Interview

«Es sind die Seelsorger, welche eine Kirche ausmachen – nicht die Immobilien»

Susanne Dschulnigg will eine evangelische Kirche Kreuzlingen mit mehr Elan, Diskussion und Diversität. Sie tritt deshalb am 19. April auch im
2. Wahlgang um das Präsidium an.

Martina Eggenberger Lenz
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Susanne Dschulnigg blickt aus dem Fenster ihrer Wohnung am Felsenburgweg in Kreuzlingen.

Susanne Dschulnigg blickt aus dem Fenster ihrer Wohnung am Felsenburgweg in Kreuzlingen.

(Bild: Andrea Stalder)

Im ersten Wahlgang am 15. März haben Sie eine Stimme mehr gemacht als der amtierende Präsident Thomas Leuch. Sie wirkten damals nicht zufrieden. Wie beurteilen Sie das Resultat nun mit etwas zeitlichem Abstand?

Susanne Dschulnigg: Im Nachhinein finde ich: Es ist ein gutes Resultat. Ursprünglich bin ich davon ausgegangen, dass ich am 15. März gewinne – oder verliere. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass das Ganze in einen zweiten Wahlgang münden könnte. Aber eine Stimme ist eine Stimme. Und ich kann meinen 300 Wählern doch nicht sagen, dass ich nicht weiter mache.

Sie haben Thomas Leuch mehrfach Führungsschwäche vorgeworfen. Das ist ein harter Vorwurf.

In der Aussenposition, in der ich als Kirchbürgerin nun bin, stelle ich fest, dass ich kaum Informationen aus der Kirche erhalte. Wahltag ist Zahltag. Zwei Jahre hat er für eine Lösung im Glockenstreit gebraucht. Beim Kirchgemeindehaus ist unklar, wie es weiter geht, eine neue Pfarrerin wird einfach zu 60 Prozent angestellt. Der Präsident ist nicht sichtbar. Er sitzt die Dinge einfach aus. Das ist der Grund, weshalb ich mich entschieden habe, anzutreten.

Nehmen wir das Beispiel des Glockenschlags. Wie hätten Sie da konkret reagiert?

Die ausgehandelte Lösung lag auf dem Tisch. Die Katholiken haben sie sofort umgesetzt. Das hätten wir auch tun sollen.

Dann hätten Sie in Kauf genommen, damit einige Kirchbürger zu verärgern?

Man muss doch situationsadäquat handeln. Ja, bei der Abstimmung vor sechs Jahren unter meiner Ägide hat sich eine knappe Mehrheit gegen das Aussetzen des nächtlichen Schlags ausgesprochen. Aber nun war mit der Lärmklage die Ausgangslage noch einmal ganz anders. Zudem hat die ganze Zuwarterei ja nichts gebracht.

Es stört Sie auch, dass es mit der Revision der Gemeindeordnung nicht vorwärtsgeht.

Die liegt doch praktisch fertig in der Schublade. Sie zu revidieren, ist ein Auftrag und längst überfällig. Wieso macht man da nicht vorwärts? Es geht immerhin um neue Regelungen der Finanzkompetenzen und der Organisationsstrukturen. Immer wird alles auf die lange Bank geschoben.
Beim Kirchgemeindehaus sieht es ähnlich aus. Nach der Abstimmung vor bald einem Jahr wurden wir Vertreter des Gegenkomitees zu einem Gespräch eingeladen. Seither haben wir nichts mehr gehört.

Wie würden Sie denn mit dem Kirchgemeindehaus weiter verfahren?

Wir sollten das Thema Immobilien noch einmal angehen und eine Gesamtstrategie erarbeiten. Wir müssen uns tatsächlich die Frage stellen, ob wir noch ein Kirchgemeindehaus in dieser Grösse brauchen und falls ja, wen wir mit ins Boot holen könnten. Dass die Kirche für sich alleine das Haus saniert, betrachte ich als unrealistisch. Schauen wir den Tatsachen ins Auge. Beim Bau war die Hälfte der Einwohner reformiert, heute sind es noch rund ein Viertel. Der Saal wird zu selten genutzt. Es sind nicht die Liegenschaften, welche eine Kirche ausmachen. Was wirklich zählt, ist die Seelsorge. Dass in Zukunft im Saal des Kirchgemeindehauses Menschen aller Altersgruppen zusammen kommen werden, ist Wunschdenken.

Sie kritisieren die aktuelle Informationspolitik der Kirchgemeinde. Wie würden Sie es besser machen?

Mein Plan ist, ein Forum zur Mitbeteiligung zu gründen. Es ist mir wichtig, die Diskussion darüber zu führen, wie sich unsere Kirchgemeinde positionieren will. Wir bedienen im Moment einfach noch zu wenige Milieus.

Welche Milieus werden denn aus ihrer Sicht gut bedient?

Sicher die Klientel des Open Place. Aber auch die traditionell eingestellten Kirchbürger kommen auf ihre Kosten, um die Kinder kümmert man sich auch. Ich würde aber gerne im Bereich Erwachsenenbildung mehr machen. Es wäre schön, wenn sich mehr Menschen, die intellektuelle Herausforderung suchen, angesprochen fühlten.

Die Kirchenvorsteherschaft ist eine Kollegialbehörde. Mit Vertretern, die eher eine konservative Linie fahren wollen. Wie gehen Sie mit dieser Ausgangslage um?

Das Gremium müsste sich finden, ganz klar. Zuallererst auf einer organisatorischen Ebene, um gemeinsam die anstehenden Aufgaben zu lösen. Geht es um die theologischen Fragen, wäre es mir wichtig, die Mitarbeitenden gut einzubinden in die Entscheidungsfindungen. Sie sind das Wichtigste an der Kirche. Es wird sicher Diskussionen geben und man wird auch immer wieder Kompromisse finden müssen.

Können Sie sich unterordnen?

Klar, ich vertrete die Kirchgemeinde gegen aussen. Aber meine persönlichen Vorstellungen von Theologie müssen nicht überall zum Vorschein kommen. Ich möchte einfach für verschiedene Zielgruppen Gefässe anbieten. 98 Prozent der Kirchbürger gehen nicht in Gottesdienste. An die will ich mich auch richten.

Die Hälfte der Kirchbürger hat Sie im ersten Wahlgang nicht gewählt. Wie wollen Sie auf diese zugehen?

Ich glaube, ich habe als Präsidentin bewiesen, dass es unter meiner Führung möglich ist, dass sich viele Menschen in dieser Kirchgemeinde abgebildet sehen.

Nun haben wir die Coronakrise. Reagiert die Kirchgemeinde der Situation angemessen?

Das Virus zeigt uns auf, welchen Stellenwert Kirche in unserer säkularisierten Welt noch hat. Sie kann in diesem Moment da sein und Hoffnung geben. Das machen die Kreuzlinger Seelsorger. Sie sind präsent und nehmen die Sorgen und Nöte ernst. Sie machen das gut.

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