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Gefoltert und zum Tode verurteilt: Ein Thurgauer löst einen eidgenössischen Konflikt aus

Am 23. Mai 1618 brach mit dem zweiten Prager Fenstersturz der Dreissigjährige Krieg aus. Kilian Kesselring aus Bussnang leitete als General Wachmeister die Bewachung der eidgenössischen Grenze im Thurgau. Der Einfall der Schweden brachte ihn jedoch in eine lebensbedrohliche Situation und stürzte die Eidgenossenschaft in eine Krise.
Sabrina Bächi
Kilian Kesselring (1583 bis 1650) aus Bussnang. Seine Verurteilung während des Dreissigjährigen Krieges löste einen inndereidgenössischen Konflikt aus.(Bild: PD)

Kilian Kesselring (1583 bis 1650) aus Bussnang. Seine Verurteilung während des Dreissigjährigen Krieges löste einen inndereidgenössischen Konflikt aus.(Bild: PD)

Mit Gewichten an den Füssen hängt er am Flaschenzug. Oben an den Handgelenken gefesselt, baumelt sein erschöpfter und hilfloser Körper in den Seilen. Die Arme ausgekugelt, Wunden am ganzen Körper. Er ist am Ende seiner Kräfte. Aber auch nach stundenlangem Verhör beteuert Kilian Kesselring seine Unschuld. Lieber will er sterben als in Unehren in seine thurgauische Heimat zurück zu kehren. Er ist das Opfer innereidgenössischer und religiöser Konflikte, die fast zum Krieg geführt hätten. Angefangen hat aber alles im beschaulichen Bussnang im Herzen des Thurgaus.

Am 15. Mai 1583 kommt Kilian Kesselring in Bussnang zur Welt. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann, Schreiber verschiedener Thurgauer Gemeinden und erlangte nach einem geschickten Verkauf zu Gunsten der Stadt Zürich gar das dortige Bürgerrecht. Mit seiner Frau Susanna wohnt Kesselring in Bussnang. Jenseits der eidgenössischen Grenzen tobt ab 1618 der Dreissigjährige Krieg. Die damaligen acht regierenden Orte der Eidgenossenschaft erkennen die Gefahr – schliesslich ist die Eidgenossenschaft im Epizentrum der Machtkonflikte – und lassen an ihren Grenzen Wachen aufstellen. Kesselring wird mit der Schaffung der Thurgauer Wehrorganisation betraut.

Die Grenzen im Thurgau werden gestärkt

Als die Kriegsgefahr 1628 akut wird, will die militärische Kommission der Eidgenossenschaft, dass es im Thurgau mehr Truppenführer gibt. Kilian Kesselring wird gar zum General Wachtmeister des Thurgaus ernannt. Er soll für Frieden und Ordnung sorgen, den Thurgau und somit die neutrale Eidgenossenschaft vor dem Eindringen herannahender Feinde schützen. Ein Amt, das er mit grosser Gewissenhaftigkeit ausführt. Zum Verhängnis werden Kesselring die Eroberungsstrategien des schwedischen Militärs.

Der schwedische Feldmarschall Gustav Horn will im August 1633 die Stadt Konstanz besetzen. Der gewiefte Stratege erkennt bald, dass die Einnahme der Stadt am besten über die Schweizer Seite zu bewerkstelligen ist. Also überquert Horn in einer Nacht- und Nebelaktion bei Stein am Rhein mit 7000 Reitern den Fluss und marschiert auf neutralem Schweizer Boden gen Kreuzlingen. Am Morgen des 8. Septembers 1833 beziehen die schwedischenTruppen das Kloster in Kreuzlingen und bereiten sich für die Belagerung vor. Weder der eidgenössische Kommandant an der Brücke bei Stein am Rhein noch alle anderen Wachleute von Eschenz bis Kreuzlingen schlagen Alarm, obwohl dies im Wachbüchlein, welches Kesselring selbst verfasst hat, dringend befohlen wird.

