Gemeinden schaffen falsche Anreize: Das Erdgeschoss bei Romanshorner Gewerberäumen bleibt leer

In Romanshorn gibt es ein grosses Überangebot an Gewerberäumen. Der Stadtrat will dem entgegenwirken.

Annina Flaig
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Leere Büros in der Witenzelg-Überbauung an der Reckholdernstrasse 13 in Romanshorn.

Leere Büros in der Witenzelg-Überbauung an der Reckholdernstrasse 13 in Romanshorn.

Reto Martin (18. Oktober 2019)

An diesen Scheiben kann man sich die Nase platt drücken. Doch man wird niemanden erspähen. Seit rund zwei Jahren stehen die neuen Gewerbelofts im Erdgeschoss der grossen Witenzelg-Überbauung an der Reckholdernstrasse leer. Die Minergie-Siedlung beinhaltet über 160 Miet- und Eigentumswohnungen und 15 Gewerbelofts. «Die Wohnungen waren schnell vermietet», sagt Marcel Manser, Geschäftsführer von IT3 in St.Gallen. Die Firma wurde mit der Erstvermietung von rund 60 Mietwohnungen und den Gewerbelofts beauftragt. Bei Letzteren läuft es harzig.

Das Phänomen ist bekannt. Bei der Bodan-Überbauung lief es ähnlich. Und auch in der Überbauung Sunnestrahl am Maria-Stader-Weg warten im Erdgeschoss zur Schlossbergstrasse hin neu ausgebaute Ladenflächen noch immer auf Mieter. «Es sind schöne Räume zu guten Preisen», sagt Manser in Bezug auf die Gewerbelofts an der Reckholdernstrasse. Dennoch stünden rund zwei Drittel davon leer. Die Reckholdernstrasse ist keine Hauptverkehrsachse. Ausserdem befindet sie sich nicht im Zentrum. Das können laut Manser Gründe sein.

Gemeinden schaffen falsche Anreize

Aktuell gibt es in Romanshorn viel Auswahl an Gewerbeobjekten. Comparis spuckt über 30 Angebote aus. Beim Gewerbeverein Romanshorn und Umgebung wundert man sich nicht über dieses Überangebot. Präsident Roland Schneeberger sagt:

«Verantwortlich für die Misere sind in vielen Gemeinden veraltete Baureglemente.»

Diese würden falsche Anreize schaffen. So auch das aktuell noch gültige Baureglement der Stadt Romanshorn von 2001. Im Artikel zu den Wohn- und Gewerbezonen steht geschrieben: «Bei einer Mischnutzung mit einem Gewerbeanteil von 20 bis 90 Prozent erhöht sich die zulässige Ausnützungsziffer.»

Im Zuge der Überarbeitung des Rahmennutzungsplanes wurde der entsprechende Artikel im 2017 zwar geändert. Vom Anreiz einer höheren Ausnützungsziffer durch Gewerberäume war man weggekommen. Dennoch wollte man weiter grossflächig Mischzonen fördern. Deshalb wurde zunächst festgehalten, dass in den Wohn- und Arbeitszonen das Erdgeschoss eine Mindesthöhe von 3,5 Metern aufweisen müsse. In Anbetracht der leeren Ladenlokale macht das heute keinen Sinn mehr.

«Der aktuelle Stadtrat hat das Problem erkannt und in die Zonenplanung einfliessen lassen», sagt Stadtrat Philipp Gemperle, Ressort Ortsplanung und Baurecht.

In der Innenstadt ist das Gewerbe erwünscht

Konkret hat der Stadtrat im Artikel 8 zu den Wohn- und Arbeitszonen den Absatz mit den Mindesthöhen komplett gestrichen. «Das heisst, dass neu in den Wohn- und Arbeitszonen im Gegensatz zu früher auch Überbauungen ohne Gewerberäume denkbar sind», erklärt Gemperle.

Auch in der Überbauung Sunnestrahl am Maria-Stader-Weg gibt es leere Gewerberäume.

Auch in der Überbauung Sunnestrahl am Maria-Stader-Weg gibt es leere Gewerberäume.

Reto Martin (18. Oktober 2019)

Weiterhin nicht zulässig sind Ein-, Doppelein- oder Reiheneinfamilienhäuser. Allerdings gibt es im Zonenplan sogenannte überlagernde Zonen, zum Beispiel mit besonderen Anforderungen im Erdgeschoss. Diese befinden sich beispielsweise rund um den Hubkreisel. Dort muss das Erdgeschoss weiterhin eine Mindesthöhe von 3,5 Metern aufweisen. Gemperle sagt:

«An den Hauptstrassen in der Innenstadt ist Gewerbe erwünscht.»
Philipp Gemperle, Stadtrat Romanshorn, Ressort Ortsplanung und Baurecht.

Philipp Gemperle, Stadtrat Romanshorn, Ressort Ortsplanung und Baurecht.

An der Alleestrasse und im unteren Bereich der Bahnhofstrasse wurde sogar eine Zone mit publikumsorientierter Erdgeschossnutzung geschaffen. Hier soll laut Gemperle das städtische Leben mit Ladengeschäften stattfinden. Wie sich dieses entwickelt, hängt jedoch nicht nur vom Zonenplan ab. Bekanntlich ist Romanshorn, wie andere Gemeinden auch, vom Lädelisterben betroffen. Die aktuelle Coronakrise erschwert die Situation zusätzlich.

Künstler sollen die leeren Büros beleben

Peter Felix hat sich etwas einfallen lassen. Der in Romanshorn aufgewachsene Geschäftsführer der Felix Partner Architektur AG mit Sitz in Zürich hat die Witenzelg-Überbauung entworfen. Er will offenbar nicht länger zusehen, wie seine Gewerbelofts leer stehen. Deshalb hat er IT3 beauftragt, mit Künstlern aus der Region Kontakt aufzunehmen und ihnen die Räume zu speziellen Konditionen und zeitlich begrenzt anzubieten. Bis jetzt haben laut Manser fünf Künstler zugesagt. «Jetzt kehrt Leben ein», hofft er.

Der revidierte Rahmennutzungsplan

Gegen den vom 6. bis 25. März öffentlich aufgelegten revidierten Rahmennutzungsplan (Zonenplan und Baureglement) sind 43 Eingaben eingegangen. Die Stadt wird diese nun prüfen. Sofern es die Pandemielage zulässt, ist für den 2. Juli eine ausserordentliche Gemeindeversammlung vorgesehen, an der die Stimmberechtigten über den Rahmennutzungsplan befinden können.

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