Exoten: Drei Thurgauer haben an der Uni Konstanz ihr Glück gefunden

Die Hochschule vor der Haustür des Kantons Thurgau ist eine der besten Deutschlands. Auf Schweizer Studenten übt sie aber wenig Anziehungskraft aus. Wer den Sprung über die Grenze wagt, bereut ihn aber nicht.

Markus Schoch
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Pascal Horni, Hope Läubli und Konrad Daniel Reutimann fühlen sich wohl auf dem Giessberg. (Bild: Reto Martin)

Pascal Horni, Hope Läubli und Konrad Daniel Reutimann fühlen sich wohl auf dem Giessberg. (Bild: Reto Martin)

Es war meine einzige Chance, Biologie zu studieren. Damals, im Jahr 1995. Ich hatte gerade die Matura gemacht, wohnte in Arbon, war 29, verheiratet und Vater von drei Kindern. Die Uni meiner Wahl musste nah sein. So nah, dass ich nebenbei noch ein Familienleben führen konnte. Nur Konstanz erfüllte diese Bedingung.

Die Speisekarte 1995 mit Preisen. (Bild: Markus Schoch)

Die Speisekarte 1995 mit Preisen. (Bild: Markus Schoch)

Mich dort einzuschreiben, fiel mir leicht. Die Uni gehörte zu den besten in Deutschland und war finanziell unglaublich attraktiv. Die Studiengebühren kamen mit 60 bis 70 DM einem besseren Trinkgeld gleich, und in der Mensa gab es Eintopf für 2,20 DM.

Rund 130 Studenten aus dem Thurgau

Die 1966 gegründete Reformuni war der Wirklichkeit gewordene Ort meiner Träume. Alle anderen Thurgauer schienen sie allerdings zu meiden. Ich bin in den fünf Jahren auf dem Giessberg so manchem Chinesen über den Weg gelaufen, aber nur einem Schweizer.

Viele gibt es auch heute noch nicht dort. Im Wintersemester 2016/17 waren von gesamt knapp 12'000 Studenten nur etwa 130 aus dem Thurgau, wobei die meisten gleichzeitig an der Pädagogischen Schule Thurgau eingeschrieben gewesen sein dürften. Diese bietet drei grenzübergreifende Studiengänge an. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Uni selber erfasst in ihrer Statistik nur die Schweizer. Und der Kanton macht sich nicht die Mühe, diejenigen aus Hefenhofen, Kreuzlingen oder Bissegg systematisch zu zählen und einem Fachbereich zuzuordnen.

Die Vorurteile sind ebenso gross wie das Unwissen

Hope Läubli aus Ermatingen ist eine der wenigen Thurgauerinnen, die in Konstanz immatrikuliert ist. Sie schliesst gerade ihren Bachelor ab (Hauptfach Geschichte/Nebenfach Gender Studies).

«Für mich war und ist die Konstanzer einfach unsere lokale Universität.»

Ihre Kollegen an der Kantonsschule Kreuzlingen fehlte dieser Bezug weitgehend. «Ich war als eine von wenigen aus unserer Klasse am Infotag der Uni Konstanz.» Die Vorurteile ihrer Mitschüler seien ebenso gross gewesen wie ihr Unwissen. «Viele haben mich gefragt, ob ich nachher überhaupt in der Schweiz arbeiten könne.» Andere hätten die Qualität der Lehre in Frage gestellt.

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Die meisten in ihrem Umfeld habe es Richtung Zürich gezogen. Zum Vergleich: An Schweizer Universitäten schreiben sich pro Jahr rund 1'800 Thurgauer ein. Auch weil sie vielleicht endlich weg von zu Hause ihr eigenes Leben leben wollen.

Enge Betreuung ist ein grosser Pluspunkt

Hope blieb lieber in der Nähe, was ihr erlaubt, auf dem elterlichen Biogemüsebau-Betrieb zu arbeiten. Und gleichzeitig an einer von elf Exzellenz-Universitäten in Deutschland zu studieren.

