«Es fehlt immer noch an vielem»: Der Bottighofer Unterstützer der Schulen in Osteuropa tritt in die zweite Reihe zurück

Der ehemalige Kreuzlinger Lehrer Martin Richard gibt das Präsidium des Vereins Pro Schule Ost ab. 190 Hilfsgütertransporte mit rund 18'000 Pulten, 38'000 Stühlen und 2000 Wandtafeln fanden unter seiner Ägide in den letzten 24 Jahren den Weg nach Rumänien, Moldawien, Ungarn oder in die Ukraine.

Emil Keller
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Martin Richard zieht sich als Präsident zurück.

Martin Richard zieht sich als Präsident zurück.

(Bild: Emil Keller)
«Hier lagern wir Wandtafeln, dort drüben die Pulte und einen Stock über uns liegt Schulmaterial.»

Martin Richard bewegt sich so zielsicher durch das dreistöckige Lagerhaus, als wären es seine eigenen vier Wände. Kein Wunder: als Mitgründer des Vereins Pro Schule Ost hat er hier grosse Teile seiner Freizeit und seiner Ferien verbracht. «20 bis 30 Stunden pro Woche bin ich hier beschäftigt», sagt der ehemalige Kreuzlinger Lehrer.

Begonnen hat alles vor 24 Jahren an einer christlichen Erzieherkonferenz. Der Rektor eines ungarischen Gymnasiums berichtete dort von seinem scheinbar unlösbaren Problem, alle Schulbänke ersetzen zu müssen. «Einige Lehrerkolleginnen und ich organisierten daraufhin einen Transport», erinnert sich Martin Richard. Schnell sprach sich dort die Spende herum und weitere Schulen erbaten Hilfe. Aber auch in der Schweiz waren die Schulhäuser froh, ihr ausgedientes Mobiliar nicht einfach wegwerfen zu müssen.

18'000 Pulte fanden eine neue Schule

190 Hilfsgütertransporte mit rund 18'000 Pulten, 38'000 Stühlen und 2000 Wandtafeln hat der Verein Pro Schule Ost in den vergangenen 24 Jahren nach Osteuropa versandt. Nun hat der Präsident der ersten Stunde, Martin Richard, seinen Posten an Hans Jörg Länzlinger in Kesswil übergeben. Richard bleibt dem Verein jedoch noch als Lagerchef erhalten. Neuer Kassier nach Andreas Günter wird Walter Hasen.

Heute fahren zwölf bis 15 Lastwagen pro Jahr nach Osteuropa. Vollgepackt mit allerlei Mobiliar und Schulmaterial haben sie jeweils Dorfschulen oder Gymnasien in Rumänien, Moldawien, Ungarn oder neuerdings auch der Ukraine zum Ziel. 35 freiwillige Helfer wirken jeweils mit, damit alles richtig abgepackt und sortiert ist. Sekretärin Doris Günter sorgt dafür, dass die korrekten Zollpapiere ausgefüllt sind.

Was Richard und auch viele der Helferinnen und Helfer dabei antreibt, unzählige Stunden ihrer Freizeit zu opfern, ist die Wertschätzung und Dankbarkeit für ihre Arbeit. Martin Richard sagt:

«Ich hatte eine geborgene Kindheit, durfte einen guten Beruf erlernen und diesen ein Leben lang ausüben. Diese Arbeit für Menschen, die nicht so viel Glück im Leben hatten wie ich, ist für mich eine schöne Möglichkeit, etwas zurückgeben zu dürfen.»

Alle paar Jahre reist eine Delegation des Vereins vor Ort, um zu sehen, was aus ihren Lieferungen geworden ist. Über die Jahre hat sich das Vertrauen darauf gefestigt, dass trotz gelegentlicher Korruption die Hilfslieferungen auch wirklich am richtigen Ort ankommen.

Auch Martin Richard war viermal dabei in Rumänien oder Moldawien und hat bittere Armut miterlebt. Es fehlt an vielem, angefangen bei Schulheften, über Rollstühle bis hin zu Gartenwerkzeug. Viele Familien auf den Dörfern hätten sechs bis zehn Kinder und kommen mit einfacher Landwirtschaft gerade so über die Runden. Zusätzliche Mittel für eine ordentliche Bildung oder eine Lehre blieben dabei jedoch nicht übrig.

Auch mit neuen Schulmöbeln sind da noch längst nicht alle Probleme aus der Welt geschafft. Undichte Schuldächer oder ausstehende Lehrerlöhne sind Herausforderungen, mit denen sich die Schulleiter tagtäglich herumschlagen müssen. Der Bottighofer macht sich deshalb auch keine Illusionen, dass er mit seinem Engagement die Welt retten könnte.

«Ich sehe meine Arbeit mehr als kleinen Öltropfen, der das Getriebe ein weniger runder laufen lässt.»

So beschreibt Martin Richard seine Einstellung. Offiziell hat das Lager von «Pro Schule Ost» neben dem Gemeindehaus in Lengwil nur Montag und Mittwoch nachmittags geöffnet. Aber der rüstige 70-Jährige glüht förmlich vor Energie und Tatendrang und ist immer auf Achse, rettet kaputte Velos vor dem Verschrotten, sammelt Secondhandkleider ein oder schnürt Pakete mit Teigwaren.

«Doch mittlerweile macht sich der Rücken bemerkbar», sagt Richard und hat sich dazu entschlossen, einen Gang runterzuschalten. Nach 24 Jahren gibt er das Präsidium des Vereins ab. Damit will er sicherstellen, dass es weitergeht mit der wertvollen Arbeit.

«Am besten wäre es natürlich,
wenn unsere Hilfe nicht
mehr gebraucht würde.
Aber davon sind wir leider
noch weit entfernt.»
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Das Hilfswerk Pro Schule Ost transportiert ausgedientes Schulmaterial nach Rumänien und Moldawien, und in Bulgarien unterstützt es Brockenstuben. Martin Richard ist fast täglich für den Verein unterwegs.
Nicole D’orazio