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Interview

Der Thurgauer Jossi Wieler verabschiedet sich mit Wehmut von der Stuttgarter Oper

Jossi Wieler ist in Kreuzlingen aufgewachsen und durch seine Liebe zum Theater auf der ganzen Welt herum gereist. Den 
Intendanten der Oper Stuttgart fasziniert es, täglich etwas Neues zu lernen. Der Bodensee spielt für ihn auch noch heute eine wichtige Rolle.
Ines Biedenkapp
Jossi Wieler ist seit sieben Jahren Intendant der Stuttgarter Oper. (Bild: Martin Sigmund/ Stuttgarter Oper)

Jossi Wieler ist seit sieben Jahren Intendant der Stuttgarter Oper. (Bild: Martin Sigmund/ Stuttgarter Oper)

Jossi Wieler, Sie sind seit sieben Jahren Intendant der Oper Stuttgart und stammen aus Kreuzlingen. Was haben Sie aus dem Thurgau mitgenommen?

Der Thurgau ist ein Stück Heimat, das mich überall hin in der Welt begleitet hat, ob nach Tel Aviv, Tokio, San Francisco, Amsterdam oder Berlin und natürlich Stuttgart. Der See spielt dabei eine zentrale Rolle, er wirkt allein, wenn ich an ihn denke, beruhigend, entfaltet geradezu eine therapeutische Wirkung. Was geht über einen Sommertag am Untersee?

Wie lange lebten Sie in Kreuzlingen?

Bis zur Sekundarschule war ich in Kreuzlingen, wechselte dann an die Kantonsschule nach Frauenfeld und habe dort 1971 die Matura gemacht. Dann wollte ich etwas von der Welt sehen.

Wohin zog es Sie?

Nach einem halben Jahr in London war ich acht Jahre in Israel, wo ich Theaterregie studierte und meine ersten Inszenierungen machte. Ich verschlang in der Zeit geradezu das deutsche Theatermagazin «Theater heute» und war fasziniert von den spannenden und geradezu experimentellen Strömungen in Deutschland. Das ist das beste Theater der Welt, habe ich mir gesagt, da muss ich hin. Zuerst war ich in Düsseldorf, dann folgten Inszenierungen in Heidelberg, Basel, Hamburg, Zürich, München und Berlin. Der damalige Stuttgarter Opernintendant Klaus Zehelein überredete mich 1994, meine erste Opernregie zu machen: Mozarts «La clemenza di Tito» zusammen mit dem Dramaturgen Sergio Morabito. Bis heute haben wir gemeinsam über 40 Opern inszeniert, an ganz vielen Orten dieser Welt – und immer wieder in Stuttgart.

Was waren die drei entscheidendsten Stationen in Ihrem Leben?

Der Bodensee – dort habe ich meine ersten 20 Lebensjahre verbracht. Dieses Umfeld trage ich in mir. Es ist auch ein Teil meiner Arbeit, es gibt mir eine innere Ruhe. Dann die Zeit in Israel in den 1970er Jahren. Die hat mich geöffnet und neugierig auf das Theater gemacht. Und schliesslich die deutschsprachige Theaterlandschaft insgesamt. Sie ist auch eine Heimat für mich geworden, ein virtueller Ort, an dem Utopien jederzeit möglich sind.

Sie haben zuletzt die Uraufführung von Toshio Hosokawas Oper «Erdbeben. Träume» an ihrem Haus in Stuttgart inszeniert. Wovon handelt die Oper?

