Es gibt nur noch wenige Exemplare: Hans Thomann aus Märwil ist Hüter und Bewahrer des Affelträngler Birnbaums

Der 69-Jährige Märwiler sorgt dafür, dass die seltene Sorte Affelträngler Birne nicht ganz aus der Region verschwindet, aus der sie kommt und der sie ihren Namen verdankt.

Sabrina Bächi
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Hans Thomann unter einem mindestens 100 Jahre alten Affelträngler Birnbaum.

Hans Thomann unter einem mindestens 100 Jahre alten Affelträngler Birnbaum.

Andrea Stalder

Wenn er in eine Birne beisst, weiss Hans Thomann sofort, ob es eine Affelträngler ist. «Sie hat einen unverwechselbaren Geschmack», sagt der Märwiler. Schwierig zu beschreiben, aber unverkennbar. Die kleine Frucht hat es dem 69-Jährigen angetan. Nebst seiner Frau ist sie wohl die grosse Liebe in seinem Leben. Oder vielleicht eher die grosse Leidenschaft. Denn eines ist sicher: Wenn Hans Thomann über die sehr selten gewordene Affelträngler Birne spricht, dann spürt man die Leidenschaft, mit welcher er die wenigen verbliebenen Bäume pflegt.

Die Blüten des seltenen Birnbaums.

Die Blüten des seltenen Birnbaums.

(Bild: Andrea Stalder)

Der Affelträngler Birnbaum ist ein stolzer Obstbaum. Bis zu 100 Jahre alt kann er werden. Wenn er denn ein bisschen Pflege erfährt. Erst kürzlich hat sich die Gemeinde bei Thomann im Gemeindeblatt bedankt, weil er einen Affelträngler Birnbaum vor dem Gemeindehaus pflanzte. Der Vorgänger – ebenfalls ein Affelträngler – starb.

Er weibelt für den seltenen Baum

Auch sonst weibelt der rüstige Senior für seine Birnen. «Wenn ich bei jemandem im Garten genügend Platz erblicke, spreche ich die Leute oft darauf an, ob sie nicht einen Affelträngler Birnbaum pflanzen wollen», sagt er. Er selbst zieht rund zehn Bäume in seinem Garten. Weitere Jungbäume stehen in der ganzen Region verteilt. Einige davon tragen heuer zum ersten Mal Blüten und hoffentlich im Herbst dann auch Früchte. Auch wenn es für die erste Ernte länger dauert, «dafür hält er dann umso länger», gibt Thomann zu bedenken.

Hans Thomann zeigt einen jungen Brinbaum, den er nachziehen liess.

Hans Thomann zeigt einen jungen Brinbaum, den er nachziehen liess.

(Bild: Andrea Stalder)

Der Affelträngler ist entsprechend ein Zukunftsprojekt. «Wer einen Affelträngler pflanzt, weiss, dass die Früchte erst die Nachkommen ernten», sagt Thomann. Es sollte eine gutüberlegte Entscheidung sein, denn der Birnbaum steht bei guten Bedingungen mehrere Jahrzehnte im Garten.

«Für die Bauern ist diese Art von Baum nicht mehr wirtschaftlich.»

Dies ist der Grund, weshalb der aus der Region stammende Baum heute sehr selten geworden ist. Thomann weiss nur von etwa zehn Exemplaren, die es noch in der Region gibt, von welcher der Baum seinen Namen hat. Einst hatten viele Landwirte eine Affelträngler Birne auf dem Feld oder im Garten. «Heute gibt es noch zwei bis drei, die aus Tradition einen Baum haben», sagt er.

Kleine Früchte

Es gibt mehrere Gründe, weshalb der Baum vom Aussterben bedroht ist. «Es ist eine Tröpflerbirne», erklärt Thomann. Das heisst, die Früchte sind sehr klein. Hinzu kommt, dass man die Früchte nicht vom Baum schütteln kann. Nur was auf den Boden fällt, kann man ernten. Massenernte ist nicht möglich, täglich muss das Obst aufgesammelt werden.

«Und man muss sie schnell verwerten. Es ist kein Lagerobst.»
Die Birnen des Affelträngler .

Die Birnen des Affelträngler .

(Bild: PD)

Die Birnen seien im reifen Zustand innen sehr «teig», also weich. Ideal eignet sie sich zum Dörren. «Früher war es eine sehr begehrte Dörrbirne.» Nicht zuletzt lohnt sich aber auch das Schnapsen mit der Affelträngler. «Da die Birne sehr süss ist, gibt es einen hervorragenden Schnaps», sagt Hans Thomann. Er stellt seit Jahren Affelträngler Birnenschnaps her. Selbst trinkt er jedoch keinen Alkohol. Seine Frau auch nicht. Aber die Kinder kämen gerne vorbei, um jeweils zu degustieren.

Einsatz für den Erhalt der Sorte

Vor Hans Thomann hat sich vor allem Werner Kägi um die Affelträngler Birnen gekümmert. Mit einer Knospe ging er zu einem Baumspezialisten und sorgte dafür, dass wieder junge Bäume der seltenen Birnenart gedeihen konnten. Thomann hat diese Aufgabe nun übernommen.

«Mein Bestreben ist, dass man die Birnensorte erhalten kann.»

Und das brauche halt auch Zeit, Geduld und nicht zuletzt ein bisschen Freude daran, etwas sehr Seltenem den Platz und die Aufmerksamkeit zu schenken, welche der Affelträngler braucht. «Ich betrachte diesen Baum als Kulturgut. Wenn sich niemand darum kümmert, stirbt es aus.»

Affelträngler Birne

Perlförmig und süss

Die Affelträngler Birne stammt ursprünglich aus der Region rund um Affeltrangen, daher der Name. «Einst gab es auch einen Affelträngler Apfel», sagt Urs Müller, Leiter Obst Gemüse Beeren am LBBZ Arenenberg. Die Apfelsorte ist jedoch verschwunden. Die Birne gibt es im Kanton nur noch sehr selten, sagt Müller. Angebaut wurde sie nur im Unter- und Hinterthurgau. Es ist eine sehr alte Sorte. Aber: «Es ist wahrscheinlich, dass es die Birne in ein paar Jahren nicht mehr gibt.» Die Frucht ist perlförmig und goldgelb in reifem Zustand. Ihr Fleisch läuft direkt in den Stiel über. Sie ist süss und war früher eine gesuchte Dörrbirne.