Frau ergaunert mit Lügen eine halbe Million Franken im Thurgau

Eine 40-Jährige Deutsche steht wegen dem Verdacht auf gewerbsmässigen Betrug vor dem Bezirksgericht Weinfelden. Sie hat sich von vielen Leuten Geld geliehen und nie zurück bezahlt.

Mario Testa
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Das Bargeld, welche die Angeklagte als Darlehen von den Geschädigten bekam, konnte sie gar nicht zurück bezahlen.

Das Bargeld, welche die Angeklagte als Darlehen von den Geschädigten bekam, konnte sie gar nicht zurück bezahlen.

Bild: Symbolbild, Mario Testa

In einem sind sich Anklage und Verteidigung einig: Die Angeklagte hat gelogen. Immer und immer wieder, während sechs Jahren, in denen sich die Deutsche Serviceangestellte in der Schweiz aufhielt. Sie hat den insgesamt 29, mehrheitlich im Kanton Thurgau wohnhaften Geschädigten glaubhaft dargelegt, dass sie etwa für die Behandlung ihres schwer kranken Vaters, für die Beerdigung ihres Bruders oder den Sorgerechtsstreit um ihre Tochter dringend Geld brauche. Sie werde es auch umgehend wieder zurückzahlen, versicherte die heute 40-Jährige jeweils überzeugend.

Ebenso unterschrieb sie Kaufverträge für Autos, die sie sich gar nicht hätte leisten können oder sie beauftragte Handwerker für eine Wohnungssanierung. «Sie hat ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten, tritt eloquent, überzeugend, forsch und hartnäckig auf. Sogar umsichtige Geschäftsleute konnte sie um den Finger wickeln», sagt der Staatsanwalt an der Hauptverhandlung vor dem Bezirksgericht Weinfelden.

Gefälschte Dokumente sorgen für Glaubwürdigkeit

Mit gefälschten Kontoauszügen, Überweisungsbescheinigungen oder Papieren zu einer angeblichen Erbschaft habe die Frau ihre Lügengeschichten untermauert und so immer glaubhaft darlegen können, die Darlehen bald zurückzahlen zu können. Die Staatsanwaltschaft Bischofszell unterstellt der Angeklagten deshalb gewerbsmässigen Betrug.

«Das war ein System von Lügen, sie ging arglistig vor und betrieb einen grossen Aufwand. Dabei war sie weder willens noch dazu fähig, die Summen je zurückzahlen zu können. Sie war ohne Einkommen und hoch verschuldet.»

Weil die Frau vereinzelte Geschädigte auch unter Druck gesetzt haben soll, ist sie auch wegen fortgesetzter Erpressung angeklagt. Dazu kommen weitere Delikte wie Diebstahl, üble Nachrede, mehrfacher Hausfriedensbruch, mehrfache Urkundenfälschung sowie mehrfache rechtswidrige Einreise und rechtswidriger Aufenthalt. Die Staatsanwaltschaft fordert für die vorbestrafte Angeklagte eine Freiheitsstrafe von vier Jahren, eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu je 30 Franken, eine Busse von 1000 Franken sowie Landesverweis für die Dauer von 15 Jahren.

Die Angeklagte grinst, aber sagt nichts

Die Angeklagte selbst grinst und feixt immer wieder im Verlauf des Prozesses, scheint nervös und gleichzeitig völlig gelassen, schiebt ihrem Verteidiger auch dauernd Zettelchen zu, spricht mit ihm, bis er sie zur Ruhe mahnt. Äussern will sie sich an der Hauptverhandlung am Donnerstagmorgen nicht. «All diese Fragen hab ich ja schon mehrfach beantwortet», sagt sie zum vorsitzenden Richter Emmanuele Romano und setzt sich wieder zurück zu ihrem Verteidiger.

Dieser betont in seinem Plädoyer, dass seine Mandantin nicht betrogen, sondern sich einfacher Lügen bedient habe.

«Arglist liegt nicht vor. Weder bestand zu den Geschädigten das dazu nötige, besondere Vertrauensverhältnis, noch waren ihre Geschichten unüberprüfbar.»

Die Menschen hätten ihr einfach geglaubt und leichtsinnig ihr Geld anvertraut. Auch die Aussagen vieler der Geschädigten während den Ermittlungen, dass sie im Nachhinein gesehen naiv gehandelt hätten und deshalb selber schuld am Schlamassel seien, stütze diese Version; auch dass einige Geschädigte gar nicht als Privatkläger auftreten.

«Würden Sie bei einer Person, mit der Sie ab und zu plaudern, von einem besonderen Vertrauensverhältnis sprechen und ihr Tausende Franken anvertrauen?» fragt er in Richtung des Bezirksgericht, das in Fünferbesetzung und aufgrund der Distanzregeln im grossen Saal des Weinfelder Rathauses tagt.

«Wer sein Geld leichtsinnig verleiht und sämtliche Vorsichtsmassnahmen über Bord wirft, muss damit rechnen, dass es Ausfälle gibt.»

Die Sorglosigkeit anderer könne nicht der Beschuldigten zur Last gelegt werden und «das Strafgericht darf auch kein Erntehelfer für Zivilforderungen sein.»

Verteidiger spricht von Rache des Ex-Manns

Der Verteidiger wittert im Prozess ohnehin einen Rachefeldzug des ebenfalls als Privatkläger auftretenden Ex-Manns seiner Mandantin. Immerhin hat sie ihn und zwei Familienangehörige um fast zwei Drittel der Deliktsumme von einer halben Million Franken gebracht. «Er hat auch Kontakt zu weiteren Geschädigten aufgenommen und sie zur Anzeige aufgefordert», sagt der Verteidiger. «Bei der Scheidung sagte er noch, sie sei ihm nichts schuldig.»

Der Verteidiger fordert in allen Klagepunkten Freisprüche für seine Mandantin. Für die unzumutbar lange Zeit in Untersuchungshaft habe sie zudem eine Entschädigung von 200 Franken pro Tag und eine Genugtuung von 5000 Franken zu erhalten. Das Urteil des Bezirksgerichts Weinfelden steht noch aus. Es folgt schriftlich.

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