Geschichte
«Solange Sonne, Mond und Sterne am Himmel stehn»: Vor 250 Jahren schenkte der Bischof von Konstanz den Güttingern ihren Wald

Die Waldkorporation feierte am Sonntag ihr Jubiläum mit viel frischer Waldluft und einem Buch.

Judith Schuck
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Armin Vogt und Ruedi Schum von der Waldkorporation bei der Präsentation des Buches.

Armin Vogt und Ruedi Schum von der Waldkorporation bei der Präsentation des Buches.

Bild: Reto Martin

Ohne Corona wäre am Sonntag der Weihbischof von Freiburg im Breisgau zu einem Festakt in der Güttinger Mehrzweckhalle erschienen. Denn genau vor 250 Jahren, dem 24. Januar 1771, übertrug der Bischof von Konstanz, Franz Konrad von Rodt, den Güttingern 172 Hektaren Waldfläche im Güttinger Wald. Seine einzige Forderung an diese Schenkung lautete, dass dieser Wald gemeinschaftlich bewirtschaftet werden solle, und zwar «Solange Sonne, Mond und Sterne am Himmel stehn». Diesem Gebot wurde Folge geleistet. Die Waldkorporation ist bis heute die Eigentümerin von inzwischen 274 Hektaren Wald.

90 Anteilnehmer teilen sich den Wald

Bei der Waldkorporation handelt es sich um eine spezielle Eigentumsform, bei der Privatwald nicht in Parzellen unterteilt, sondern ganzheitlich bewirtschaftet wird. Den 90 Anteilhabenden stehen jährlich ein Ster Brennholz zu, das der Forstbetrieb für sie bereitstellt. Ausserdem sind die Anteile frei handelbar. «Im Grunde funktioniert das wie bei Aktien», erklärt Armin Vogt, Präsident der Waldkorporation Güttingen.

Um das Jubiläum dennoch begehen zu können, liess sich das OK-Team etwas Neues einfallen. Am eigentlichen Ort des Gedenkens, im schönsten Winterwald bei Schnee und Sonne, konnten die Anteilhabenden ihr Geschenk an der Jakobshütte abholen: das Buch «Solange Sonne, Mond und Sterne am Himmel stehn».

Vier Autoren haben recherchiert

Auf 120 Seiten erzählen vier Autoren die sorgsam recherchierte Geschichte des Waldes und der Korporation; ein Herzensprojekt des pensionierten Revierförsters Ruedi Schum. Er betreute den Privatwald 37 Jahre lang. Gemeinsam mit Kreisforstingenieur Ulrich Ulmer, dem ehemaligen Forstmeister Hans Nussbaumer sowie dem promovierten Biologen Rolf Rutishauser trug er die Geschichten aus dem Forst zusammen.

Von den Anfängen der Wälder im Bodenseeraum und deren Nutzung durch den Menschen bis in die Jetztzeit und darüber hinaus beleuchten die Autoren den Forst mit seinen Bewohnern und die Menschen, die ihm nahestehen. Einen besonderen Platz räumen sie dem Eichenbestand ein. Einige Eichen dürften so alt sein, wie die Schenkungsurkunde des Bischofs. Im vergangenen Frühjahr habe Ruedi Schum zumindest eine Eiche mit 230 Jahren ausgezählt.

Ein Baum, der dem Klimawandel trotzt

Wo andere Forstbetriebe vor rund hundert Jahren zunehmend auf schnell wachsende Arten wie Fichten, Lärchen oder Douglasien setzten, hielt die Waldkorporation Güttingen stets an der Eiche fest. Dies sei auch ein Vorteil der gemeinschaftlichen Bewirtschaftung gewesen: «So konnten immer neue Jungeichen nachgezüchtet werden», sagt Schum, dem diese Bäume besonders am Herzen liegen. Armin Vogt erläutert:

«Wir haben hier das Gleichgewicht zwischen schneller und langsamer wachsenden Bäumen gepflegt.»

Gerade im Hinblick auf den Klimawandel seien sie damit gut gefahren. «Die Eiche wird diesbezüglich als Zukunftsbaum angesehen», so der Präsident, da sie das wärmere Klima gut vertrage: «Die Eiche soll es künftig richten.»

Nicht nur das Klima wandelt sich, sondern auch der Beruf des Försters. Der Holzverkauf werde immer schwieriger, da der Import aus dem Ausland oft billiger sei, so Vogt. Und das Verhältnis zu Totholz ist gemäss Schum ebenfalls ein anderes geworden:

«Ich habe in meiner Ausbildung noch gelernt, dass der Wald aufgeräumt sein muss.»

Heute gibt es auch im Güttinger Wald Reservate, die nicht der Bewirtschaftung dienen, sondern der Natur überlassen werden.