«Die Uni Konstanz hat sowohl einen guten Ruf als auch den Biss, sich gegen ihre grösseren Konkurrenten durchzusetzen.»

Entscheidender Pluspunkt für Läubli ist jedoch die gute Betreuung. «Oftmals sind wir zwischen fünf und 15 Studierende in einem Kurs, sodass man gefördert wird, sich aktiv zu beteiligen.»

Der Preis ist allerdings relativ hoch. Seit dem Wintersemester 2017/18 zahlen Studenten aus der Schweiz neben den ordentlichen Gebühren von 160 Euro zusätzlich 1500 Euro – extra wie alle anderen Ausländer, deren Heimatland nicht der EU beziehungsweise dem EWR angehört. Damit ist Konstanz fast doppelt so teuer wie eine Hochschule oder Fachhochschule in der Schweiz.

Läubli wird ihren Master trotzdem in der deutschen Grenzstadt machen. «Ich zahle die Zusatzkosten, da mir das, was ich erhalte, das Geld wert ist.» Es wäre für sie jedoch keine Überraschung, wenn sich aus finanziellen Gründen künftig noch weniger Schweizer für Konstanz entscheiden würden.

Die kurzen Wege machen Konstanz attraktiv

Für Konrad Daniel Reutimann aus Kreuzlingen geht die Rechnung immer noch auf. Er studiert im zweiten Semester Philosophie/Ethik und Informatik. Es sind die kurzen Wege, die Konstanz für ihn nach wie vor attraktiv machen. «Ich brauche kein GA, sondern kann mit dem Velo, dem Bus oder dem Auto an die Uni.»

Viele Studenten kommen mit dem Velo zu den Vorlesungen. (Bild: Reto Martin)

Viele Studenten kommen mit dem Velo zu den Vorlesungen. (Bild: Reto Martin)

Die Nähe war es, die den Ausschlag gab, als er von Zürich nach Konstanz wechselte. Ein anderer Grund waren die neuen Möglichkeiten, die sich damit für ihn eröffneten.

«Den Abschluss, den ich anstrebe, gibt es in dieser Form gar nicht an Universitäten der Schweiz.»
Auch das Partyleben kommt nicht zu kurz. (Bild: Reto Martin)

Auch das Partyleben kommt nicht zu kurz. (Bild: Reto Martin)

Anders als Läubli waren die Reaktionen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis von Reutimann durchwegs positiv, als er ihnen erzählte, dass er seinen Horizont in Konstanz erweitern wolle. Viele hätten ihn sogar ermuntert, den Schritt über die Grenze zu machen. Bis jetzt hat er ihn nicht bereut. Der Hauptgrund ist der gleiche wie bei Läubli: Die Betreuung sei sehr gut. «Damit habe ich nicht unbedingt gerechnet.» Auch sonst lasse die Uni keine Wünsche offen. Derzeit gebe es sogar einen Biergarten.

Die Forschung hat einen guten Ruf

Pascal Horni aus Kreuzlingen ist Doktorand und wegen des guten Rufes in der Forschung beziehungsweise des ausgeprägten Methodenfokus auf Konstanz aufmerksam geworden. «Ausserdem fand ich die Arbeit des Lehrstuhls, an welchem ich mein Promotionsvorhaben verfolge, sehr interessant.»

Zuvor studierte er an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur Betriebsökonomie und Business Administration Public and Nonprofit Management. Bis jetzt gefällt es ihm auf dem Giessberg ausnehmend gut.

«Ich erlebe das Studium als sehr bereichernd.»

Er schätze den Austausch mit Menschen aus vielen anderen Ländern ausserordentlich. Weniger gefällt ihm der verschachtelte Campus. «Es ist ziemlich herausfordernd, sich auf dem Uni-Gelände nicht zu verlaufen.» Auch stosse die Infrastruktur an ihre Grenzen. In der Mensa müsse man am Mittag lange anstehen. Immerhin ist es immer noch günstig, was auf den Teller kommt. Fast wie damals.