoll.

Bild: Kevin Roth

Die Grenze war dicht. Am 16. März 2020 wurde aufgrund der Coronapandemie zwischen Kreuzlingen und Konstanz ein Zaun aufgestellt. Doch er vermochte es nicht, getrennte Paare, Familien und Freunde von einem Treffen auf Klein Venedig abzuhalten. So folgte Anfang April 2020 ein zweiter Zaun, dazwischen lagen zwei Meter Niemandsland. Bis Mitte Mai sollte er stehen bleiben.

Es war nicht das erste Mal. Bereits während des Zweiten Weltkriegs war zwischen den beiden Städten ein Grenzzaun errichtet worden. «Damals waren die Grenzen allerdings sechs Jahre lang geschlossen», sagt David Bruder. Er ist der Kurator der Doppelausstellung «An die Grenze kommen». Zum einen besteht sie aus insgesamt 16 Stehlen, die seit Mittwoch und noch bis Ende August am Hauptzoll stehen und tatsächlich stark an einen Grenzzaun erinnern. Mit kurzen Texten und einigen Bildern soll an die Zeit zwischen 1939 und 1945 erinnert werden.

Die 16 Stehlen am Hauptzoll Kreuzlingen/Konstanz bilden einen Teil der Doppelausstellung «An die Grenze kommen».

Die 16 Stehlen am Hauptzoll Kreuzlingen/Konstanz bilden einen Teil der Doppelausstellung «An die Grenze kommen».

Bild: Kevin Roth

Zum anderen besteht sie aus einem 15 Meter langen Stück Grenzzaun entlang der Kunstgrenze auf Klein Venedig. Ab kommenden Freitag wird hier an die coronabedingte Trennung während des vergangenen Frühlings erinnert.

Ursprung war das Jubiläum zum Kriegsende

Eigentlich wäre der historische Teil der Ausstellung bereits für den Mai 2020 geplant gewesen. Damals jährte sich das Kriegsende zum 75. Mal. «Wir wollten zeigen, wie selbstverständlich wir die Grenze überqueren», sagt die Kreuzlinger Stadträtin Dorena Raggenbass im Rahmen einer Medienkonferenz. Doch dann war ebendies plötzlich nicht mehr möglich.

Während hier am Hauptzoll unter dem Titel «Als die Grenze geschlossen war – Kreuzlingen und Konstanz im Zweiten Weltkrieg» bedrückende und traurige Schicksale gezeigt werden, trägt der Ausstellungsteil auf Klein Venedig die Überschrift «Kreativer Umgang mit der Grenzschliessung im Frühjahr 2020». Eine Grenze trenne, doch sie verbinde auch, sagt der Konstanzer Bürgermeister Andreas Osner.

«Denn man tut alles, um diese Grenze zu überwinden.»

Entsprechend paradox sei die Grenzzschliessung im vergangenen Jahr gewesen. Osner ist überzeugt: «Sie hat mehr verbunden als getrennt.» Denn in diesen drei Monaten habe man sich – auf Abstand zwar – weiterhin getroffen. Und dabei sei man kreativ geworden. Das habe man unter anderem gemerkt, als man die Bevölkerung aufgerufen habe, für die Ausstellung ihre Erinnerungsstücke und Geschichten einzusenden.

Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.
21 Bilder
Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.
Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.
Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.
Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.
Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.
Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.
Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.
Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.
Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.
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Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.
Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.
Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.
Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.

Eindrücke vom doppelten Grenzzaun.

Bild: Michel Canonica

«Auch einige Originale konnten wir zum Glück noch retten», sagt Raggenbass und schmunzelt. Denn der Abbau des Grenzzauns sei plötzlich wahnsinnig schnell gegangen. Eine Geschichte, die ihr persönlich in Erinnerung geblieben ist, ist jene von einer Musikgruppe bestehend aus Mitgliedern aus beiden Städten.

«Sie haben sich am Zaun getroffen, um miteinander zu proben.»

Raggenbass hat es selber miterlebt. Die Musiker hätten Jazz und Rock'n'Roll gespielt und sich gefreut, wieder einmal gemeinsam spielen zu können. «Das ging mir nahe», sagt sie, denn es hat gezeigt, «wie wichtig soziale Treffen sind». Damals habe sie zum Handy gegriffen und ein Video gemacht. Es ist Teil der Ausstellung.

Spielenachmittag am Grenzzaun

Genauso wie zwei Spiele, die ein binationales Paar – er sei Schweizer, sie Deutsche – entwickelt habe. Beim einen handle es sich um eine Art «Mühle». Die beiden hätten zwischen sich ein rund ein mal ein Meter grosses Spielbrett hingelegt und anschliessend mit zwei langen Stecken gegeneinander gespielt. «Sie haben es stehen gelassen, damit auch andere spielen konnten», sagt Raggenbass. Nun sollen sie nicht nur Teil der Ausstellung, sondern auch eines Rahmenprogramms werden. «Wir planen unter anderem einen Spielenachmittag am Zaun.»

Eine Frau in Konstanz spielt das grosse Brettspiel gegen zwei Buben in Kreuzlingen.

Eine Frau in Konstanz spielt das grosse Brettspiel gegen zwei Buben in Kreuzlingen.

Bild: Michel Canonica (16. April 2020)

Ziel der beiden Ausstellungen sei, sich zu erinnern. Der historische Teil solle zeigen, dass es keine Selbstverständlichkeit sei, dass die Grenze offen ist. Genauso wie auch der aktuelle Teil. Er mache deutlich, dass es mit dem Selbstverständlichen eben schnell vorbei sein könne. Und noch etwas zeigen diese beiden Zäune: «Wir sind eine Stadt, wir gehören zusammen.»