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«Es wurde schon oft über mich bestimmt»: Wie Jugendliche aus der Weinfelder Phoenix-WG mit der Ungewissheit nach dem Konkurs umgehen

Leidtragende im Zwist um Konkurs und ungetreue Geschäftsführung im Phoenix-Wohnheim sind Jugendliche. Wir haben uns mit zwei von ihnen an den Tisch gesetzt. Und zugehört.
Sabrina Bächi
Die Jugendlichen in den Phoenix-Wohnheimen halten zusammen. (Bild: Andrea Stalder)

Die Jugendlichen in den Phoenix-Wohnheimen halten zusammen. (Bild: Andrea Stalder)

Ein Hauch Nervosität flimmert im Raum. Die beiden jungen Frauen setzen sich möglichst weit weg von der Journalistin hin. Man kann sich ja später noch umsetzen. Wir befinden uns in der Küche einer WG für schwererziehbare Jugendliche.

Es ist das bankrotte Phoenix-Wohnheim der Psychologin Monika Egli-Alge. Die beiden stehen nun auf der Seite der möglichen Verlierer im Konflikt zwischen Heimleitung und Gründerin. Schuld daran tragen sie keine. Lena und Desirée* sind zwei der 14 Jugendlichen, die hier zu Hause sind.

Desirée wohnt bereits seit eineinhalb Jahren in Weinfelden. Sie hat mehrere Umplatzierungen hinter sich. So was wolle sie nicht noch einmal erleben. Schmerzhaft, schwierig, unangenehm sei das gewesen. Wo man hinkomme, wisse man nicht. Das bestimmen andere. «Ich brauchte meine Zeit, bis ich hier angekommen bin», sagt sie.

Zum Aufrappeln brauchte sie ein Jahr

Desirée hat Therapien und Klinikaufenthalte hinter sich. Im letzten Wohnheim ist sie rausgeflogen, weil sie ihre Lehrstelle verlor. «Es ging mir nicht gut, und ich konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten», sagt sie. Ein Jahr dauerte es, bis sie sich wieder aufrappeln konnte. «Ich merkte, dass ich mir selbst helfen muss», sagt die 19-Jährige.

Konkursverwalter schmeisst Jugendliche raus

Am Mittwochmorgen hat der Konkursverwalter der Phoenix GmbH dem neuen Verein mitgeteilt, dass die Jugendlichen in der WG in Müllheim bis am Abend das Haus verlassen müssen. Das Haus in Müllheim ist in Besitz der Gründerin der Phoenix-Wohngemeinschaften, Monika Egli-Alge. Der Verein hat bereits auf Anfang März in Frauenfeld als Alternative eine Liegenschaft gemietet, da das Haus in Müllheim stark renovierungsbedürftig ist. Allerdings konnten die Möbel nicht mitgenommen werden und mussten, ebenfalls am Mittwoch, neu gekauft werden. Der Wechsel betrifft drei Jugendliche. (sba)

Nun hat Desirée eine Lehrstelle. Doch ob sie diese antreten kann, ist sehr ungewiss. «Wir haben die Jugendlichen am vergangenen Donnerstag darüber aufgeklärt, wie die Situation derzeit ist. Wir sagten auch, dass es zu Umplatzierungen kommen kann», erzählt Meike Schulz, Teamleiterin der WG Phoenix.

«Umplatzierung wäre schlimm»

Die Stimmung war bedrückt, aber jeder Jugendliche ging anders mit dieser Nachricht um. «Für mich wäre eine Umplatzierung mega schlimm», sagt Desirée. Vielleicht könnte sie je nach Platzierung ihre Lehrstelle gar nicht mehr antreten. So müsste sie wieder von vorne mit der Suche beginnen. Ausserdem:

«Es wurde schon so oft über mich entschieden.»

«Wenn eine Umplatzierung im Raum steht, führt das oft zu einer überfordernden Situation. Es geht um Abschiednehmen und viele der Jugendlichen hier haben schlechte und schwierige Abschiede hinter sich», sagt Schulz. Die Betreuer müssen sich in dieser Situation intensiver mit den Jugendlichen auseinandersetzten. Genau reflektieren, welchen Ursprung die Gefühle hätten, wenn Wut und Enttäuschung aufkämen, sagt Schulz.

Sie musste zum Hintereingang reinschleichen

Die letzten Tage waren für die Jugendlichen geprägt vom Medienrummel. Desirée wurde angeraten, ihre Fensterläden zu schliessen, da ihr Zimmer zur Strasse geht. Lena musste am Freitag zum Hintereingang reinschleichen, um nicht von Reportern belästigt zu werden.

In der Schule wurde sie von Lehrern wie auch Mitschülern gefragt, was denn los sei. «Ich sagte, sie sollen die Zeitung lesen. Mehr wusste ich ja auch nicht», sagt sie.

Die 15-Jährige ist erst seit vier Monaten im Wohnheim. Zu Hause mit den Eltern war es oft stressig. Strukturen fehlten ihr. Mehrere Schulwechsel hat sie schon miterlebt.

«Klar, es ist hier sicher nicht der Traumort und ich hatte auch schon Streit mit meiner Betreuerin – das gibt es ja überall. Aber ich bekomme hier die Unterstützung und die Ruhe, die ich brauche.»

Konkurs bringt wieder Hoffnung

Die Erleichterung über den Konkurs war gross. Desirée erzählt von Glücksgefühlen und der Hoffnung, nun doch die Lehre anfangen zu können. Das Team der Wohnheime hat sich seit der Konkurseröffnung darum bemüht, abzuklären, ob die Jugendlichen wohnen bleiben dürfen.

Lena und Desirée sind froh, bleiben zu dürfen. Dennoch halten sie sich immer noch gegenseitig die Hand. Sie kennen den «Kampf zurück ins Leben». Dass er im Weinfelder Phoenix mit Unterstützung ausgefochten wird, ist für sie eine Erleichterung. Und gut.

* Namen geändert

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