Gegen Homo-Ehe und Cannabis-Legalisierung: Wegen Tweet fällt Online-Mob über Thurgauer Jungpolitiker her

Benjamin Zürcher von der Jungen EVP Thurgau bezeichnet sich als wertkonservativen Christen. Mit Aussagen gegen den Zeitgeist erntet der Kantonsratskandidat einen Shitstorm. Sogar Prominenz aus Deutschland stärkt ihm aber den Rücken.

Kari Kälin
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Jungpolitiker Benjamin Zürcher.

Jungpolitiker Benjamin Zürcher.

Bild: Privatarchiv

Benjamin Zürcher? War bis vor kurzem ein fast unbeschriebenes Blatt. Kandiert für die Junge EVP für das Thurgauer Kantonsparlament. Wirkt im Vorstand der EVP Bezirk Weinfelden mit. Bezeichnet sich als wertkonservativen Christen. Ist gerade 18-jährig geworden.

Dann kam der letzte Samstag. Dann stemmte sich Zürcher öffentlich gegen den Zeitgeist. Dann setzte Zürcher einen Tweet ab (siehe Bild), in dem er sich gegen die Ehe für alle, Stimmrechtsalter 16, die «Klimahysterie» und die Cannabis-Legalisierung stellte. Garniert mit dem Satz: «Ich habe das Gefühl, allein dies macht mich schon zu einer provokanten Reizfigur.»

Gerechnet hat Zürcher, Praktikant in einem Sozialberuf, dass vielleicht zehn Personen «Gefällt mir» klicken würden. Doch der Online-Mob wütete mit aller Wucht. Es folgten mehr als 3000 Kommentare, ein Teil davon zustimmend, ein grosser aber vernichtend und beleidigend mit der Stossrichtung: Zürcher ist ein ewiggestriger, schwulenfeindlicher, intoleranter Menschenfeind. Zahlreiche Kommentatoren äusserten sich abschätzig über sein Aussehen, verhöhnten ihn als «jüngsten Wut-Rentner» oder «H&M»-Supermodel.

Turbulente Tage mit wenig Schlaf

Quasi über Nacht hat Zürcher sich zu einem Feindbild in den sozialen Medien getwittert. Wie geht der Jungpolitiker mit den heftigen Reaktionen um? Treffen ihn die persönlichen Beleidigungen? Die Anfeindungen hätten ihm zu denken gegeben, sagt Zürcher. Aber:

«Sie haben mich nicht in ein Tal der Tränen gestossen. Ich habe turbulente Tage mit wenig Schlaf erlebt, aber ich bin nicht depressiv.»

Zürcher, Mitglied einer Freikirche, sieht sich als Opfer einer linksliberalen Welle, welche eine richtige Gesinnung definiere. «Wer sich daran hält, gilt als weltoffen, tolerant und liberal, wer nicht, als frauen-, schwulen- und islamfeindlich», kritisiert er. Er habe mit seinem Tweet niemanden persönlich angegriffen. Dies hätten gerade auch Homosexuelle anerkannt.

Am nächsten Sonntag bestellen die Thurgauer ein neues Kantonsparlament. Als billigen Stimmenfang betrachtet Zürcher seinen Tweet nicht. «Dafür hätte ich das Gegenteil verkünden müssen.»

Zunahme bei Ehrverletzungsdelikten

Zürcher ist nicht der Erste, der nach einem Tweet in sozialen Medien durch den Fleischwolf gedreht wird. Der Sittenzerfall im virtuellen Raum schlägt sich denn auch in der Statistik nieder. Wurden im Jahr 2010 noch 2282 Personen wegen den Ehrverletzungsdelikten üble Nachrede, Verleumdung und Beschimpfung verurteilt, so stieg diese Zahl bis 2018 auf 4251. Fast jeder vierte Jugendliche hat es gemäss der James-Studie schon einmal erlebt, dass ihn jemand im Internet fertig machen wollte. Cybermobbing kann schwere Folgen wie Angstzustände oder Depressionen haben. In einer Befragung in Deutschland gaben 21 Prozent der betroffenen Schüler an, nach einer Mobbingattacke Suizidgedanken gehegt zu haben.

In der Schweiz existieren zahlreiche Präventionsprogramme. Eine Vorreiterrolle im Kampf gegen den virtuelle Hass nimmt der Verein Netzcourage mit Sitz im Kanton Zug ein. Gründerin und Geschäftsführerin ist Jolanda Spiess-Hegglin, die im Zusammenhang mit den Vorkommnissen an der Zuger Landammannfeier 2014 selber ins Visier von Hassern geriet. «Shitstorms machen das Leben vieler Menschen kaputt», sagt sie. Zusammen mit Swisscom hat Netzcourage vor wenigen Tagen eine neue Kampagne gegen Hass im Internet lanciert. Spiess-Hegglin ist überzeugt, dass man mit Sensibilisierung den mitunter hochtoxischen Diskurs in den sozialen Medien entgiften kann.

Justiziable Kommentare festhalten

Betroffenen rät sie, Hilfe zu suchen, zum Beispiel jemandem den Account abzutreten, damit diese Person die übelsten Hassnachrichten löscht und sie der Attackierte nicht zu Gesicht bekommt. Spiess-Hegglin hat diesen Dienst schon einigen Opfern erwiesen. Zugleich legt sie nahe, potenziell justiziable Kommentare per Screenshot festzuhalten und dann zur Anzeige zu bringen.

Was sagt sie zur Geschichte von Benjamin Zürcher? Man müsse seine Haltung nicht teilen, aber menschenverachtend oder unanständig habe er sich nicht geäussert.

«In den sozialen Medien werden oft Personen von einer Hasswelle überrollt, die vielleicht einen etwas unbedarften Tweet abgesetzt haben.»

Die Online-Community nehme gerne auch junge Politiker mit konservativen Ansichten ins Visier, um sich an ihnen die Füsse abzutreten – bloss, weil sie aus der Norm fielen. «Manche Leute möchten Personen mit solchen Ansichten aus dem öffentlichen Diskurs drängen und bewerfen sie mit Dreck», kritisiert Spiess-Hegglin. Dies schade der demokratischen Auseinandersetzung.

Zürcher seinerseits sagt:

«Mein Glaube gibt mir in solchen Situationen Sicherheit und Halt.»

Er richtet sich an unterstützenden Reaktionen auf. Viele Parteikollegen stünden hinter ihm. Marianne Streiff, Präsidentin der EVP Schweiz, verurteilt die Angriffe auf den Nachwuchspolitiker. «Sie stammen oft von Kreisen, die selber Toleranz propagieren, aber abweichende Meinungen  lautstark niederschreien». Solange man sachlich bleibe und niemanden persönlich diffamiere, dürfe man seine Haltung kundtun. Zürcher habe diese Anstandsregeln respektiert. Die Aargauer SP-Nationalrätin Yvonne Feri setzt sich mit politischen Vorstössen gegen Cybermobbing ein. Sie teile Zürchers Ansichten nicht, doch deswegen greife sie ihn doch nicht an, erst recht nicht unter der Gürtellinie, sagt sie. Die Episode um den Jungpolitiker illustriert ihrer Ansicht nach «einfach einmal mehr, dass es nur wenig braucht, dass ein Shitstorm ausgelöst wird».

Sogar Prominenz aus dem Ausland schaltete sich in die Kontroverse ein. Hans-Georg Maassen, bis 2018 Präsident deutschen Verfassungsschutzes, stärkte Zürcher den Rücken: «Anonymer Hass im Netz ist ein grosses Problem. Bleiben Sie standhaft!».

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