Während des Einfalls der Schweden feiert General Wachtmeister Kesselring nichtsahnend in Bussnang das Erntedankfest. Erst am Morgen des 8. Septembers erfährt er vom Einfall der Schweden. Aufgebracht reitet Kesselring nach Kreuzlingen, um nach den Rechten zu sehen. Dort trifft er auf Feldmarschall Horn, der ihm versichert, dass weder Land noch Leute von den Schweden bedrängt werden. 25 Tage dauert die schwedische Belagerung, Anfang Oktober ziehen sie unverrichteter Dinge auf demselben Weg ab, auf dem sie gekommen waren. Während der ganzen Zeit verhielten sich die schwedischen Truppen diszipliniert und machten weiter keinen Ärger, wie aus verschiedenen Berichten hervorgeht.

Innerschweizer ziehen in Richtung Ostschweiz

Der Ärger jedoch drängt aus der Innerschweiz in Richtung Ostschweiz: Empört über den Einfall auf neutrales Eidgenössisches Gebiet fordern die katholischen Orte Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, die Eingedrungenen mit Gewalt zu vertreiben. Zürich und Bern verweigern jedoch ihre Hilfe, weil sie befürchten, dass so die Eidgenossenschaft zum Kriegsschauplatz wird. Für die Katholischen ist nun klar: Der Einfall der reformierten Schweden ist ein Verrat. Die Innerschweizer verdächtigen den reformierten Kilian Kesselring aus Bussnang, ein Komplott mit Unterstützung von Zürich angezettelt zu haben. Einige Tausend Mann aus der Innerschweiz ziehen deshalb in Richtung Thurgau, wo sie Ende September in Wil eintreffen – kurz bevor die schwedischen Eindringlinge sowieso wieder abreisen.

Am 5. Oktober beschliesst Kesselring, sich auf den Weg nach Wil zu machen, um die Innerschweizer über die Geschehnisse aufzuklären. Kaum dort angekommen, wird er verhaftet. Doch Kesselring gesteht keine Verfehlungen ein. Als kein Verhör das gewünschte Resultat bringt, greifen die Innerschweizer zu härteren Methoden. Am 24. Oktober versuchen sie, mittels Folter ein Geständnis aus Kesselring herauszupressen. Vergebens. Immer wieder setzen sich Gesandte, Landvögte, Priester und sogar der Abt von St. Gallen für den Thurgauer ein. Es nützt alles nichts. Die Innerschweizer bleiben stur. Im November entscheiden sie sogar, den schwer geschundenen Kesselring auf ein Pferd zu setzen und ihn, der unter Höllenqualen seiner Verletzungen leidet, nach Schwyz zu bringen.

Ein Wundarzt, der Kesselring behandelt, beschreibt dessen Verletzungen so: «Ich habe den Herrn Kilian Kesselring erstlich verbunden, als er an beiden Armen und Axlen ganz übel verderbt, alles übel zerrissen, verschwollen, die rechte Axlen auch nit ingericht, auch er am Lyb gebrochen und innerlich übel verderbt war.» Er hat ihn mit Tränken gegen die Schmerzen behandelt und «mit Pflasters über und über verbinden müssen», schreibt der Arzt weiter. In Schwyz wird Kesselring weiter gefoltert. Eine Gesandtschaft hoher Thurgauer Herren reist sogar nach Schwyz, um Kesselring für ein Lösegeld von 20000 Gulden frei zu kaufen. Vergeblich.

Todesurteil und hohe Geldstrafen

Über 16 Monate bleibt Kesselring in Gefangenschaft. Erst im Januar 1635 kommt es zur Gerichtsverhandlung, bei der er nochmals seine Unschuld beteuert. Das Urteil ist hart: Kesselring wird zum Tode verurteilt. Allerdings lassen die Richter Gnade walten, denn sein Tod hätte wohl zu einem innereidgenössischen Krieg geführt. Zudem setzen sich der König von Frankreich und der Herzog von Savoyen sowie einige Privatpersonen und der Bürgermeister von Zürich für seine Freilassung ein. Aber: Es gibt eine Busse von 5000 Gulden und die Kosten für das Verfahren von 8356 Gulden soll Kesselring auch zahlen.

