Glosse
Räbeblatt: Fastenzeit der Freude oder warum ein Konfetti weint

Seit einem Jahr liegt ein Konfetti auf dem Wigoltinger Dorfplatz und lauscht den Gesprächen der Menschen. Doch was es hört, sorgt nicht für Freude.

Sabrina Bächi
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Vor einem Jahr flog das Konfetti am Wigoltingern Fasnachtsumzug fröhlich durch die Luft. Heute kann es nur noch weinen.

Vor einem Jahr flog das Konfetti am Wigoltingern Fasnachtsumzug fröhlich durch die Luft. Heute kann es nur noch weinen.

Bild: Andrea Stalder (Wigoltingen, 1. März, 2020)

Zwischen Pflastersteinen auf dem neugestalteten Dorfplatz zu Wigoltingen liegt ein einsames Konfetti. Hilflos und fast vergilbt ging es bei Putzarbeiten nach dem Fasnachtsumzug vergessen. Manchmal tropft Regen herab. Einst kam ein Spatz und wollte es mit seinem Schnäbelchen herausziehen. Vergeblich. Und des Öfteren blies der Wind kleine Sandkörner am Konfetti vorbei.

Sabrina Bächi, Leiterin Ressort Weinfelden.

Sabrina Bächi, Leiterin Ressort Weinfelden.

Bild: Andrea Stalder

Ablenkung boten einzig die Gesprächsfetzen von Menschen, die übers Pflaster spazierten. Wundersames war zu hören: Das «Schäfli» habe zu und auch alle anderen Gaststuben, so sprachen sie. Schulen seien geschlossen. Und Wigoltingen befände sich nicht mehr im Fokus der Medien. Märstetten sei nun das schwarze Schaf. Pandemie. Menschen sterben. Viele seien einsam.

Das Konfetti wundert sich, versteht die Welt nicht mehr. Aber es fühlt mit. Denn normalerweise ist ein Konfetti viel Freude gewohnt. Doch seit dem Fasnachtsumzug 2020 ist es so merkwürdig still.

Bis eines Tages eine bläuliche Maske auf den Boden fiel. Ein Hoffnungsschimmer, dachte das Konfetti und freute sich: Bald geht die Fasnacht los! Warum sonst sollten die Menschen Masken nutzen, wenn nicht zu Verkleidungszwecken? Doch die Freude war vergeblich. Die Fasnacht kam nicht. Kein Böög der brennt, keine Wigi-Häxen, die die Gassen unsicher machten, keine Guggenmusik, kein Kinderlachen.

Es war dem Konfetti am Aschermittwoch, als sei die Fastenzeit bereits vor einem Jahr angebrochen. Und so weint und weint es. Seine nassen Tränen rinnen ihm übers Papier. So lange, bis es sich ganz zersetzt und mit einem letzten frischen Windhauch hoch in den Himmel getragen wird. Die Glocken schlagen zwölf. Der Platz bleibt leer.