Restzucker
Der Wert eines unfertigen Projekts

Wenn eine Waldhütte gebaut ist, verliert sie ihren Reiz. Das Gleiche gilt auch für ein Stadthaus.

David Angst
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Über ihr geplantes Stadthaus reden die Kreuzlinger schon lange.

Über ihr geplantes Stadthaus reden die Kreuzlinger schon lange.

Bild: Andrea Stalder (Kreuzlingen, 12. November 2020)

Politik wird als die Kunst des Möglichen oder die Kunst des Machbaren bezeichnet. Die erste Definition wird Bismarck zugeschrieben, die zweite Giovanni Agnelli. Gute Politik müsste demnach dazu führen, dass etwas Konkretes entsteht. Zum Beispiel, dass eine Strasse, die das Volk vor acht Jahren befürwortet hat, endlich gebaut wird. Ein guter Politiker wäre also einer, der nicht nur viel verspricht, sondern auch etwas macht. Das greift natürlich viel zu kurz – und es ist auch ungerecht.

Das «Darüber Reden» kann nämlich ebenso befriedigend sein wie das «Machen». Oft ist die Vorbereitung einer Reise, die Vorfreude darauf, befriedigender als die Reise selbst. Oder erinnern wir uns daran, wie wir als Knaben und Mädchen einst Waldhütten bauten. Früher durfte man das noch. Spannend war die Hütte nur, solange sie im Bau war. War sie fertig, verlor sie ihren Reiz.

Auf die Politik übertragen heisst das: Ein gemeinsames Projekt wie ein neues Stadthaus kann eine Gemeinschaft unheimlich zusammenkitten, selbst wenn ihre Mitglieder einander seinetwegen die Köpfe einschlagen. Ein deutliches Bekenntnis der Kreuzlinger Stimmberechtigten zum Projekt könnte also fatale Folgen haben. Hand aufs Herz: Worüber sollen die Kreuzlinger denn die nächsten 30 Jahre streiten, wenn ihr Stadthaus fertig ist?