Ausserdem wird ihm verboten, je wieder Thurgauer Boden zu betreten. Sollte er trotzdem dort gesichtet werden, so darf er getötet werden und der Mörder erst noch eine Belohnung von 400 Gulden beziehen. Mit diesem Urteil verliert Kesselring seine Arbeit, sein Vermögen und seine Heimat. Selbst die Kosten der Gefangenschaft soll die Familie Kesselring bezahlen – weitere 6000 Gulden. Kesselrings Haus hatte aber nur einen Wert von 800 Gulden. Schliesslich übernimmt die Stadt Zürich die Kosten.

Erst 1643 darf er wieder zurück in den Thurgau, wo er die letzten sieben Jahre seines Lebens mit seiner zweiten Frau Euphrosina verbringt. Am 10.  Januar 1650 stirbt Kilian Kesselring im Alter von 76 Jahren in Bussnang – dem beschaulichen Ort im Herzen des Thurgaus, wo alles anfing.

Quellen: Brauchli Hans, Thurgauer Ahnengalerie, Wettstein Werner, Die Kesselringaffäre, Historisches Lexikon der Schweiz, Stadtarchiv Wil.

Schlacht auf dem Bodensee

Am 23. Mai vor 400 Jahren löste der zweite Prager Fenstersturz den Dreissigjährigen Krieg aus, der von 1618 bis 1648 dauerte. Nebst dem Kampf um die Vorherrschaft in Europa ging es vor allem um religiöse Kämpfe: Protestanten gegen Katholiken. Auf der einen Seite war Österreich mit seinen katholischen Verbündeten, dem Deutschen Reich und Spanien. Auf der anderen Seite kämpften die Protestanten aus Frankreich, Schweden und den Niederlanden.

Die Eidgenossenschaft bestand damals aus acht regierenden Orten. Die Innerschweizer waren katholisch und die städtischen Gebiete um Bern und Zürich protestantisch. Die Eidgenossen nahmen im Krieg eine neutrale Stellung ein. Sie wollten verhindern, in das Kriegsgeschehen hineingezogen zu werden, vor allem nachdem die protestantischen Schweden bis an den Bodensee vorrückten. Kriegsschiffe und Kanonen 1632 flammte auf dem Nebenschauplatz rund um den Bodensee ein Kampf um die strategisch günstige Vorherrschaft auf dem See auf. Bis 1634 hatten die Katholiken eine kleine, dennoch dem Gegner überlegene Flotte. Sie beherrschten den Grossteil des Sees, was für die Versorgung der belagerten Orte wichtig war.

Am 25. Oktober 1632 nahmen die Protestanten Radolfzell ein, kaperten kaiserliche Schiffe und bauten sie zu Kriegsschiffen um. Die über 30 Meter langen Schiffe konnten mit bis zu 500 Soldaten und einigen Kanonen bestückt werden. Im heutigen Friedrichshafen errichteten die Schweden 1634 eine Werft und bauten dort das grösste Bodensee-Kriegsschiff, die «Drottning Kristina», mit 22 Kanonen an Bord. Ende 1634 war der Seekrieg vorerst beendet, ohne dass eine Seite einen klaren Sieg errungen hätte. Die Katholiken herrschten aber wieder über den Bodensee. Im Januar 1643 eroberten die Protestanten jedoch Überlingen, womit erneut ein Krieg auf dem See entbrannte.

Nach langem Hin und Her brachte ein Überraschungsangriff am 4. Januar 1647 den Protestanten den entscheidenden Sieg: Sie eroberten Bregenz – und danach folgten Langenargen, die Mainau und Überlingen. Obwohl die katholische Flotte mittlerweile 50 Schiffe besass, konnten sie gegen die vier grossen Kriegsschiffe der Schweden mit 16 Kanonen und die grosse Anzahl kleiner Kriegsschiffe nicht gewinnen. Im Juli beherrschten die Protestanten jeden Punkt des Sees. Nach dem Westfälischen Frieden, der den Dreissigjährigen Krieg beendete, begann ab dem 24. Oktober der Abzug protestantischer Truppen. Der Seekrieg war zu Ende. (sba)

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