Familienvater muss sich vor dem Bezirksgericht Weinfelden rechtfertigen: Er hat mindestens drei Mädchen missbraucht

Der 49-jährige Thurgauer gesteht sexuelle Handlungen mit der eigenen Tochter, Stiefkindern und dem Kind von Freunden ein. Ob er ins Gefängnis muss, ist noch offen.

Martina Eggenberger Lenz
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Das Zuhause war für die Opfer kein sicherer Ort. Der Vater, Stiefvater und Freund der Familie nutzte seine Position aus.

Das Zuhause war für die Opfer kein sicherer Ort. Der Vater, Stiefvater und Freund der Familie nutzte seine Position aus.

Symbolbild: Keystone

Die zwei Familien waren befreundet. Die Kinder gingen bei der jeweils anderen ein und aus. Man kochte zusammen, ging gemeinsamen Hobbys nach und fuhr miteinander in die Ferien. Doch die Idylle war ein krasser Trugschluss, wie sich später herausstellte. Schliesslich gehen vier Kinder als Opfer aus der Geschichte hervor, höchst wahrscheinlich geschädigt für den Rest ihres Lebens.

Der Mann ist ein Hüne. Während ihn der Richter im Weinfelder Bezirksgericht befragt, zeigt er kaum Emotionen. Manchmal bricht seine Stimme ein wenig, er spricht allgemein leise. Vielleicht ist es Scham. «Ich bedaure, dass ich hier sitze», sagt der 49-jährige Schweizer. Der Hauptvorwurf lautet: mehrfache sexuelle Handlungen mit Kindern.

Er hat oft masturbiert, auch vor den Kindern

Am schlimmsten erging es dem Mädchen der befreundeten Familie. Der Missbrauch begann, als sie knapp zehn Jahre alt war. Bei sich Zuhause verging sich der Angeklagte mehrfach an dem Kind. Er trug es ins Elternschlafzimmer, berührte es dort im Genitalbereich, über und unter der Pyjamahose, liess das Kind sein Glied anfassen, entblösste sich vor ihm in der Waschküche und badete mit ihm nackt in der Wanne. Er setzte dort das Kind auf seinen Schoss, wusch es im Intimbereich.

Das alles passierte nicht einmal, sondern gleich mehrfach. Er hat vor der Kleinen Porno geschaut, sich vor ihr selbst befriedigt. Der Familienvater hatte ein leichtes Spiel. Das befreundete Paar vertraute ihm offensichtlich ganz. «Die Sorglosigkeit der Eltern spielte dem Täter in die Arme», stellt der Staatsanwalt fest. Der Richter fragt nach dem Warum, nach der Motivation für die Taten. Der Mann sagt:

«Es ist mir nicht erklärlich, wieso ich das gemacht habe.»

Die Rede ist von Arbeitslosigkeit, von fehlender Zuneigung in der Ehe. Der Verteidiger meint: «Er war auf der Schwelle zur Depression.»

Mit Depressionen und Angstzuständen haben heute die Opfer zu kämpfen. Allen voran die Stieftochter des Angeklagten. Sie ist längst volljährig. Aber ihre Pubertät muss verstörend gewesen sein.

Der neue Mann der Mutter zeigt ihr, damals 12, wie sie sich im Intimbereich rasieren muss. Er «assistiert» ihr nackt in der Badewanne. Er will ihr beibringen, wie man ein Kondom überstülpt und demonstriert dies an seinem Penis. Er masturbiert vor der Minderjährigen. Anschaulicher Aufklärungsunterricht sei seine Absicht gewesen, begründet er die Übergriffe.

Vergewaltigen wollte er die Mädchen nie

Der Schweizer macht auch nicht vor seiner jüngsten Tochter halt. Sie ist 4 und noch in den Windeln. Er legt sein Geschlechtsteil auf ihre nackte Vagina, lässt sie das Tattoo auf dem Penis streicheln, eine Eidechse. Das alles bestreitet der Angeklagte nicht.  Wiederum sagt er: «Es ist mir unerklärlich.» Zu seiner Verteidigung meint er, er habe nie versucht, eines der Mädchen zu vergewaltigen.

Der Verteidiger ist überzeugt: «Mein Mandant hat eine pädophile Nebenströmung. Pädophilie ist keine Wahl, sondern ein Schicksal.» Auch einer der Buben ging regelmässig mit dem Stiefvater baden. Die sexuellen Handlungen wie das «Schnäbeli-Spiel» bestreitet der Mann hier aber. Die Aussagen des Buben wirkten einstudiert, so auch der Verteidiger.

Seilziehen um die Freiheitsstrafe

Zurück bleibt eine zerrüttete Familie und eine kaputte Ehe. Die jüngste Tochter wurde fremdplatziert. Die älteste hat den Kontakt zu den Eltern eingestellt. Offen ist, ob der Angeklagte ins Gefängnis muss. Die Anwälte der Opfer klagen Schadenersatz und Genugtuung ein, in unterschiedlicher und strittiger Höhe. Die Staatsanwaltschaft beantragt eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten unter Aufschub zu Gunsten einer ambulanten Massnahme. Einer der Opferanwälte besteht mindestens auf Teilvollzug. Der Verteidiger plädiert für nicht mehr als 24 Monate Gefängnis auf Bewährung. Das Urteil steht aus und erfolgt schriftlich.

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