«Es sind drei Glücksfälle»: Der Kreuzlinger Verein Agathu vermittelt erfolgreich Flüchtlinge an Unternehmen

Tenzin Nemdodewatsang, Ali Hassani und Masumeh Alizadeh sind drei Beispiele für gelungene Integration dank Arbeit.

Inka Grabowsky
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Architekt Hanspeter Müller und Lehrling Tenzin Nemdodewatsang.

Architekt Hanspeter Müller und Lehrling Tenzin Nemdodewatsang.

Bild: Inka Grabowsky

«Ich bin sehr dankbar», sagt Tenzin Nemdodewatsang aus Tibet. Der 20-Jährige macht seit dem Sommer eine Lehre als Zeichner bei den Klein und Müller Architekten in Kreuzlingen. «Normalerweise bekommen wir 30 Bewerbungen für jede unserer drei Lehrstellen», sagt Hanspeter Müller. «Tenzin war uns durch seine Geschichte aufgefallen.»

Anders als andere Bewerber konnte er keine guten Zeugnisse als E-Schüler aufweisen – vieles hatte er sich selbst beigebracht – aber seine Werte im Stellwerk-Test beim räumlichen Vorstellungsvermögen und im Bereich Mathematik konnten sich offenkundig sehen lassen. «Parallel zu seiner Bewerbung hat mich Karl Kohli, Präsident der Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau (Agathu), angesprochen. Wir haben zunächst eine einwöchige Schnupperlehre verabredet. Wegen seiner Leistungen kam Tenzin dann in die engere Wahl.»

Vor der Vertragsunterzeichnung hat der Chef sein ganzes Team einbezogen. Im Büro gebe es eine klare Aufgabenverteilung. «Der Unterstift, also der jüngste Lehrling, macht normalerweise zum Beispiel den Telefondienst. Das kann Tenzin noch nicht. Also müssen die Älteren das mit übernehmen.» Nach wie vor besucht Tenzin die Lernwerkstatt von Agathu, um sein Deutsch zu verbessern. Andere Lernende bekommen Nachhilfe in Mathe oder Physik.

Alt Seminardirektor Armin Kuratle kam beispielsweise zu einem Schüler, der ebenfalls Bauzeichner lernen wollte. «Sein Deutsch war kein Problem, aber der Lehrmeister wollte vorab meine Einschätzung, ob er die Geometrie schaffen würde. Und ich war hoffnungsvoll. Jetzt steht dieser junge Mann im zweiten Lehrjahr.»

Übung macht bekanntlich den Meister

Seine zweijährige Lehrzeit gerade abgeschlossen – und zwar als Zweitbester seines Jahrgangs – hat Ali Hassani. Er arbeitet jetzt als Geselle in seinem Ausbildungsbetrieb Gips-Stuck-Trockenbau. Geschäftsführer Udo Günther freut sich über den hoch motivierten Mitarbeiter, der immer schon Handwerker werden wollte. Zuvor hatten einheimische Lehrlinge das eine oder andere Mal die Lehre abgebrochen, weil ihnen die Arbeit auf dem Bau zu hart war.

Gipser Tamer Arslan und Ali Hassani.

Gipser Tamer Arslan und Ali Hassani.

Bild: Inka Grabowsky

Katrin Rutishauser vom Agathu-Programm Integration dank Arbeit (IdA) wusste, dass eine Lehrstelle frei war und vermittelte zwischen Ali und dem Betrieb. Der junge Afghane ist seit 2015 in der Schweiz. Drei Jahre besuchte er Integrations- und Deutschkurse. «Wir hatten nie Kommunikationsprobleme», sagt sein Ausbildner Tamer Arslan, der selbst türkische Wurzeln hat. Er fügt hinzu:

«Das Wichtigste ist, dass jemand Lust hat zu arbeiten.»

Durch die tägliche Arbeit auf der Baustelle haben sich Alis Deutschkenntnisse stark verbessert.

In der Änderungsschneiderei von Gisela und Josef Tekin arbeitet seit kurzem Masumeh Alizadeh, die vor fünf Jahren mit Mann und Kind aus Afghanistan in die Schweiz gekommen war. «Ich habe anfangs Deutschkurse gemacht, und dann bei Agathu gefragt, ob mir jemand bei der Jobsuche helfen kann.»

Felicitas Fiala-Jaussi, die sich ehrenamtlich im Programm IdA engagiert, fragte bei Josef Tekin nach, der selbst vor 35 Jahren eingewandert war und seit 20 Jahren selbstständig ist. «Als wir 1983 herkamen, hat uns Karl Kohli geholfen, der jetzt Agathu-Präsident ist», erzählt der Assyrer. «Und nun wollen wir ihm helfen, anderen zu helfen.» Masumeh bekam zunächst ein Praktikum, das in einer 50-Prozent-Anstellung mündete. «Wir haben gemerkt, dass sie nett ist und gutes Augenmass hat. Das braucht man in der Änderungsschneiderei, weil wir bei der Anprobe entscheiden, wo wir etwas anpassen müssen.»

Erfolg ist nicht selbstverständlich

«Es sind drei Glücksfälle», räumt Katrin Rutishauser ein. Sie sagt:

Katrin Rutishauser, Agathu

Katrin Rutishauser, Agathu

Bild: PD
«Es klappt bei weitem nicht immer. Natürlich kommt es auch vor, dass wir Türen öffnen, die dann von den Beteiligten wieder geschlossen werden, weil es einfach nicht passt.»

Gelegentlich würde es Hindernisse geben, die nur mit viel Geduld überwunden werden können. «Ein junger Mann wollte die eidgenössische Berufsausbildung zum Strassenbauer beginnen. Er wollte, das Unternehmen wollte, schlussendlich scheiterte er aber an der Deutschprüfung, die er für die Berufsschule braucht. Manchmal dauert es länger, bis die Integration dank Arbeit klappt.»

Die ganze Coronapandemie macht es nicht gerade leichter. Niedrigqualifizierte Jobs im Gastgewerbe sind weggefallen. Felicitas Fiala-Jaussi könnte spontan mehrere Menschen vermitteln, wenn sich Chancen auftäten. Doch die seien rar, meint sie. «Das Spital in Münsterlingen suchte kürzlich eine Hilfe für die Küche. Ich rief an, und bekam zu hören, dass für diese eine Stelle bereits über hundert Bewerbungen eingegangen sind.» Ohne Frustrationstoleranz könnte man die Aufgabe als Coach bei IdA nicht meistern. Masumeh, Ali und Tenzin zeigen jedoch, dass es sich lohnt.