Gottlieben
Schwarze Zahlen und die sibirische Winterlibelle: Was in der Kleinstgemeinde am Seerhein zu Reden gab

Einen Überschuss statt eines Defizits konnten die Gottlieber bei der Gemeindeversammlung im Waaghaus zur Kenntnis nehmen. Der Naturschutz war aber fast spannender als die Finanzen.

Inka Grabowsky
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Gemeindepräsident Paul Keller und die neue Urnenoffiziantin Nina Stotzer auf der Terasse am Seerhein.

Gemeindepräsident Paul Keller und die neue Urnenoffiziantin Nina Stotzer auf der Terasse am Seerhein.

Bild: Inka Grabowsky

Von einer denkwürdigen Versammlung sprach Gemeindepräsident Paul Keller. Nach einem Jahr mit Urnenabstimmungen statt physischen Treffen konnten die Stimmbürger ihren politischen Repräsentanten endlich wieder in die Augen sehen. Um dem Abstandsgebot in der Pandemie gerecht zu werden, war die Versammlung vom Gemeindesaal in den Rhynegg-Saal im Waaghaus umgezogen. Dort hatten die 32 anwesenden Bürger – Gottlieben hat nur 161 Stimmberechtigte – nicht nur genug Platz, sondern auf der Terrasse auch Gelegenheit für einen abschliessenden Apéro.

Unerwartet hohe Rückerstattung bei der Sozialhilfe

Zu Feiern gab es tatsächlich Anlass: Finanzchef Roland Hugentobler konnte statt des budgetierten Defizits von etwa 70'000 Franken einen Ertrag von rund 194'000 Franken präsentieren. Ungenau budgetiert habe man aber nicht, meinte er. «Die Grundstücksgewinnsteuer etwa ist nicht budgetierbar, ausserdem hat es eine unerwartet hohe Rückerstattung im Bereich der Sozialhilfe gegeben.» Fast 48'000 Franken durch die Rückvergütung von Ausländern flossen auf das Konto für die gesetzliche wirtschaftliche Hilfe.

Den grössten Einfluss auf die positive Rechnung hatte jedoch der Steuerertrag, der mit rund 612'000 Franken 112'000 Franken höher ausfiel als erwartet. Das allerdings ist nicht den aktuellen Einkommenssteuern natürlicher Personen zu verdanken – der Ertrag hier sank – sondern zum Grossteil denen früherer Jahre. Aus nachträglichen Veranlagungen gab es statt erwarteten 40'000 Franken 106'000.

Gleichzeitig hatte die Gemeinde weniger Gelegenheit zum Geldausgeben. Die Baumassnahme an der Kanalisation wurde etwas günstiger, Feiern und Ausflüge mussten coronabedingt ausfallen. Vor allem aber ist der Aufwand für die soziale Sicherheit gesunken. Die Versammlung beschloss einmütig, den Gewinn ins Eigenkapital zu überführen.

Unaufgeregte Wahlen

Drei der fünf neuen Stimmbürger: Julian Köpper, Markus Lutz und Monika Schoy-Lutz

Drei der fünf neuen Stimmbürger: Julian Köpper, Markus Lutz und Monika Schoy-Lutz

Bild: Inka Grabowsky

Nina Stotzer-Kiedaisch stellte sich als neue Urnenoffiziantin zur Verfügung und wurde einstimmig gewählt. Ebenfalls freuen durften sich Markus Lutz, Monika Schoy-Lutz und Chiara Lutz, die das Gemeindebürgerrecht erhielten. Aufgenommen wurden auch Marita Köpper und ihr Sohn Julian Köpper.

Parkplätze und Libellen

Wie Präsident Keller mitteilte, unterstützt die Gemeinde die Stiftung Drachenburg dabei, den Parkplatz vor dem Dorf künftig zu bewirtschaften. Dafür soll er – gegen Gebühr – von jedermann nutzbar sein. Paul Keller informierte die Gottlieber auch, dass in den kommenden drei Jahren ein Insektenkundler die Genehmigung bekommen haben, im geschützten Ried Ausschau nach der sibirischen Winterlibelle zu halten.

«Möglicherweise sind wir eine der wenigen Standorte in der Schweiz, an der es diese Tierart noch gibt. Es ist ein Beispiel dafür, dass wir von Natur umgeben sind, die sich lohnt zu schützen.»

Die derzeit ungepflegt wirkende Dorfwiese und ungemähte Rabatten führten dann allerdings zu Nachfragen einiger Stimmbürger. «Es ist ein Versuch, etwas für die Natur zu tun, aber wenn die Mehrheit es anders haben will, dann ändern wir es», gab sich der Gemeindepräsident konziliant.