Geschäftsmann aus Wallenwil spendete eine Niere an eine unbekannte Person

Weil sich das Leben leer anfühlte, gab Duri Desax seine linke Niere her. Wem, das weiss der Rentner aus Wallenwil bis heute nicht. Könnte er es sich aber wünschen, würde sie nun einem Frauenkörper Gift entziehen.

Alexandra Looser
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Duri Desax hat eine Niere gespendet, er weiss nicht, wer sie bekommen hat. (Bild: Andrea Stalder

Duri Desax hat eine Niere gespendet, er weiss nicht, wer sie bekommen hat. (Bild: Andrea Stalder

Es waren erst drei Tage seit der Operation vergangen, da sass Duri Desax bereits in der Cafeteria des Unispitals Basel und versuchte ein Gespräch zu belauschen. «Ich habe nicht genau verstanden, worüber das Grüppchen sprach, aber ich habe das Wort Engel mehrmals fallen hören.»

Wenn er sich jetzt an diesen Moment zurückerinnert, kommt in ihm noch immer der Wunsch auf, «dass ich dieser Engel gewesen wäre». Aber fragen, ob jemand in der Gruppe vielleicht eine Niere erhalten habe, das traute er sich damals nicht. Die Szene in der Cafeteria liegt 13 Jahre zurück. Damals wurde Desax dank seiner linken Niere zum Wohltäter. Kurz vor Weihnachten hat er sie anonym verschenkt – für die linke habe man sich entschieden, weil die rechte, minimal besser in Schuss war. «Ich bin ein Menschenliebhaber, würde ich meinen», sagt Desax, der mit seiner Frau Annelies in Wallenwil lebt. «Mir ist es wichtig, Menschlichkeit in den Vordergrund zu stellen.»

Zwei Gründe für die Spende

Warum er sich eine Niere entnehmen liess, hat zwei Ausgangspunkte: Der erste hat mit den 126 Kilogramm Körpergewicht zu tun, unter dem Desax litt. Da sich dieses partout mit keiner Diät reduzieren liess, wurde bei ihm 2001 ein Magenbypass gelegt. «Nach diesem Eingriff wollte ich den Ärzten etwas zurückgeben.»

Duri Desax: «In mir ist ein Gefühl der Leere ­entstanden.»

Der zweite Grund ist persönlicher Natur. «Ich bin immer der Karriere und dem Geld nachgerannt – in mir ist ein Gefühl der Leere entstanden.» Desax wollte etwas tun, wofür er kein Geld erhalten würde. «Ich wollte der Welt etwas mit Sinn hinterlassen.»

Schnelle Entscheidungen, schnelle Taten

Für die Aufwertung des eigenen Karmas würde es aber auch weniger drastische Massnahmen als eine Organspende geben. Die Ufer des Bodensees vom allsommerlichen Littering befreien, Menschen im Altersheim zu einem Spaziergang einladen oder im Ausland beim Bau eines Waisenhauses Hand anlegen: «Das wäre alles nichts für mich», sagt der 68-Jährige. Desax, der in der Chefetage einer Lebensversicherung tätig war, hat ein Faible für schnelles Handeln. Zaudern und langwierige Prozesse sind ihm zu wider. «Vielleicht bin ich ein wenig oberflächlich», sagt Desax, «aber ich mache Dinge lieber schnell und kurz und gehe dann zur nächsten Sache weiter.»

Als er mal Lust auf Fisch in einem Restaurant in Manhattan hatte, jettete er kurzerhand First Class hin, ass das Wunschgericht und flog am nächsten Tag wieder zurück. Auf schnelle Entscheidungen folgen schnelle Taten. Darum habe er auch seinen Grill verschenkt. «Das geht mir zu lange, bis da das Fleisch fertig ist.»

Und als sich in der jungen Familie Desax der Kinderwunsch nicht erfüllte, wäre eine Adoption für das Paar letztendlich doch keine Option gewesen: «Wir hätten zwei Jahre warten müssen, das hat mich genervt. Da will man was Gutes tun und muss zwei Jahre warten. Darum haben wir dann verzichtet», sagt Desax. Im Nachhinein musste es wohl so kommen: Mit nur 38 Jahren ist die Schwester von Annelies verstorben. Drei kleine Kinder lebten von da an bei Onkel und Tante. «So waren wir Ersatzeltern geworden.» Mittlerweile sind die beiden sogar Grosseltern. «Wir fahren zusammen ans Meer, gehen an Hochzeiten und tun alles, was Eltern so machen.» Hätte Desax leibeigene Kinder gehabt, hätte er sich als deren «Reservebank» aufgespart und sich nicht für einen wildfremden Menschen die Niere entnehmen lassen.

Er hätte sich für eine Frau entschieden

«Es hat mich lange Wunder genommen, wer wohl damals im anderen OP-Raum lag. Ob es wohl ein Kind, eine Frau oder gar ein Krimineller gewesen ist.» Würde er sich einen Wunschpatienten aussuchen können, hätte sich Desax für eine Frau entschieden. «Einfach so, weil Männer doch gerne Frauen haben.»

Um zu erfahren, wem seine linke Niere jetzt das Gift aus dem Körper zieht, müsste sich aber erst die Gesetzeslage in der Schweiz ändern. Diese sieht vor, dass Spender wie Empfänger anonym bleiben. Duri Desax hiess darum in den Akten und auf der Krankenstation Peter Müller.

Er will auch seine anderen Organe spenden «Ich habe in den letzten Jahren viel über die Organspende nachgedacht», sagt Desax, «mittlerweile ist mir die Anonymität egal. Das ist meine altruistische Seite – selbstlos eine fremde Lebensqualität zu verbessern.»

Würde wieder Spenden

Darüber, ob aus der Organspende ein Happy End wurde, können nur Mutmassungen angestellt werden. Der Spender weiss schlicht nicht, ob diese eine Niere tatsächlich bis heute lebensverlängernd wirkt. Der Körper des Empfängers könnte sie auch abgestossen haben. «Ich weiss nur, dass es meiner gespendeten Niere gut geht», sagt Desax, «ob das wahr ist, oder ob die Ärzte mir das einfach so gesagt haben, das weiss ich nicht.» Spenden würde er trotzdem immer wieder. Für die Zukunft hat er auch bereits Vorsorge getroffen. In seinem Portemonnaie steckt ein Organspenderausweis und auf seinem Smartphone hat Desax eine App installiert, die aufleuchtet, sobald er ein Spital betritt und signalisiert: Hier kommt einer, der seine Organe hergeben will

36 Thurgauer warten derzeit auf eine neue Niere

Ein Mensch hat im Normalfall zwei Nieren, die dem Körper Giftstoffe entziehen.

1500 Menschen in der Schweiz hofften im vergangenen Jahr auf eine neue Niere.

2017 wurden 360 Spendernieren transplantiert, davon 126 von sogenannten Lebendspendern.

36 Thurgauer warten derzeit auf eine Niere.

Im Schnitt dauert die Wartezeit mehr als zwei Jahre.

Für Lebendspender entstehen keine Kosten, die Krankenkasse des Empfängers zahlt.

Mit nur einer Niere kann ein Mensch gut leben.

Spenderausweise für postmortale Organspende können auf www.swisstransplant.org bestellt oder gleich ausgefüllt werden.