Gewaltausbruch oder Racheakt: 36-Jähriger soll Thurgauerin mehrfach vergewaltigt haben

Vor dem Bezirksgericht Weinfelden muss sich ein 35-Jähriger wegen mehrfacher Vergewaltigung verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm drei Vergewaltigungen der selben Frau am selben Tag vor.

Mario Testa
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Der Tisch, an dem die Richter des Bezirksgericht Weinfelden sitzen.

Der Tisch, an dem die Richter des Bezirksgericht Weinfelden sitzen.

Bild: Mario Testa
(Weinfelden, September 2018)

War’s einvernehmlicher Sex gefolgt von einem Racheakt der Frau oder doch eine dreifache Vergewaltigung durch ihren damaligen Lebensgefährten? Diese Frage muss das Bezirksgericht Weinfelden klären. Vor Gericht verantworten muss sich ein 35-jähriger türkischer Staatsangehöriger, der in Österreich lebt. Der Mann lernte seine Partnerin, eine 16 Jahre ältere Thurgauerin, Ende 2017 in einer Disco kennen. Es entwickelte sich eine Wochenendbeziehung zwischen den beiden.

An einem Sonntag im März 2018 soll der Mann laut der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Thurgau dann aber seine gewalttätige Seite gezeigt haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm – gestützt auf die Aussagen des mutmasslichen Opfers und einen Bericht des Instituts für Rechtsmedizin in St. Gallen – vor, dreimal an diesem Tag gegen den Willen der Frau Geschlechtsverkehr mit ihr gehabt zu haben.

Zweimal am selben Morgen

Er habe ihre Hände über ihrem Kopf aufs Bett gedrückt, ihr trotz Gegenwehr mit seiner freien Hand die Unterhose runter gerissen und in sie eingedrungen sein, zweimal am selben Morgen. «Das alles tat er, obschon er wusste, dass die Frau Schmerzen wegen einer Verletzung im Hüftbereich hatte und sie ihm auch mehrfach sagte, dass sie keinen Geschlechtsverkehr wolle», sagt der Staatsanwalt. Bei der dritten Vergewaltigung am Nachmittag habe sich die Frau kaum noch gewehrt, weil sie erschöpft war und keine Kraft mehr hatte.

«Er hat ihr Nein einfach nicht akzeptiert. Aber nebeneinander schlafen ist kein Freibrief für Sex!»

Die Staatsanwaltschaft Thurgau fordert für den Mann eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 34 Monaten wegen mehrfacher Vergewaltigung. Zehn Monate soll er ins Gefängnis, der Rest der Strafe soll als bedingt vollziehbar ausgesprochen werden. Die Anwältin des Opfers fordert zudem eine Genugtuung von 25'000 Franken für ihre Mandantin sowie Schadenersatz für die entstandenen und noch anfallenden Gesundheitskosten.

«Man muss nicht. Man soll nur wollen»

Die Befragung der Frau fand am Donnerstag am Bezirksgericht Weinfelden unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Medien statt. Anschliessend musste sich der Angeklagte den Fragen des vorsitzenden Bezirksrichters Emmanuele Romano stellen. «Wie wichtig ist Sex für Sie?», fragt der Richter. «Man muss nicht. Man soll nur wollen», antwortet der Angeklagte.

Er sagt weiter, er habe an diesem Wochenende die Beziehung beenden wollen – und vermutet in der Strafanzeige einen Racheakt der Frau. «Ich wollte schon am Morgen, als wir bei ihr angekommen sind und ich meinen Rucksack hatte, wieder gehen. Sie sagte, ich solle bleiben, sie bringe mich am Abend zur Arbeit.» Also sei er geblieben und es sei einmal zum einvernehmlichen Sex gekommen.

Verteidiger wirft Fragen auf

Der Verteidiger fordert Freisprüche für seinen Mandanten und versucht, die Anklage unter anderem mit Fragen zu zerpflücken: «Warum hat die Frau den angeblichen Peiniger mit Hilfe ihrer ebenfalls anwesenden Kinder nicht rausgeworfen? Weshalb legt sie sich auch nach dem zweiten Mal wieder neben ihn ins Bett? Und warum geht sie mit ihm noch spazieren nach der angeblichen dritten Vergewaltigung?» Die Aussagen der Frau seien sehr widersprüchlich, sagt der Verteidiger.

«Es spielt sich nichts so ab, wie man es erwarten würde. Es gibt hier viele Besonderheiten. Aber gerade die Offenheit meiner Mandantin spricht für ihre Glaubwürdigkeit», kontert die Anwältin der Privatklägerin. Das Urteil steht noch aus, das Bezirksgericht Weinfelden fällt es schriftlich.