Gefängnis
«Es geht mir näher, als ich dachte»: 77-jährige Amriswilerin müsste am Donnerstag ihre Gefängnisstrafe antreten

Agatha Bortolin aus Amriswil müsste am 14. Oktober für vier Tage ins Gefängnis in Frauenfeld einrücken. Sie hat vor, sich von der Polizei abholen zu lassen. Warum es in diesen Fall längst nicht mehr um ihr Vergehen geht, das sie nicht begangen haben will.

Manuel Nagel Jetzt kommentieren
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«Ich war es nicht», steht auf dem Kostüm, das sich Agatha Bortolin extra gekauft hat. Am Donnerstagmorgen um 8.15 Uhr muss sie ihre Ersatzfreiheitsstrafe im Gefängnis in Frauenfeld antreten.

«Ich war es nicht», steht auf dem Kostüm, das sich Agatha Bortolin extra gekauft hat. Am Donnerstagmorgen um 8.15 Uhr muss sie ihre Ersatzfreiheitsstrafe im Gefängnis in Frauenfeld antreten.

Bild: Manuel Nagel (Räuchlisberg, 13.Oktober 2021)

Sie hat extra ihre Nägel lackiert. Und farblich passen sie zu den aufgenähten roten Buchstaben auf Agatha Bortolins Kostüm, auf dem steht:

«Ich war es NICHT!»

Ob sie es war oder nicht, das spielt in dieser Geschichte mittlerweile eine untergeordnete Rolle. Das Vergehen, das man ihr zur Last legt: Beim Rückwärtsmanövrieren auf einem Vorplatz ein Mäuerchen touchiert zu haben, aus dem sich ein Stein gelöst hat. 50 Franken hat es gekostet, den Schaden zu beheben, was Bortolin auch bezahlt hat. Dem Frieden zu liebe, denn sie habe nichts von einer Kollision mitbekommen.

Der Mäuerchenbesitzer zog die Anzeige jedoch nicht zurück und setzte damit einen Apparat in Gang. Der Fall wurde mittlerweile zur Posse und dürfte den Staat einiges kosten. Denn als Agatha Bortolin von der zuständigen Staatsanwältin sich nicht ernstgenommen fühlte, entschied sie, die Strafe abzusitzen.

Nun, am Donnerstag, 14. Oktober, ist es also soweit. Sie müsste sich um 8.15 Uhr in Frauenfeld beim Gefängnis einfinden, um ihre viertägige Ersatzfreiheitsstrafe anzutreten. Doch Agatha Bortolin fährt nicht selber in die Kantonshauptstadt. Sie will sich von der Polizei abholen lassen.

Agatha Bortolin in ihrer Küche.

Agatha Bortolin in ihrer Küche.

Bild: Manuel Nagel (13. Oktober 2021)
«Ich offeriere den Polizisten gerne eine Tasse Kaffee und Gebäck.»

Das kündigte sie schon am 18. August in der «Thurgauer Zeitung» an. Das will sie nun auch durchziehen. Ihr Fall hatte damals vor zwei Monaten weit über Amriswil und den Thurgau hinaus für Aufsehen gesorgt. Und am Donnerstagmorgen komme auch noch ein Journalist den weiten Weg aus Bern hierher, verrät Bortolin. Auch dieser werde selbstverständlich einen Kaffee oder einen Tee erhalten. Ein weiteres Versprechen von Agatha Bortolin war, dass sie in gestreiften Sträflingsklamotten einrücken möchte. Für 15 Franken hat sie sich extra ein Kostüm gekauft, auch wenn sie nicht viel Geld hat. Sie müsse das mit Humor nehmen, damit es ihr nicht zu nahe gehe, sagte sie damals.

Am Mittwochabend ist Bortolin ruhig, aber sie gesteht, dass es ihr in den Tagen zuvor doch näher ging, als sie dachte. Aber deswegen ihre Pläne umwerfen?

«Nie, nie, niemals.»

Sie sagt es energisch. Das ziehe sie jetzt durch. Eine Handvoll Bücher sei gepackt, ebenfalls die selbst hergestellten Couverts. Sie möchte einigen Leuten aus ihrer Zelle schreiben. Vielleicht auch der einen Frau aus Räuchlisberg, die ihr gestern Mittwoch noch eine Karte zukommen liess: «Ich bewundere dich für deinen Mut und Courage», steht auf dieser.

Ihre Katze kann sie nicht ins Gefängnis mitnehmen, aber Agatha Bortolin hat alles organsiert, sodass ihre Tiere und ihre Pflanzen während ihrer viertägigen Abwesenheit versorgt sind.

Ihre Katze kann sie nicht ins Gefängnis mitnehmen, aber Agatha Bortolin hat alles organsiert, sodass ihre Tiere und ihre Pflanzen während ihrer viertägigen Abwesenheit versorgt sind.

Bild: Manuel Nagel (Räuchlisberg, 13.Oktober 2021)
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