Die Handlung basiert auf Heinrich von Kleists Novelle «Das Erdbeben in Chili». Es geht um eine heimliche, verbotene Liebe in einer durch Dogmen geprägten Gesellschaft. Als aus dieser Liaison ein Kind entspringt, wird das junge Paar zum Tode verurteilt. Am Tag der geplanten Hinrichtung zerstört ein gewaltiges Erdbeben die Stadt und auch die Gefängnismauern. Josephe und Jeronimo, so heissen die beiden Liebenden, finden sich, zusammen mit ihrem Säugling Philipp, nach der Katastrophe in einem idyllischen Tal wieder. Und für kurze Zeit scheint es so, als sei eine gesellschaftliche Utopie möglich, geprägt durch Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft aller Überlebenden. Aber schliesslich zerstören Demagogen und Dogmatiker mit extremer Gewalt jegliche Regung von Menschlichkeit. Das junge Paar wird vom Mob getötet und der überlebende Säugling wächst bei Adoptiveltern auf. Wir erzählen die Geschichte aus der Perspektive des überlebenden Kindes, dem im Alter von acht Jahren erzählt wird, was mit ihm und seinen leiblichen Eltern geschah. Zwischen Traum und Albtraum entstehen so Szenen aus zuvor unbewussten Zusammenhängen.

Warum haben Sie sich für dieses Stück entschieden?

Der Stuttgarter Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling hatte schon einige Orchesterwerke Hosokawas aufgeführt, unter anderem als Chefdirigent des Yomiuri Nippon Symphony Orchestras in Tokio. Er schlug ihn für einen Kompositionsauftrag vor. Hosokawa, als der bedeutendste zeitgenössische japanische Komponist, befasst sich in seinen Werken mit den grossen Fragen unserer Zivilisation. Die Natur- und Atomreaktor-Katastrophe von Fukushima brachte uns auf die Idee, eine Brücke zu Kleists Novelle zu schlagen. Der Schriftsteller Marcel Beyer hat dann dafür in seiner Sprache ein poetisches Libretto verfasst.

Warum Naturkatastrophen?

Naturkatastrophen sind immer auch Zivilisationskatastrophen und umgekehrt. Beide stellen ethisch-moralische Fragen ans menschliche Zusammenleben. Es sind Ausnahmesituationen, die gleichzeitig Raum für Utopien schaffen.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie das Stück auf die Bühne brachten?

Werke wie dieses haben einen langen Vorlauf. Hier waren es vier Jahre. Es war eine spannende und erfüllende Arbeit, für alle an dieser Produktion Beteiligten. Es ist ein Ensemble-Stück für sieben Solisten, das Hosokawa auch in Kenntnis unseres herausragenden Staatsopernchores als grosse Chor-Oper komponiert hat. Jetzt, da es fertig ist, hoffe ich, dass es von zahlreichen Bühnen und Orchestern nachgespielt wird. Es hat viel über unsere Zeit zu erzählen und tut dies mit grösster Eindringlichkeit.

Worauf achten Sie bei Ihren Inszenierungen?

Jedes Werk, ob Schauspiel oder Musiktheater, verlangt eine eigene Erzählweise. Ich versuche, in die Werke hineinzuhören und befasse mich lange mit ihnen. Im jeweiligen Probenprozess, in dem jeder Künstler und jede Künstlerin eigene Verantwortung in der Entwicklung einer Figur oder einer Situation übernimmt, entsteht etwas Gemeinsames, das über die Einzelleistung hinauswächst. Das ist besonders in der Oper der Fall, der kollektivsten aller Künste.

Jossi Wieler lernt immer wieder gerne Neues. (Bild: Martin Sigmund/ Stuttgarter Oper)

Jossi Wieler lernt immer wieder gerne Neues. (Bild: Martin Sigmund/ Stuttgarter Oper)

Mit «Erdbeben. Träume» verabschieden Sie sich auch aus Stuttgart. Ist es ein wehmütiger Abschied?

Ja, auch wenn ich mich selbst vor drei Jahren zu diesem Schritt entschieden habe. Seit 1994 arbeite ich regelmässig als Regisseur in Stuttgart, seit 2011 auch als Intendant. Dieses Opernhaus ist ein wesentlicher Teil meiner künstlerischen Identität geworden. Ich habe hier die wundervollsten Dinge erlebt, die man an einem Theater nur erleben kann. Magische Momente. Ich gehe mit dem Gefühl, sehr viel erreicht zu haben, gemeinsam mit vielen grossartigen und talentierten Menschen. Dieses Haus ist sehr besonders, mit einem eigenen Geist und Arbeitsethos und einem sehr wachen und das Theater liebenden Publikum, das sich gerne auf Neues und weniger Bekanntes einlässt. Das stelle ich immer wieder fest, wenn wir nach Aufführungen das Publikum zu Gesprächen mit dem Leitungsteam und den Mitwirkenden einladen.

