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Thurgauerin macht sich Gedanken zum Bettag: Vom ­Hinfallen und wieder Aufstehen

Die Pfarrerin Judith Engeler schreibt in ihrem Gastbeitrag, dass man auch mal zurückgehen muss, um vorwärts zu kommen.
Judith Engeler
Kinder fallen oft hin - aber stehen immer wieder auf. (Bild: Fotolia)

Kinder fallen oft hin - aber stehen immer wieder auf. (Bild: Fotolia)

Wer mit kleinen Kindern zu tun hat, kennt folgendes Szenario: Das einjährige Kind versucht aufzustehen, fällt aber – sobald es den ersten Schritt ohne Hilfe tun will – sofort wieder hin. Dieses Spiel wiederholt sich. Stunde für Stunde, Tag für Tag.

Ich gebe zu: Wenn ich selber heute wieder laufen lernen müsste, bin ich mir nicht sicher, ob ich so viel Durchhaltevermögen hätte wie die kleinen Kinder. Wahrscheinlich würde ich mich einfach irgendwann damit abfinden, dass Gehen nichts für mich ist. Umso mehr bewundere ich diese kleinen Menschen, die sich von Rückschlägen nicht beeindrucken lassen, sondern es stets wieder probieren.

Wir Menschen mögen Geschichten vom Hinfallen und wieder Aufstehen, ja vom Vorwärtskommen. Es werden sogar Seminare mit dem Titel «Scheitern als Chance» angeboten. Und in der Tat ist es wohl eine der schönsten menschlichen Eigenschaften: Sich von Niederlagen nicht beeindrucken zu lassen, sondern einfach immer weiterzumachen. Wie die Einjährigen, die laufen lernen.

Gastautorin und Pfarrerin Judith Engeler stammt aus Amriswil und doktoriert an der Universität Zürich. (Bild: PD)

Gastautorin und Pfarrerin Judith Engeler stammt aus Amriswil und doktoriert an der Universität Zürich. (Bild: PD)

Ohne diesen menschlichen Entdeckergeist, das Ausprobieren von Dingen, die man eigentlich gar nicht kann, gäbe es weder Bücher noch Medikamente, weder Autos noch Computer. Es ist also gut, wenn der Mensch gross träumt und etwas ausprobiert.Der Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti formulierte einst passend:

«Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.»

Quer dazu steht «Umkehr» als zentrales Thema in der Bibel. So etwa beim alttestamentlichen Propheten Jesaja. Er ermahnt das Volk Israel, auf einen gottgefälligen Weg zurückzukehren. Denn die Lage sieht düster aus: Juda und Jerusalem drohen der politische Untergang. Deren Schicksal sei besiegelt, prophezeit Jeremia, wenn die Menschen nicht umkehren und ablassen von ihrem falschen Weg. Einem Weg, der gezeichnet ist von der falschen Politik der Oberen.

Zwischen Rückschritt und Fortschritt

Im ersten Moment scheinen sich die beiden Philosophien auszuschliessen: Aufstehen und erneut versuchen bedeutet Vorwärtskommen und Ausprobieren, während Umkehr eher ein Aufgeben und eine Rückkehr zu Gewohntem ist. Umkehren hat etwas Rückwärtsgewandtes. Und wer will schon Rückschritte machen? Alber Einstein sagte einst:

«Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.»

Wer auf dem Holzweg ist und trotzdem immer wieder darauf hofft, so vorwärts zu kommen, macht eben keine Fortschritte. Da bringt alles Üben, alles Aufstehen nichts. Da lohnt sich hingegen Umkehr: Zurückblicken, schauen, ob der Weg, auf dem man ist, überhaupt passt. Das eigene Verhalten überdenken und kritisch analysieren – so verstanden kann Umkehr sehr wohl zu neuen Lösungen und Fortschritt führen.

Aufbrechen, losgehen, ausprobieren

So auch 1848, als der Bettag ins Leben gerufen wurde. Er war das Resultat einer ebensolchen Umkehr, einer Besinnung. Denn vorausgegangen waren die Wirren des Sonderbundkriegs, in der sich Liberale und Konservative, beziehungsweise zum Teil sogar Reformierte und Katholiken in einem Bürgerkrieg gegenüberstanden. Ein konfessioneller Krieg in der Schweiz, der zum Glück nicht viele Opfer forderte.

Nach dem Friedensschluss fand ein Umdenken statt: Die siegreiche Mehrheit nahm bei der Ausgestaltung der neuen Bundesverfassung auf die Anliegen der Unterlegenen Rücksicht. Auch aktuell gibt es Fragen, bei denen eine Umkehr gefordert wird, sei es beispielsweise in der Klimapolitik oder in der Altersvorsorge. Auch da gilt: Aufbrechen, losgehen und ausprobieren ist gut. Dann und wann innehalten und prüfen, ob man auf dem richtigen Weg ist, noch besser.

Übrigens: Als mein Patenkind laufen lernte, kaufte ihr die Grossmutter einen kleinen Wagen als Gehhilfe. Und weil sie mit dieser Unterstützung besser üben konnte, schaffte sie bald schon die ersten Schritte alleine. Manchmal ist Umkehr - ein vermeintlicher Rückschritt - also notwendig, um vorwärts zu kommen.

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