Was für Projekte haben Sie bereits für die Zeit nach Stuttgart ins Auge gefasst?

Ich werde erst einmal eine längere Pause machen. Die Zeit in Stuttgart erfüllt mich sehr, aber ich brauche auch immer wieder neue Impulse für meine Arbeit. Um nicht ganz aus der Übung zu kommen (lacht) habe ich allerdings zusammen mit meinem Regiepartner Sergio Morabito eine Einladung von Eva Kleinitz, der früheren Stuttgarter Operndirektorin, angenommen, an ihrem Haus, der Opéra National du Rhin in Strassburg, Webers «Der Freischütz» zu inszenieren. Und an der Deutschen Oper in Berlin werden wir Bellinis «Die Nachtwandlerin» – eine Übernahme aus dem Stuttgarter Repertoire – mit dem dortigen Ensemble einstudieren.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann wieder in den Thurgau zurückzukommen?

Vorstellen kann ich mir das sogar sehr gut. Aber ich glaube, das wird nicht passieren, da ich doch zu viel am Theater und in der Welt unterwegs bin. Der Thurgau und der See werden daher wohl zunächst noch Sehnsuchtsorte bleiben.

Welchen Traum würden Sie sich gerne noch erfüllen?

Manchmal wünsche ich mir, all die Erfahrungen, die ich inzwischen im Schauspiel und in der Oper machen konnte, in ein anderes Medium zu übertragen. Ich finde es immer noch faszinierend, täglich etwas Neues zu lernen und dabei Menschen kennen zu lernen, die von dem, was sie tun, in besonderer Weise erfüllt sind.

Zur Person

Jossi Wieler ist 66 Jahre alt und wurde in Kreuzlingen geboren. In den 1970er Jahren folgte er seinen Geschwistern nach Israel und begann ein Regie-Studium an der Universität Tel Aviv. 1979 folgte die erste Regiearbeit am Habima Nationaltheater. Danach ging Wieler nach Deutschland und war von 1980 bis 1982 Regieassistent am Düsseldorfer Schauspielhaus. Zudem war er als Schauspielregisseur in Heidelberg, Bonn, Stuttgart, Basel, Hamburg, Zürich, Berlin, bei den Münchner Kammerspielen sowie wiederholt bei den Salzburger Festspielen tätig. Seit 1994 arbeitet er in Stuttgart, wie auch International als Opernregisseur. Für seine Inszenierungen erhielt er viele Preise. Er erhielt unter anderem den deutschen Theaterpreis Der Faust, den Kulturpreis und den Verdienstorden des Landes Baden-Württembergs und wurde zum Regisseur des Jahres gewählt. (ibi)

Die Oper Stuttgart

Die Oper Stuttgart zählt zu den bedeutendsten europäischen Opernhäusern und ist zugleich Teil des grössten Mehrspartenhauses Europas. Die Württembergischen Staatstheater bestehen aus der Oper Stuttgart, dem Schauspiel Stuttgart sowie dem Stuttgarter Ballett. Seit 1994 arbeiten alle drei Sparten künstlerisch und wirtschaftlich autonom unter Leitung ihrer jeweiligen Intendanten, während die Geschäftsführung des gemeinschaftlichen Gesamtbetriebs in den Händen des Geschäftsführenden Intendanten Marc-Oliver Hendriks liegt. Rund 230000 Besucher zählt die Oper in einer Saison. Insgesamt umfasst die Oper 1404 Sitzplätze. Die Geschichte der Stuttgarter Oper reicht bis in das 17. Jahrhundert zurück. (ibi)
www.oper-stuttgart.de

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